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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

„Gedichte benötigen […] Leser”

Hamburg

Wulf Segebrecht beherrscht etwas, das man als „old school” bezeichnen und damit beinahe schon denunzieren könnte: Gedichte auszulegen, Exegese, die nicht den letzten turn, die letzte Mode mitvollzieht, die nicht schick zeigt, daß nun statt „Dispositiven” „Paradigmen” zu diskutieren seien, was auch immer daraus dann folge.

Stattdessen liest er. Denn dessen bedarf die Lyrik, nicht der Apologeten, sondern der Leser, die – und das mag kurzschlüssig sein, gefällt aber – dann offenbar auch begrifflich die Stimmigkeit, die ihnen aufging, wiederzugeben suchen, so könnte man in Anlehnung an Peter Szondi jedenfalls die These der Lese- und Leserbedürftigkeit wohl fortsetzen.

Dabei arbeitet er sich kenntnisreich durch das, was die Lyrik der letzten Jahrhunderte repräsentieren könnte, vor allem Beiträge zu Reich-Ranickis Frankfurter Anthologie entlang, die hier versammelt sind. Lyrik als Kronzeuge von Seelenverwandtschaft („Klopstock!”), Anekdotisches als Kehrseite des lyrischen Destillats, Lyrik als Widerstand wider ihre Kommentierung – „Bedingung jeder Interpretation ist der Eingriff in die Seligkeit des Kunstwerks” –, Brechts Wunsch, von den Schlimmen gefürchtet und von den Guten für grazil befunden zu werden, Ökologie, denn was wäre nachhaltiger als Dichtung, … durch die Vielzahl poetischer Modelle und Zugänge, intuitiv, trittsicher und nur selten fragwürdig oder vereinnahmend, ergibt sich ein Panoptikum, das lesenswert ist und manchen vielleicht auch ad fontes führt, zu neuen oder – wahrscheinlicher – neuerlichen Lesern des Interpretierten macht.

Strittig allein ist gewiß Celans Exegese durch Segebrecht, aber auf Bollacks Replik beim erstmaligen Erscheinen, daß Celans Wortspiele – noch als intertextuelle Dekonstruktionen – nicht als „postmoderne […] Negierung der Celanschen Dichtung und […] seines Kampfes gegen das Vergessen des Geschehenen” entstellt präsentiert werden dürfen, wird hier im Anhang kurz eingegangen, als Korrektiv, womit auch da ein einigermaßen klares, ausgewogenes Interpretament vorliegt.

Somit ergibt sich ein nicht revolutionärer, aber oft recht feiner Band, der vielleicht nicht dem Philologen, womöglich aber manchem passionierten Lyrikleser eine wertvolle Handreichung sein sollte.

Wulf Segebrecht
Der Blumengarten oder: Reden vom Gedicht.
Königshausen & Neumann
2015 · 334 Seiten · 39,80 Euro
ISBN:
978-3-8260-5721-2

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