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Kritik

Mehrsprachige Schönheitsflecken

Hamburg

Mehrsprachige Gedichtanthologien sind ein Genre für sich, sie stehen in einer eigenen Tradition. Die Frage, für wen sie veröffentlicht werden, ist leicht zu beantworten: Wenn es sich wie im vorliegenden Falle um eine zweisprachige Anthologie handelt, schlägt man sozusagen zwei Fliegen mit einem Klappentext und verdoppelt so das Publikum. Doch die eigentlichen Gewinntragenden finden sich in der kleinen Schnittmenge beider Publika – jene Leser*innen, die beide Sprachen verstehen. Sie können die Gespräche zwischen Original und Übersetzung nachvollziehen und herauslesen, was zwischen den beiden Texten steht, wovon diese – jeder für sich genommen – schweigen. Dieses Schweigen hörbar zu machen auch für jene, die nicht beide Sprachen beherrschen, ist eine Herausforderung, die selten gemeistert wird.

 Eine neue, in Hebräisch und Deutsch veröffentlichte Gedichtanthologie hat sich nun dieser Herausforderung gestellt: „Wir haben uns für den Titel ‚Zwischen den Zeilen‘ entschieden,“ schreibt Michal Zamir – eine der beiden Herausgeberinnen –, „denn Vieles im hebräisch-deutschen Dialog wird nicht explizit ausgesprochen, weil es sich nur schwer oder gar nicht in Worte fassen lässt.“ Dialog ist schon ein gewagtes und kontroverses Wort in diesem Zusammenhang und mit der Anthologie soll sich gar ein „Spalt“ auftun. Und zwar „zwischen den Leser*innen auf beiden Seiten der gemeinsamen historischen Erinnerung“, der „Unterschwelliges und Ungeschriebenes“ wenn schon nicht zur Sprache bringt, so doch als persönliche Erfahrung poetisch vermittelt. (16) Es ist also eine zwiespältige Aufgabe, die sich Zamir und ihre Herausgeberkollegin Yael Almog gestellt haben, als sie Gedichte von zwei hebräischen und zwei deutschen, je aus Israel und Deutschland stammenden Dichterinnen in diesem Band sammelten, um den Abgrund der deutsch-jüdischen Geschichte in der dritten Generation nach der Schoah auszuloten. Das Besondere an dieser Konstellation ist aber, dass die israelischen Dichterinnen in Deutschland leben und die deutschen Dichterinnen einschlägige Erfahrungen mit Israel gemacht haben. Hier deutet sich schon eine grenz- und sprachübergreifende Verschränkung an, deren gemeinsame Basis Almog in ihrer Einleitung als weibliche „Ebene des Fremdseins“ definiert, in der Migration und im lyrischen Zwiegespräch zwischen den Sprachen. (21)

 Almog und Zamir, die beide in Israel geboren worden und nun in Deutschland leben, haben diese Erfahrung selbst gemacht und wissen also wovon sie sprechen: Zamir lebt derzeit in Berlin, wo sie in ihrer Wohnung die Hebräische Bibliothek Berlins beherbergt, und Almog in Frankfurt am Main, wo sie an der Goethe-Universität zu deutscher Literatur- und Kulturgeschichte arbeitet.

Die Biographien der vier Dichterinnen, denen Zwischen den Zeilen gewidmet ist, sind nicht weniger interessant: Zehava Khalfa und Maya Kupermann sind israelische Dichterinnen die schon seit einem guten Jahrzehnt in Deutschland leben und deren hebräischen Gedichte von ihrer deutschen Erfahrung Zeugnis ablegen. Khalfa, die in Potsdam promovierte, stammt aus einer misrachisch-jüdischen Familie, die ursprünglich aus Libyen nach Israel einreiste, und bringt somit eine doppelte Migrationserfahrung sowie eine dritte Sprache mit – das Arabische, das in den hier abgedruckten hebräischen Gedichten jedoch bis auf eine entscheidende Stelle stumm bleibt, auf die wir zurückkommen. Kupermann stammt aus einer aschkenasischen Familie von Schoah-Überlebenden und so mag es zunächst erstaunen, dass in ihren hebräischen und englischen Gedichten auch deutsche Sätze auftauchen, die wir uns genauer anschauen wollen. 

