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Kritik

DIE TIEFEN SCHATTEN JENER JAHRE

Hamburg

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Wolfgang Schlüters Prosa ist – dies sei als hymnische Notiz aufzufassen – auf beglückende Art aus der Zeit gefallen und auf eine beinahe klassische Weise so sehr von humanistischer Bildung und glühender Gelehrsamkeit durchdrungen, dass bisweilen ein hypotaktisches Wortdickicht entsteht, das wie eine Dornenhecke erst sorgsam zerteilt werden muss. Wer freilich diesen Erfahrungsweg und das dornige Wagnis einer éducation sentimentale auf sich nimmt, wird aufs Wunderbarste belohnt mit der Gnade einer sprachlichen Grazie und spielerischen Eleganz, die ihre Anmut entfaltet (um den Buchtitel «Anmut und Gnade» zu paraphrasieren) mittels komplexer Musikalität in Motivwahl und Themenführung und die prosodischen Finessen einer polyphonen Lexik, die sich nicht scheut, auch entlegenste Wörter und Begriffe aus allen Bereichen der Schönen Künste zum Blühen zu bringen. Schlüter, mit allen musikhistorischen und ästhetischen Wassern gewaschen, will, mehr noch als in den Romanen bisher, nicht nur über Musik schreiben, sondern Musik SCHREIBEN. ___STEADY_PAYWALL___Die bis ins Detail beschriebenen Kompositionstechniken und produktions- sowie rezeptionsästhetischen Prinzipien und Praktiken finden sich in Aufbau und Durchführung des FOX-Romans wieder. Die Musikgeschichte selbst wird hier erzählt und aufgeführt bis ins zwanzigste Jahrhundert und bis hin zu einer melancholischen Coda, die dem neuen Jahrtausend freilich eher skeptisch in die Augen schaut. Es spricht für die exzeptionelle Qualität dieses Buches, dass das Gerüst, von dem aus die Mauerstürze, Erkerfenster, Türmchen und Kapitelle des Textgebäudes gefügt sind, erst langsam und wie die Konturen im wohltemperierten Wasserbad des Fotographen sichtbar und lesbar werden. Die Schwierigkeiten des Unterfangens liegen offen zutage: «In allem Sprechen über Musik liegt also der Widerspruch, dass ihre Nomenklatur (Begriffe wie Satz oder Thema oder Motiv) etwas voraussetzt, das schon a priori Analogie stiftet zur Sinneinheit eines Wortes, eines Satzes oder einer Satzverknüpfung, und dabei die Fundamentaldifferenz unberücksichtigt lässt, dass in der Zeitkunst Musik die sinnstiftenden Gestalten keine statischen Einheiten sind …», lässt sich der Musikkritiker Birthwhistle vernehmen (S.178). Kein Wunder, seine Katzen hören auf die Namen Furtwängler, Backhaus, Kempff und Schneiderhan!

Ganz wunderbar auch klingen die Kapitel-/Satzbezeichnungen des Romans, die zugleich als musikalische Spielanweisungen oder lyrische Zettel über Schumann’schen Kinderszenen fungieren könnten; als Beispiel das Kapitel 1: flachbild – provenienz – lautwerdung – heimische unheimlichkeiten – verschneite alpenpässe – fahrschüler – gleise, weichen, signale – erstes ende – herz und seele. Sind das schon Titel künftiger Schlüter’scher Romane oder musikwissenschaftlicher Essays?

