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Komm! Ins Offene haus für poesie
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Komm! Ins Offene haus für poesie
Kritik

Für eine neue Shakespearomanie

Hamburg

Auch mir ging es so, als ich in jugendlichem Rausch die vier Bände Shakespeare der Lambert-Schneider-Ausgabe in Schlegel-Tieck‘scher Übersetzung verschlungen habe: Bei den beiden Verserzählungen schwand auch mein Elan.

Andererseits wurmten sie mich, wie blinde Flecken immer wurmen: Vielleicht ist das was, wäre da was, wenn ich mir Geduld dafür nähme… Aber auch, als ich sie schließlich doch gelesen (mir reingequält) hatte, blieben diese Gedichte noch unzugänglich, jedenfalls leicht vergessbar. – So war es mit dem ganzen Shakespeare: Man ahnte zwar, da ist etwas sehr groß und sehr gut, aber man schabt gewissermaßen nur über die Oberfläche des Gewebes.

Entsprechend begeistert hat mich von Anfang an Frank Günthers Neuansatz:

Er ist als Shakespeare-Übersetzer eine hervorragende Ausnahme. Seit 50 Jahren arbeitet er allein an der Übersetzung des Gesamtwerks. Er verbindet theaterpraktische mit philologischer Erfahrung, er nimmt sich zurück, bemüht bei aller Genauigkeit um einen lesbaren Text, durch den man gut durch kommt, ohne sich an stilistischen Verunglücktheiten aufhalten zu müssen. Günthers nachdichterisches Selbstbewusstsein ist uneitel (denn er braucht seine Übersetzungen nicht an den Ton eines eigenen dichterischen Werkes anzupassen) und bleibt immer kritisch. Seine Nachdichtungen verweisen immer auf das Original.

Er ist eben ein echter Übersetzer. – Besonders hilfreich fiel mir das bei seiner Übertragung des (traditionell als unübersetzbar eingestuften) Love‘s Labour‘s Lost auf, wo Günther seine übersetzerischen Entscheidungen in Nachwort und Anmerkungen immer wieder demontiert, in Frage stellt und uns damit zu Komplizen seiner Arbeit macht, und damit aber auch den Originaltext näher bringt, als alle anderen Übersetzungen.

Frank Günthers Shakespeare also ist mehr als „der Shakespeare für unsere Zeit“, es ist ein fordernder Shakespeare, eine Übersetzung, die immer eine vergnügt begehbare Brücke baut zum Originaltext und dem Kontext seiner Entstehung; man hat den Eindruck, in diesen zweisprachigen Ausgaben mit den sympathischen Nachworten „Aus der Übersetzerwerkstatt“ den unverzichtbaren definitiven Shakespeare für Deutschsprachige zu lesen.

Ich habe in den letzten 20 Jahren immer wieder anhand der Bände dieser Übersetzung meine Shakespeare-Rezeption nachgeholt. Zunächst waren sie ja, schwarz und erschwinglich, bei Dtv erschienen, später teurer, dafür in Textil gebunden, fadengeheftet, mit zwei Lesebändchen und so solide gearbeitet, dass sie Rucksackreisen (von denen heutige Taschenbücher meist halb kompostiert zurückkehren) unbeschadet überstehen können, bei ars vivendi in Cadolzburg.

Und nun also die Verserzählungen, bei denen wie gesagt, der Elan der Shakespeare-Leser traditionell erlahmt: Venus und Adonis als Komödie, Die Schändung der Lucretia als Tragödie. Das Klassische, die Herkunft aus der, heute nur noch rudimentär vertrauten griechisch-römischen Mythologie schreckt wahrscheinlich auch eher ab. Verse, die man, als rhythmisch Gesprochenes, in einem Theaterstück gerade noch zu ertragen meint, werden, wenn sie das Vehikel einer Erzählung abgeben sollen, leicht vorverurteilt, monoton, altbacken, eben unzeitgemäß zu sein.

