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Kritik

„Lyrik ist die Sprache, die uns denkt".

Hamburg

Jeder Gedichtband folgt seinem eigenen Psychogramm. Auffällig wird mir dies wieder bei den Texten von Wolfgang Berends im Band „Nach Durchsicht der Wolken". Scheinbar hermetische Texte, befremdliche Bild-Collagen brechen plötzlich auf und eine wundervoll poeti­sche Welt kommt zum Vorschein, auf den Kopf gestellte Formulierungen ent­knoten sich zu tiefen Wahrheiten:

„In der Zukunft werden wir / die Vergan­genheit sterben: //... // In diesem Licht / übergeht / die Erinnerung, beendet / das Wort, unendlich / langsam. // ..." (Er­danziehung) Ich komme als Leser ins Stolpern, stoße mir an der Grammatik den Kopf, schramme mir die Knie auf... Ja! Aber ich stehe auf und lese weiter und bin fasziniert. Etwas Magisches steckt in den Texten: „Es ist wichtig, Schneeflocken / beim Fallen zuzuhören, / sie bauen uns eine Brücke / in den Himmel. // ..." (Ins Ziel gelenkt), „Den Winter über steht / am Haus ein Da­men- / Fahrrad, verrostet, Schnee / auf dem Umriß. // Jetzt blüht der Flieder. // ... // Ich bin aus dem Leben / gefahren in / einem Oldtimer." (Zeitzeichen), „Das Kind sagt zu mir: / Dein Besitzer will die Frau / sprechen, und als ein Segel, / nicht vom Wind, sondern / vom Men­schen bewegt, ist / der Schall im Raum gefangen. // ... // In diesem verspielten Wissen / sucht jeder die Schuld / aus seiner Wunde: / So bleiben wir / jung, wenn sie alt sind." (Schwerelos lieben) oder     „… / Drehen und bleiben, / da flie­gen Funken / zur Freundschaft. // ..." (Die letzte Ablage)

Wolfgang Berends dreht sich mit sei­nen Texten nicht im Kreis. Er klopft un­sere Sprache ab. Manchmal auch unter Zuhilfenahme von Klassikern wie Ödipus oder Stifter ... Vor allem aber durch­forscht er das Private und bewahrt sich dabei den Blick für das große Ganze. Poesie ist sein Zauberwort, um die Ma­gie des Alltags festzuhalten.

„… // Aber komme ich näher der vertrauten Spur, / erkenne ich, daß eine Pflanze ein Ding ist, / das in der Erde steckt und einen Selbstauslöser hat. // ... / Und ich sitze hier / und mache aus Pulver Blei." (Na­tur, verbunden), „Wie krank ist unser Himmel! - / Jetzt werden schon die Wolken Dichter / und die Lücken zwi­schen den Körpern / verschaffen uns die Bilder. // ..." (Gedankensprunggelenk)

Immer wieder bricht sich in Berends Texten der Witz im Irrwitz seine Bahn:

„… / uh, ist das schön, im Sitzen zu gehn." (Menschsein) oder der dich im Mark treffende Hintergedanke: „Wir können / unserer Natur nach- / denken, hinterher, / also will etwas / bleiben im Stein, / wie das Flötenspiel / im Innern des Kinds." (Verstehen) Wir entdecken: „... // Das Staunen ist / eine Eintagsflie­ge in der Ewigkeit." (Klopfzeichen)

- was bleibt dem Rezensenten da jetzt noch zu sagen?

„... // Wer blickt schon hinter sich, / wenn er sich rückwärts / nach vorne bewegt?" (Augen für den Hund)

Er weiß:

„… // Lächelnd ent­grenzt / bin ich dichter dran, wenn ich unversehrt / den Vers ehre, den ich nicht / verstehe ..." (Vom Strömen der Luft), denn es gibt ein „Gesetz": „Ich verzehre jahrelang / Blätter, damit / ich den Menschen / in der Ameise / treffe, // bis ich begreife, // daß jedes Gedicht / über Menschen über / Ameisen spricht."

Deshalb zum Schluss ein Trost für alle, die dem Bilder-Karussell Wolfgang Be­rends und seiner mitunter eigenwilligen Grammatik nicht folgen wollen:

„… // Es gibt die Gnade einer Wolke." (Die Überreichen) oder wie es Berends in seinem Nachwort formuliert: „Lyrik ist die Sprache, die uns denkt".

Wolfgang Berends
Nach Durchsicht der Wolken
Stadtlichter Presse
2016
Erstveröffentlicht: 
SIGNUM 19. Jg. / Heft 1 (Dresden: Signum e.V., Winter 2018), ISSN 1438-9355

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