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Kritik

Sehr viel sprachig

Hamburg

"Leipzigيّاt" ist der Titel eines Büchleins von hochroth München, in dem Autor und Gestalter ausloten, was Mehrsprachigkeit bedeuten kann. Die einzelnen Worte oder Satzglieder der zwölf Gedichte, die je auf der linken Seite jeder Doppelseite stehen, alterieren zwischen Deutsch, Englisch, Kurdisch, Arabisch, Spanisch; rechts findet sich jeweils eine Tabelle [fast] aller verwendeten Begriffe und Wendungen in allen fünf Sprachen (und zwei Schriften). Zusätzlich gibt es je noch einen QR-Code, um den Text, wie er da steht, auch vom Autor gelesen hören zu können.

Die Fremdheit, die dieses Leseerlebnis erzeugt, ist profund: ___STEADY_PAYWALL___Der Moment, da wir lesend vergessen können, dass wir lesen, um uns stattdessen der Struktur zu überlassen (identifikatorisch oder sonst wie anders), er wird uns vom Gebilde verweigert. Dafür wird unser Blick auf das Nebeneinander der Elemente geschärft, aus denen die Struktur gemacht ist; wir sehen sozusagen Wald und Bäume zugleich, aber um den Preis, dass wir uns nicht verirren werden. (Sagen wir es anders: können Sie zugleich über die Autobahn fahren und sich vorstellen, dass es bloß zentimeterdicker, mit 100 km/h über den Asphalt reibender Gummi ist, der Ihre Bewegung durch die Landschaft vermittelt? Ich kann's nicht.)

Das Wiedergabeverfahren ist Gedichten wie diesen angemessen: sie drehen sich um das Zwischenkulturelle, Intersprachliche, auch das Ausgeliefertsein gegen zufällige, unvorhersagbare Sachzwänge. Ein Rezeptionsmodus, den das Buch anbietet, beginnt mit der Frage danach, wer genau da spricht (bzw. wessen Stimme wir so sprechend denken können), und wie der einzelne Adressat aussehen würde, an den so geschrieben wird. (Dass es den so eben nicht gibt – dass die Leserposition ent-individualisierbar wurde analog zu dem, was mit der Autorenrolle schon länger mal passiert ist –, das ist der Punkt, schon klar; aber an diesen Punkt werden wir sinnlich, also poetisch vermittelt geführt; Ramadan schreibt keine Abhandlung, sondern eine Gedichtsammlung). Es ist kaum so, dass diese Gedichte von etwas "handeln" oder eine "erlebte Wirklichkeit" "abbilden" (in Frage käme z. B. die von "Vielsprachigem Alltag in Deutschland" o. s. ä.). Es ist eher so, dass die zwölf Gedichte in ihrer just so und nicht anders gedruckten Existenz, mit Tabellen und allem, einen Zustand dokumentieren, der bestimmte Funktionen von Rede erleichtert, erschwert, in den Vorder- bzw. Hintergrund drängt usw.

Sagen wir es anders: diese Gedichte spielen utopisch einen Alltag durch und markieren seine Möglichwerdung, da man sich in gerade diesem fünfsprachigen (als einem beliebig noch erweiterbaren) Pidgin tatsächlich unterhielte – ja Liebesgedichte verstünde! Sie stehen als die Frage im Raum, welcher Art die Menschen wären, die so sprächen … nämlich: welches andere, von hier und heute aus [vom Rezensenten aus], schwer vorstellbare Verhältnis zu Mittelbarkeit und Unmittelbarkeit, Reflexion/Identifikation im Reden, solche Menschen hätten. Und, sicher: Welche bestimmten gesellschaftlichen Machtkämpfe müssten wie genau ausgehen, damit es die Menschen geben kann, die gerade so singen – im Erzgebirge, und im südlichen Kaukasus?

Ein anderer Aspekt, den die geschilderte notwendige Mittelbarkeit bei dieser Lektüre mit sich bringt, ist ihre lobenswerte Langsamkeit: Der "äußere" Zwang auf uns, genau zu lesen und sich zu vertiefen, wie ihn die Tabellen und Wechsel im Schriftbild ausüben. Ramadans Texte sind schlechterdings nicht rasch und nebenbei zu lesen, bleiben, solange wir die Arbeit nicht investieren, unintelligibles Kauderwelsch: Wir investieren einen Nachmittag auf zwölf Poeme, oder wir lassen es gleich bleiben, sie zu lesen. (Und es zahlt sich aus, den Nachmittag zu verwenden.)

 

 

Xoşewîst
Xoşewîst – Leipzigيّاt
hochroth München
2020 · 32 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-903182-36-3

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