Aber schon im Titel seines Essays „Aus der Übersetzerwerkstatt“ baut uns Frank Günther auch hier eine Brücke: „Nein heißt Nein: #Mee Too ♂ und #Me Too ♀ und ein bißchen Porno“… – Ach?! Das interessiert uns dann ja schon!

Wir erfahren, dass Shakespeare diese Verserzählungen vermutlich als sein Hauptwerk angesehen hat (im Gegensatz zu den, für den Pöbel geschriebenen Unterhaltungsstücken), wir lernen, was es mit dem erstaunlichen und originellen Nacherzählen bekannter Stoffe auf sich hatte, dass die beiden Gedichte als Bilderreigen erzählt sind, vergleichbar einem Storyboard für einen Film, wir erhalten eine (auch für Laien nachvollziehbare) Einführung in die Vers- und Strophenform, Überlegungen zum Reim und schließlich einen Schlüssel, nämlich Gründe, warum wir diese Jugendwerke Shakespeares überhaupt lesen sollen:

Vielleicht, weil‘s Spaß machen kann, wenn man sich auf die befremdlichen Regeln dieses Literaturspiels erst einmal einlässt? […] Vielleicht, weil es sich bei beiden Texten um die ovidianische Märcheneinkleidung eines Themas handelt, das […] gerade heute gesellschaftliche Debatten bestimmt: […] Es geht um die individuelle sexuelle Selbstbestimmung und Straftaten gegen dieselbe: sexuelle Nötigung, sexueller Missbrauch, sexueller Übergriff, Vergewaltigung.

Und er hat recht.

Und immer, wenn es einem ein bisschen lang wird, wird man doch wieder belohnt. Dass da eine erwachsene Frau Verführerin eines männlichen Kindes ist (das sogar klagt, „lass mich in Ruhe, ich bin zu jung für die Liebe!“), macht unsere Empfindungen beim Lesen der Geschichte noch verwickelter. (Wäre es ein Humbert Humbert, der ein Mädchen belästigte, wären die Fronten und unsere Gefühle bemerkenswerterweise von vorn herein viel klarer.)

Erzählerisch ist das sehr gut aufgebaut, Metaphern tragen Handlung, ein raffiniertes Spiel mit Motiven, Subtexten und Rekursionen:

Ihr Lied war endlos, zog sich durch die Nacht,
Denn was Verliebten kurz scheint, währt oft lang:
Sie denken, was sie selber glücklich macht,
Entzückt auch andre, als wär‘s von Belang:
            All die Geschichten, die sich lang hinwinden,
            Die hörn nie auf, selbst wenn Zuhörer schwinden.

Günthers übersetzerische Entscheidungen kann man dabei immer (mit Blick auf die linke Seite) in Frage stellen, wenn man möchte. Er hat flüssig lesbare Gedichte geschaffen, deren Nähe zum Original ständig überprüfbar ist. Die Schönheiten von Venus und Adonis – und damit die Schönheiten der Übersetzung – strotzen uns auf jeder Seite entgegen:

Wirr bist du, gläubig-ungläubiges Lieben!
Glaubst nichts und bist zugleich leichtgläubig offen!
Dein Wohl, dein Weh, stets maßlos übertrieben;
Bist lächerlich im Fürchten wie im Hoffen:
            Hoffen macht mit Unmöglichem dich dumm,
            Bei Möglichem bringt Furcht dich lebend um.