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Zur Handlung des Romans: Dr. Claus-Henning Abendroth (unschwer fügen sich die Initialen zu C-H-A-B; also einer Inversion von BACH), das Alter Ego des Autors, wird einer zunächst nicht näher benannten Straftat verdächtigt und in der U-Haft zum Zwecke des «Profilings» von der Psychiaterin und forensischen Gutachterin Dr. Annegret Soltau interviewt. Ihr offenbart sich der ebenso kalkuliert-eloquente wie musikwissenschaftlich-analytisch versierte Abendroth/Schlüter scheinbar ohne Scheu. Doch es findet ein subversiv-schleichender Rollentausch statt. Der Befragte setzt die Akzente, liefert sequenziell die Erzählungen und ihre Interpretation und legt der Psychologin subtil diejenigen Deutungsansätze nahe, die am Ende dazu führen, dass sie in foro keine Strafmaß-Empfehlung aussprechen wird und sogar ihre Gutachtertätigkeit nach einer kritischen Selbstanklage, einem psychoanalytischen Offenbarungseid, mit diesem Fall ganz an den Nagel hängen wird. Mit der Dekonstruktion der biographischen Berufung des Schriftstellers Abendroth ist zugleich die Desavouierung des investigativen Berufs seiner Gesprächspartnerin verbunden. Was Frau Dr. Soltau ihrem Gesprächspartner Abendroth, den sie schrittweise als nicht katalogisierbaren Einzelfall entziffert und damit entpathologisiert, gleichwohl zuschreibt, sind Daseinsformen und Lebensziele, nämlich «die bürgerlichen, eigentlich der Antike entliehenen Vorstellungen des 18. Jahrhunderts: Zufriedenheit in stiller, eingezogener, fleißiger Arbeit – Aufklärung und Vernunft – Liebe zu Mensch und Tier, Kunst und Wissenschaft, Hinwendung zum Besonderen bei Argwohn gegenüber dem Allgemeinen …» (S.463) und sie schlussfolgert, «dass jeder menschliche Geist ein unbetretener Kontinent ist, eine terra australis …». (S.464)

Zur heimlichen Hauptfigur wird nebenbei ein kleines Cottage an der westirischen Atlantikküste, wo Abendroth-Schlüter viele Jahre, Tage und Stunden, der Welt abhandengekommen, stillen Glücks verbracht hat, Fluchtpunkt am Ende der bewohnten Welt, finis terrae und Realutopie zugleich. Die Sehnsucht nach diesem verlorenen Paradies wird zum (auto)biographischen Generalbass des Romans.

Ein parallel geführter Erzählstrang macht uns bekannt mit drei kuriosen Gestalten britischer Provenienz: Da ist der mit Rose, einer Cellistin des London Symphony Orchestra, verlobte Aristokrat Fox, sein Freund und Mentor, der Großkritiker und Gourmand Steven Birthwhistle und der ewige Émigré Ariel Yberseindt (sic!), altersloser Ahasverus und findiger Luftgeist (nebst Zauberkoffer), den der Shakespeare’sche Sturm quer und kreuz durch ganz Europa weht. In einer quasi-universitären Vortragsreihe, bei der sich die drei Privatgelehrten leidenschaftlich in musikgeschichtliche Tiefen und kompositionstechnische Abgründe stürzen, mit einer Verve und Liebe zur Sache, die getrost auch dem sich heteronym verzweigenden Autor des Buches zugeschrieben werden dürfen. Ihre Referate und Musikbeispiele im Gemeindesaal von St. Martin in Brighton bilden die historische Folie, auf der sich das übrige Romangeschehen abspielt. Zentral ist dabei die Zeitspanne zwischen Frührenaissance und Klassik, zwischen Dufay und Rameau, zwischen Bach, Purcell und Mozart – und darüber hinaus. Am Ende dieses achtzehnten Jahrhunderts, vielleicht die heimliche Sehnsuchts-Epoche des Abendroth/Schlüter, wird der Durchbruch zum Individualbegriff stehen, der Ausbruch aus höfischen Konventionen hinein in eine frühmoderne bürgerliche und künstlerische Freiheit (Beethoven, Schubert, Berlioz), die es freilich zu schultern und künstlerisch zu bewältigen gilt.

Den titelgebenden «Kleinen Klavierschwindel» hat es tatsächlich gegeben. Schlüter verlegt ihn um etwa zwanzig Jahre zurück in die späten Siebzigerjahre und verfremdet geschickt die Kontexte. Verbürgt ist: Die britische Pianistin Joyce Hatto (gestorben 2006) hatte wegen einer Krebserkrankung ihre Konzerttätigkeit bereits 1972 aufgegeben. Doch ihr studiotechnisch und musikalisch versierter Ehemann, zugleich ausgestattet mit immenser krimineller Energie, kompilierte, korrigierte, retuschierte und harmonisierte Takes und Sequenzen von Aufnahmen Dutzender anderer Pianistengrößen und publizierte sie unter dem Namen seiner kranken Gattin. Diesen Skandal hat tatsächlich der große Pianist und Musikschriftsteller Alfred Brendel nach dem Millennium offengelegt. Er notiert knorzig und hörbar erleichtert darüber, nicht unter den beklauten Künstlern zu sein, in einem investigativen Artikel in der NZZ: «Ich gehöre, nach dem bisherigen Stand der Dinge, nicht dazu.» Erstaunlich genug, dass klassische Musik auch heutzutage noch dergleichen Anstrengungen und Verwerfungen auszulösen vermag.

