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Kritik

Erzählungen voller Überraschungen

Hamburg

Es ist der 3. Oktober 2020, und während ich diese Besprechung zu dem neuen Buch von Wolfgang Schlott, Kriminelles und Abwegiges / Skurrile Erzählungen schreibe, werden in der ARD die Feierlichkeiten zum dreißigsten Jahrestag der Deutschen Einheit übertragen. Das finde ich insofern passend, da der Autor uns schon im Klappentext verrät:

Alle Sujets stammen aus dem gegenwärtigen und einstigen zweigeteilten Deutschland wie auch der Tschechoslowakei nach dem „Prager Frühling“.

In mehreren Erzählungen nimmt uns der Autor also mit in eine Zeit, die in den vergangenen Tagen den unterschiedlichsten Betrachtungen unterzogen worden war, wobei Wolfgang Schlott ___STEADY_PAYWALL___seine ganz eigenwillige Sicht auf den Verlauf der Ereignisse hat, und nicht umsonst finden wir im Untertitel des Buches das Adjektiv skurril.

Dies zeigt sich bereits im Titel der ersten mit über hundert Seiten längsten Erzählung der Sammlung, denn er verweist gleich auf Widersprüche: Unsere Blindheit nimmt deutliche Konturen an / Eine Kriminalstory. Wie bei einem Drehbuch werden zu Beginn die handelnden Personen aufgeführt, vielleicht weil sich anschließend die Ereignisse ständig überschlagen, die – wie in der Krimiliteratur üblich – aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Und die beiden Kommissare immer dann, wenn sie glauben, den Fall gelöst zu haben, wieder mit leeren Händen dastehen. Es ist spannend, wie diese atem- und teilweise kopflose Suche die Überschrift zu belegen scheint. Die Geschichte beginnt mit einem Anschlag bei einer Beerdigung auf eine Frau und endet mit einer Leiche in einer Kiesgrube. Dahinter steht ein geheimnisvoller Drahtzieher einer ebenso geheimnisvollen KroKo, die während der Wendezeit mit Transferleistungen viel Geld gemacht und dieses natürlich nicht versteuert hat. Irgendwann fällt der Name der britischen Kanalinsel Jersey, es ist die Rede von unbekannten Adressaten, von ausländischen Konten, und es drängt sich auf, diese Fiktion auf das reale Leben zu übertragen. Denn die Mörder (Handlanger) werden zwar gefunden, nicht aber das hinterzogene Geld.

Jimmy hatte absolut nichts damit zu tun. Nicht die Bohne! Selbst wenn er hunderttausend Volt durch seine Gitarre geschickt hätte.

Mit diesen ersten Sätzen der Geschichte führt Wolfgang Schlott in der Erzählung Ein Fliederbusch zum Anbeißen den Ich-Erzähler ein, der als angehender Russischlehrer den Einberufungsbefehl zu einer schulpraktischen Übung in einer Polytechnischen Oberschule erhält. Schon zwei Abmahnungen hat der junge Mann auf seinem Konto. Um nicht von der Uni zu fliegen und in der Braunkohle arbeiten zu müssen, hat er Selbstkritik geübt, kommt aber wie sein Kumpel, der Rockmusiker Alex, mit dem System nicht zurecht. Als ihm seine Mentorin schließlich einen Kamm schenkt, damit er endlich ordentlich aussehe, rächt er sich, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen, mit einer verrückten Aktion.

Zwei kürzere Erzählungen spielen in der ehemaligen ČSSR. Es hätte noch schlimmer ausgehen können im Wirtshaus „Zum Kelch“ in den späten achtziger Jahren des Katastrophen-Jahrhunderts, wenn wir Herrn Kreitschi noch später wahrgenommen hätten.“ So beurteilt der Ich-Erzähler in Die Ausweisung, dass er und sein Chef am Ende der Geschichte „nur“ von den Geheimen an die Unsrigen übergeben werden, nachdem sie in einem Wirtshaus mit einer Aktentasche voller Flugblätter und Interviews von Leuten subversiver Zeitschriften (Subtile Jagden, Schlösser und Katakomben) erwischt worden waren. Zu spät erkennen sie die beiden Blaukittel am Nebentisch, die ihrerseits mit kryptischen Sätzen wie Die Beerdigungfindet in der Kaschemme statt Rätsel aufgeben.