Dann, bei der Schändung der Lucretia kommt hinzu, dass es um viel mehr geht als um verschmähte Lust. Hier gibt es mit Collatinus (Lucretias Mann) eine dritte, abwesende Figur, die das Kammerspiel zur Außenwelt hin öffnet. Auch hier ist alles sorgfältig motiviertes Detail, nur viel ernster, gewichtiger, ein Spiel um Vertrauen, Freundschaft, Macht, Acting out, dass in einer Vergewaltigung kumuliert und im Selbstmord des Vergewaltigungsopfers gipfelt. – Der Shakespeare‘schen Lucretia ist vorgeworfen worden, sie unterwerfe sich mit ihrem Suizid nur der herrschenden Ideologie, nach der die Frau unangetastetes (reingehaltenes = von niemand anderem geschwängertes) Eigentum ihres Mannes ist. – Im Text eindringlich beschrieben wird aber, was bestimmt auch heute noch als Folgen einer Vergewaltigung gilt: Lucretia ist in einem Schockzustand, ihre Selbstbestimmung wurde verletzt, und sie nimmt sie sich mit ihrem Selbstmord zurück.

Wir sind immer nah an den Figuren dran, an ihren Gefühlen, Uneindeutigkeiten und an den kleinen missglückenden Gesten. (An King Lear lieben wir, dass dessen letzte Worte sind „Ich bitt Sie, hier den Knopf auf: Danke, Sir.“ – Hier ist es Collatin, der nach Lucretias Selbstmord derart vernichtet ist, dass er vor Wut und Leid zwar spricht, aber keiner der Umstehenden verstehen kann, was er sagt.) Wir müssen das innere Ringen des Täters Tarquin mit sich selbst (und das äußerst dünne Eis seiner Entscheidungsfreiheit) aushalten, wie auch die Verfassung des Opfers. Großartig ist dargestellt, wie Lucretia (in ihrer desolaten Situation) versucht, ihrem Mann eine Nachricht zu schreiben:

Die Magd ist fort, und sie macht sich ans Schreiben,
Ihr Federkiel schwebt zögernd überm Blatt.
Gram und Gedanken reiben sich und treiben;
Das, was der Kopf schreibt, ist dem Herz zu glatt.
Dies zu gedrechselt, das zu plump und platt:
            Wie wenn sich‘s Volk drängt durch ein enges Tor,
            So drängelt sich ein Wort vorm andern vor.

Großartig auch, wie Lucretia ungeduldig den Boten erwartet, der ihren Mann holen soll, damit sie ihm erzählen kann, was passiert ist. Während sie wartet – und wir mit ihr – sieht sie sich ein Gemälde des trojanischen Krieges an und sucht auf dem Bild eine Figur, deren Leid ihrem eigenen entsprechen könnte… Großartig, wie sie hadert und sich selbst die Worte im Mund umdreht.

Und damit komme ich schon zu weiteren Gründen, aus denen wir die Verserzählungen Shakespeares lesen sollten, und zwar in Frank Günthers Übersetzung:

Weil es nämlich tatsächlich Spaß macht.

Und weil wir überhaupt mehr Shakespeare lesen sollten, um unser, von den Sozialen Medien verhunztes Denken, das nur noch nach dem schnellen Kick eines Gut-Böse oder Richtig-Falsch sucht, wieder zu schulen darin, die verwickelte Wirklichkeit der Welt und der Leute neugierig und empathisch anzusehen, anstatt uns vorschnell über sie zu entrüsten. – Damit gäben wir uns eine Chance, aus unseren moralischen Komfortblasen heraus zu treten. Am Ende begännen wir gar noch, einander ein bisschen verstehen zu wollen, und was sich daraus ergeben könnte, mag man sich gar nicht ausmalen…

Ich jedenfalls danke Frank Günther und ars vivendi für Band 39 der Shakespeare-Gesamtausgabe und freue mich schon auf die Sonette, die im kommenden Herbst erscheinen sollen.

 

William Shakespeare
Venus und Adonis - Die Schändung der Lucretia - Nichtdramatische Dichtungen [Zweisprachig] (Shakespeare Gesamtausgabe, Band 39)
übers. von Frank Günther
ars vivendi
2019 · 320 Seiten · 40,00 Euro
ISBN:
978-3-89716-194-8

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