Wolfgang Schlüter macht aus Joyce Hatto – sprechend genug - eine Ellen Swindon. Der Tatbestand der Urheberrechtsverletzung, des Betrugs und der Kunstfälschung wiegt jedenfalls schwer. Wolfgang Schlüter spinnt die Fäden des Kriminalfalls neu und verknüpft sie zu einer kuriosen Räuberpistole. Als der «kleine Klavierschwindel», der, genau besehen, so klein gar nicht ist, im Romangeschehen auffliegt, fährt der Ehemann  der just verstorbenen Ellen Swindon zum Großkritiker, aufgeladen mit der Wut über die verlorene Ehre. Birthwhistle befindet sich in Lebensgefahr, die wohlmeinenden Warnungen seiner Freunde hatte er ja in den Wind geschlagen. Und der grimmige Witwer Swindon zürnt nun Birthwhistle für die soeben erschienene elegant-raffinierte und zugleich knallharte Enthüllungsreportage, vernichtend in den Auswirkungen nicht nur für Swindons Reputation, sondern auch für diejenige des Kritikers, die seine früheren Irrtümer enthüllt und ihn damit bloßstellt. Dabei gerät Fox - die Szene wird zum Tribunal! - zwischen die Kombattanten und wird von Mr. Swindon, der Fox für den Kritiker Birthwhistle hält, mit einem spitzen Gartengerät auf scheußliche Weise (Agatha Christie lässt grüßen!) erdolcht. Die Suche nach der Wahrheit erweist sich, ebenso wie die Liebe zur Kunst, einmal mehr als hochriskant, im vorliegenden Fall als tödlich. Der gewitzte Autor Wolfgang Schlüter spielt in mehrfacher Hinsicht mit Thema, Sujet und den philosophischen und kunstkritischen Fragen, die sich unterwegs wie lästige und zugleich lustige Steinchen im MALEFIZ-Spiel dem Leser in den Weg stellen. Dieses Spiel ist zum rechten Verständnis des FOX-Romans von großer Relevanz. Schlüter entfaltet einen britisch-skurrilen und hintergründigen Humor, den wir genießen können, wenn sich auch nicht alle Untiefen und Raffinessen in Gänze dekodieren lassen. Es bleibt: Einen Jux = Fox will er sich machen.

Der reale Kriminalfall und seine literarische Paraphrase werfen die Frage nach den Identitäten der handelnden Personen auf, die eben nicht sind, was sie scheinen, und zugleich thematisiert diese Causa die heikle Frage der Autorschaft, hier exemplifiziert an der Originalität des Klavierspiels von Ellen Swindon. Ihr Name wiederum = SWINDON, bezieht sich von ferne auf die Battle of Ellendum (!) im Jahre 825 in der Grafschaft Wiltshire, die wesentlich zur Festigung der britischen Herrschaft auf der Insel beitrug. Und «Swindon» klingt verdächtig nach Schwindel, Verschwendung und Verschwinden, nach der schwimmenden Grenze zwischen Erleben und Erinnern, Eis und Nebel, West und Ost. Die fundamentale Frage nach Schein und Sein wird in diesem Buch gestellt und als Thema mit Variationen kunstvoll vor- und kammermusikalisch aufgeführt.

