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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Guten Tag, Patient

Hamburg

Es geht um Wunder im Wunder betitelten Prosa-/Kurzprosaband Wsewolod Petrows, im handsamen Taschenbuch in der Friedenauer Presse erschienen. Übersetzt von Daniel Jurjew, der zugleich ein schönes Nachwort beigibt, entwickelt sich eine an Wundern vor allem sprachlich reiche Welt aus der Feder Petrows, der zum engen Zirkel Daniil Charms gehört, auf eine ähnlich extravagante Weise verfasst hat und erst in den letzten Jahren überhaupt ins schriftstellerische „Rampen“-Licht gerückt ist – zumindest hierzulande. Grundsätzlich als Kunsthistoriker anerkannt, der mehrere Standardwerke herausgab, ist Petrow in der vorliegenden Prosa von allen Zwängen befreit, fast möchte man hinzufügen außer Rand und Band. Die zum Teil sehr kurzen Stücke ___STEADY_PAYWALL___geizen nicht mit Aberwitz, ihre Figuren sind an verschobener Wahrnehmung und Para-Logik ebenso interessiert wie an direkter Auflehnung gegen jedwede noch irgendwie geartete „Normalität“. Sie sprechen komisch, bewegen sich wie Sprachmarionetten, suchen (und finden) die Schönheit und sie erinnern sich an Daniil Charms – letzteres ein sehr aufrichtiges eponym betiteltes abschließendes Memoir eines mit unglücklichen Absurditäten gespickten Bändchens.

Petrows Sprache lebt von leichtesten Nuancen, die wirkungsreich überallhin ausschlagen können. Es ist ein Schein mit Ecken. Die stets bedroht wirkenden ProtagonistInnen gehen mit Vorliebe in die Pointe, lassen sich auf krachenden Slapstick ein, wirken bisweilen wie Stummfilmrebellen auf angesägten Stühlen. Nie fehlt es ihnen an Herz oder Holy-Fool Attitüde, wenn sie sich einfachsten Regungen hingeben oder bereit sind „einfach zu verschwinden“, wie es bei den Philosophische Erzählungen genannten Openern der Fall ist oder sie daran scheitern, durch eine offene Tür gehen zu können.

Was Petrow verhandelt sind in keinem Fall Clownerien, oder einfach Comedy, die man wegzappen könnte, schon gar nicht in Anbetracht der harten Entstehungszeit der 1930er Jahre und ihrer späten „offiziellen“ Veröffentlichung. Im Gegenteil, der tiefe politische Impetus ist ihnen eingeschrieben, wie das vordergründige Glauben an das „Wunder“. Nicht selten operieren sie mit einer direkt ausgesprochenen Leerstelle, brechen aus der Erzählpflicht aus, indem sie konstatieren: „Aber das verstehen Sie nicht.“ Oder noch expliziter:

Und nun ist die letzte Phase unserer Erzählung von diesen Helden, auf die ein leichter Wind blies, angebrochen. Aber vielleicht ist es besser, nicht weiterzuerzählen. Wir wollen hier aufhören: Der Bauer steht da und schaut sich um, der Hund dreht sich im Kreis, weil er seinen Schnurschwanz einfangen will, und das Wänzchen hat sich aufgeblasen und füllt eine ganze Ritze in der Baumstammwand der Hütte. Allen dreien geht es gut. Und es geht doch nicht an, ständig die Armut, Unvollkommenheit und Unbeständigkeit unseres Daseins zu beschreiben.

Ganz recht, mag man aussprechen. Petrow genügt wenig, um viel zu sagen. Jurjews geniale Übersetzung tut ihr übriges. Wunder ist ähnlich wie Charms Fälle eine legendäre Art, Erzählkonvention zu verbiegen und das Performative im Buch/im Lesen offenzulegen.

Wsewolod Petrow
Wunder
Übersetzung:
Daniel Jurjew
Nachwort: Daniel Jurjew
Friedenauer Presse
2019 · 140 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-93210-988-1

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