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Kritik

Ich glaube, ich bin reich

Hamburg

Vollmann hat einen ziemlichen Schuss weg. Egal, was er macht, worüber er schreibt, wie er schreibt. Das ist sein Vorteil. Nicht unbedingte Narrenfreiheit, aber eine enorme Kraft, vermeintliche Grenzen zu durchstoßen, ist hier am Werk. Dabei ist sein Hauptwerk noch lange nicht auf Deutsch erschienen, und es dauert wohl auch noch eine Weile, bis seine Exkursionen in seltsame Reiche hierzulande auftauchen werden. Suhrkamp nimmt sich nicht unerfolgreich einigen "kleineren" Werken an, und so ist es kein Wunder, dass Arme Leute, eine sogenannte Reportagensammlung, deren Hauptproblem ist, dass sie in dieser rasenden Weltgeschichte jetzt schon überholt sein dürfte, soeben erschienen ist. Das Original kam bereits 2007 heraus, den Dostojewski-Titel versteht Vollmann wörtlich. Es geht – wie so oft – um seine eigenen Reisen in verbotene, hässliche, dunkle Gebiete der Menschheit, um über seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse in direkter, recht ungekünstelter Weise zu sinnieren. Dabei geht einem sein Selbstlob, das nirgendwo zurückgehalten wird, beträchtlich auf die Nerven, genauso wie seine Taktlosigkeit, sein Nichtinstinkt und seine vermeintliche Wissenschaftlichkeit bzw. Methodengaukelei. Es scheint, anders als beispielsweise bei Talese oder anderen Rechercheuren des sogenannten New Journalism mit ihrem Minimum an wenigstens Bescheidenheit oder zumindest Fünkchen von Humor oder Selbstdistanz, dass Vollmann einzig und ausschließlich Anziehungskräften seiner eigenen Abgründe folgt. Wie eine Form von Magnetismus kann er nicht anders und übrig bleibt unverschleiert Few Journalism bis No Journalism.

Dies vorausgesetzt allerdings, kann sich ein erstaunliches Werk, auch hier, entfalten. All die zahllosen Interviews, die eigentlich keine sind, die hunderte Fotos ("selbstgeschossen") im Band, die merkwürdigen Schilderungen und zuvorderst die schändlichen Verhältnisse der condition humaine, die Vollmann aufsucht, von New York bis Madagaskar, von Kasachstan bis Japan, lassen einen sprachlos zurück. Sieht man von seinen besagten Unfeinheiten ab und gesteht man ihm die eigene Ratlosigkeit zu, steht er vielleicht sinnbildlich für den generellen Umgang mit jenen sogenannten "Armen Leuten". Vollmanns Ausstellen der aufgesuchten Personen in Artikeln wie auch Fotos, sein manisches Beschreiben der "Hässlichkeiten", der weirdness erinnert nicht wenig an das Werk der großen Fotografin Diane Arbus und ihrer Monografien aus den Exzentrismen im Amerika der 60er Jahre. Vollmann schafft viel eher, als das er sinnvolle journalistische Erkenntnisarbeit leistet, ein äußert persönliches Portrait von Menschen, deren Nähe er nicht erlangen kann, so sehr er auch versucht, hinter ihr So-Sein zu kommen: "Warum bist du arm?" Menschen wie die beiden Kyotoer Obdachlosen Kleiner Berg und Großer Berg vergisst man nicht so schnell.

Immer stärker stellt sich im Buchverlauf die eigene Betroffenheit Vollmanns heraus, wenn er in einem langen Abspann von den "Armen Leuten" auf dem Parkplatz vor seiner Haustür schreibt und das besondere Verhältnis/ Nichtverhältnis, das er zu ihnen pflegt. Die Stahltüren, die Stacheldrahtgitter, aber auch die Zigaretten, die er ihnen am Feuer anzündet.

Vollmann ist auch in Arme Leute jenseits von vielem, was man heute schreiben könnte/ dürfte. Er ist mutig (und wohl selbstbesessen genug), es tatsächlich durchzuziehen und lebt mit den Konsequenzen. Vielleicht wäre seine reine Fiction mehr zu empfehlen, oder die "Sachbücher" dürften nicht als solche verstanden werden. Vollmann ist ein faszinierender Solitär und geht diesen Weg konsequent. Er steht für eine Kraft, die Literatur haben darf. Arme Leute ist eine ziemliche Ansage. Gewollt, inszeniert, mitunter peinlich und trotzdem ins Schwarze.

William T. Vollmann
Arme Leute
Übersetzung:
Robin Detje
Suhrkamp
2018 · 448 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-518-07361-2

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