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Der Musik-Schriftsteller Wolfgang Schlüter denkt musikalisch und schreibt in einem genuin poetischen, schöpferischen Grundton. Er schafft einen Kosmos, in dem alle Elemente und Baustoffe der Wirklichkeit zum Einsatz kommen und bewusst das, was wirklich ist, nicht fixiert ist. Musik ist eine Augenblickskunst, die schmerzlich die Unmöglichkeit bewusst macht, dem kairós, dem erfüllten Augenblick, Dauer zu verleihen. «Denn alle Lust will Ewigkeit», sagt Nietzsche, und Mahler nimmt diesen Gedanken auf und übergibt ihn der Singstimme. Wolfgang Schlüters FOX-Roman entfaltet sich zwischen den lyrischen Kapitelüberschriften flachbild und raumbild. Damit ist angedeutet, dass die Zeit sich zum Roman-Raum dehnt und gleichzeitig im Moment des Lesens ins Erleben zusammenschnurrt. «Kommt Zeit, kommt Raum», notiert und pointiert der Schweizer Philosoph Ludwig Hohl (1904-1980). «Solche Geschichten verlangen Zeit, viel Zeit, und am Ende wird Zeit hier zum Raum», heißt es konsequenterweise in Schlüters Roman-Exposition (s.10).

Die vier konstitutiven Realitätsbegriffe, die Hans Blumenberg (dessen hundertsten Geburtstag wir feiern dürfen) in der abendländischen Geistesgeschichte ausmacht (s. H.B., «Realität und Realismus») lassen sich in Schlüters Buch trefflich wahrnehmen und mit Vergnügen nachlesen. Dabei wird deutlich, wie leidenschaftlich gerne der Autor kombiniert und konstruiert, löscht und überschreibt, verschiebt und verwandelt, also spielt. FOX ist ein Wortgewebe, das virtuos Themen und Variationen, Motive und Materialien aus der Musik- und Literaturgeschichte verknüpft. Das Buch ist schlüssig komponiert, es ist mindestens so sehr Partitur wie Roman. Es treibt die (Selbst)Reflexion in Schleifen und Schwüngen mutig und trotzig voran, und dem Schriftsteller Schlüter ist ebenso wie seinem Protagonisten und Alter Ego Abendroth klar und schmerzlich bewusst, dass wir die Reise um die kreisförmige Welt herum machen müssen, wie Heinrich von Kleist am Ende seines 1810 in den «Berliner Abendblättern» publizierten Aufsatzes «Über das Marionettentheater» schreibt: «Mithin müssten wir wieder vom Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen», um zu prüfen, ob das Paradies «von hinten» wieder zugänglich sei.

Der Roman «FOX oder Der kleine Klavierschwindel» ist eine Huldigung an verschiedene Adressen: an die Musik, an die Einsamkeit, an die Freundschaft (hier besonders zum 2001 verunglückten, über die Maßen und völlig zu recht verehrten Schriftsteller W.G. Sebald, mit dem Schlüter eng verbunden war), an die irische Natur und Kultur, und, wenngleich durchsetzt mit melancholisch- nostalgischem Timbre, an die Großstädte London, Wien und Berlin, an die irische West- und die englische Südküste (Brighton). Das «Natürliche», das man naiverweise und also vergeblich in diesen Zeilen sucht, ist bei einem poeta doctus dieses Formats natürlich nicht «als» Natürliches zu haben. Es ist bei Wolfgang Schlüter stets reflexiv gebrochen und vermittelt durch die literarische und musikalische Form, durch Transposition und motivische Transformation. Dass das reale Leben sich ebenfalls diesem Gestaltungwillen unterwerfen ließe, diesem Irrglauben hängt auch die Kunstfigur Dr. Claus-Henning Abendroth nicht an und auch nicht nach. Zu schwer und dunkel bedecken den Horizont «die tiefen Schatten jener Jahre» (S.54).

Und doch: Nur besonders helles Licht, wie es Wolfgang Schlüters Prosa entfaltet, vermag es, solche Glanz- und Schattenwirkungen zu erzielen. In nicht vielen zeitgenössischen Romanen gehen docere und delectare eine so glückliche Verbindung ein, if music and sweet poetry agree (S. 291) Mit den Worten aus der Matthäus-Passion lässt sich sagen: Das gehet meiner Seele nah! Ach Golgatha! Unsel’ges Golgatha!

Dankbar und aufs Schönste schöpferisch erschöpft legen wir FOX nach 480 Seiten zur Seite und wünschen diesem Buch viele aufmerksame LeserInnen und seinem geschätzten Autor die verdiente Würdigung seiner Arbeit!

 

Wolfgang Schlüter
Fox oder der kleine Klavierschwindel
Matthes & Seitz
2019 · 480 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-688-0

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