Verhüllte Beerdigung heißt eine weitere Erzählung. Angesiedelt ist sie im Nationalmuseum in Prag auf dem Berg Vítkov mit dem Reiterdenkmal des Hussitenführers Jan Žižka. Das Museum ist unter anderem gleichzeitig eine Gedenkstätte für ausgewählte verstorbene Mitglieder der tschechischen kommunistischen Partei. In dieser gerade mal neun Seiten langen Erzählung gelingt es Wolfgang Schlott hervorragend mit seiner ironischen Schreibweise nicht nur das Pathos des Nationalmuseums ins Lächerliche zu ziehen, sondern auch an wichtige Ereignisse und Persönlichkeiten der tschechischen Geschichte zu erinnern. Da wäre zum einen die misslungene Einbalsamierung des Stalinisten Klement Gottwald, die selbst die Moskauer Genossen nicht geschafft hätten. Bei einem Gang durch das Museum werden dann der Staatsgründer Tomáš Masaryk, Jan Palach, der sich aus Protest gegen den Einmarsch der Warschauer Pakt Truppen 1968 selbst verbrannte, sowie der Philosoph und einer der Sprecher der Charta 77 Jan Patočka erwähnt. Nicht zuletzt wird dem Fotografen der Überwachungspraktiken der Geheimpolizei in den 70iger Jahren Ivan Kyncl ein Denkmal gesetzt. Natürlich beschreibt Wolfgang Schlott dies nicht in dieser Sachlichkeit, wie es hier wiedergegeben wird, sondern auch diese Geschichte ist voller Witz und einer geradezu grotesken Darstellung. Und wie bei allen Erzählungen dieser Sammlung wird der Ernst des Erzählten deutlich, der hinter der witzigen Art der Darstellung liegt.

Dies trifft besonders deutlich auf die beiden wahrhaft skurrilen Erzählungen Märtyrer gesucht und Ganz tief unten auf dem Grunde der Ohren - Aus den Bekenntnissen eines Aussteigers zu. Und es ist so, wie der Autor im Klappentext über seine Protagonisten schreibt:

Dabei bedienen sie sich abwegiger und merkwürdiger Ereignisse, indem sie aus der Perspektive komischer Zeitgenossen und kauziger Persönlichkeiten ihre Welt auf den Kopf stellen oder selbst Opfer ihrer merkwürdigen Handlungen werden.

So begibt sich in Märtyrer gesucht ein biederer Wissenschaftler des Instituts für alternatives Denken auf die Suche nach der Echtheit der Quellen von Bekennerbriefen über das Martyrium nach Vaduz und gerät dabei an eine undurchsichtige Gesellschaft, bei der er nackt mehrere Bewährungsproben bestehen muss, um in die Gemeinschaft der Märtyrer aufgenommen zu werden. Lustvoll und mit sich steigernder Lust am Skurrilen nimmt Wolfgang Schlott, selbst Wissenschaftler, hier den Wissenschaftsbetrieb auf die Schippe. Da wird von einer Tagung Perspektiven des dogmatischen Häretikertums im Lichte bislang unbekannter Quellen gesprochen und es gibt neben anderen seltsamen Vertretern einen Spezialisten für die Koordinierung liturgischer Systeme beim Aufbau märtyrologischer Gemeinden.

Nicht weniger verrückt geht es in der zweiten genannten Erzählung zu, in der ein Mann darunter leidet, dass er vier Ohren hat, von denen zwei übergroß aus seinem Hinterkopf ragen. Seine anatomische Besonderheit benutzt er zum Geldverdienen, sei es als Objekt (!) für Medizinstudenten, sei es bei Auftritten im Zirkus oder bei Geburtstagspartys. Gerade bei dieser Geschichte wird deutlich, was das Skurrile, das Groteske auszeichnet, nämlich dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Dem Protagonisten geht es nämlich trotz seiner „künstlerischen“ Erfolge nicht gut: Doch die stillen Kränkungen, ich … ich … ich. Schließlich plagen ihn zunehmend Geräusche in seinen Trompetenohren, die ihn am Ende der Erzählung zusammenbrechen lassen.

Am Ende der Sammlung werfen wir noch einen Blick auf Die Bremer Wall-Avenue - ein merkwürdiger Spaziergang und wundern uns schon nicht mehr über das Angebot einer Stadtführung mit einem Lämmchen im Arm.

Wolfgang Schlott
Kriminelles und Abwegiges: Skurrile Erzählungen
Pop Verlag
2020 · 195 Seiten · 16,50 Euro
ISBN:
978-3863563028

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