 Auch die Gedichte von Heike Willingham bleiben nicht auf den dichotomischen Zwiespalt zwischen dem Hebräischen und Deutschen beschränkt, sondern bringen eine dritte Sprache ein. Bei ihr ist es das Holländische, das sich in die lyrische Beschreibung israelischer Erfahrungen mischt, wie zu sehen sein wird. Gundula Schiffer ist die vierte im anthologischen Bund. Ihre Gedichte spiegeln teils ihr Studium der deutschen Psalmübersetzungen wider und sie inszeniert sich in der vorliegenden Anthologie tricksterhaft sowohl als deutsche Dichterin mit hebräischen Experimenten, als auch als Übersetzerin ihrer hebräischen Kolleginnen, die scheinbar mühelos die Grenze zwischen dem Deutschen und dem Hebräischen in beide Richtungen überschreitet. Doch ihren zweisprachigen Verschränkungen ist eine widersprüchliche Spannung eingeschrieben, die uns abschließend interessiert.

 Im Mittelpunkt von Khalfas Gedichten steht die Figur der Mutter als Zentrum der Familie, doch ist nicht mehr klar, wo diese verortet ist. Vielleicht in Berlin, wo auf der Corinthstraße neben dem Gebäude der sogenannten Analyse ein Haus gebaut wird? Dort „wird ein Kleines sagen ‚Heimat‘ / ‚Mein Haus steht hier‘“. Doch dieses Haus muss erst noch gebaut werden; die heimatverheißende Zukunft liegt zunächst in weiter Ferne. (59) So schließt das hebräische Gedicht mit zwei Bauarbeitern, die zwar fehlerfrei Deutsch plaudern, dabei jedoch in einer Vergangenheitsform, die es in der deutschen Sprache eigentlich nicht gibt: Im hebräischen Text ist von fortgesetzter Vergangenheit die Rede, das past progressive des Englischen, das hier eine noch zu analysierende Kontinuität im Deutschen andeutet, dessen Heimatbegriff Khalfa ausschließt: Auch wenn das Berliner Haus einst gebaut sein sollte, werde Khalfas deutsche Heimat in ein noch unbestimmtes Futur aufgeschoben sein. Indes bleibt in der deutschsprachigen Fremde von der Heimat nur die Erinnerung an eine andere, dritte Sprache, nachdem Khalfa das Hebräische, das ihre Mutter auf eine wackelige Ablage in der Küche ausrangiert hatte, für ihre Gedichte „entstaubte und tröstete“ (71):

 Bei meiner Mutter ist Arabisch
Heimat und Sprache und Glück und Freude,
Liebe und Hass, Vorstellung und Traum

 Der arabischen „Muttersprache“ Khalfas ist in der Anthologie ein ganzes Gedicht gewidmet (55), das die familiäre Nähe – weil sprachliche Verwandtschaft – zu einer arabischen Bekannten in Berlin herausstellt: „Umm Mahmud, die man insgeheim Nadschla nennt / Und offiziell Frau Mahmud“. Das deutsche „Frau“ erscheint hier in hebräischer Transkription (פְרַאוּ) und darin erschöpft sich das mehrsprachige Sprachspiel nicht, wenn „Umm (arab.: Mutter) Mahmuds“ –– wenn das arabische Wort im hebräischen Gedicht „insgeheim“ zugleich „Nadschla“ genannt wird: „Schönheitsfleck“.

Das mehrsprachige Wortspiel, dem es oft nicht gut tut, wenn es übersetzt wird, aber doch befreiend bewirkt, wenn es über die einsprachigen Grenzen hinweg verstanden wird, taucht auch in Heike Willinghams Gedichten auf. Ihre Auswahl in der Anthologie reicht, in konsequenter Kleinschreibung, von schritt- beziehungsweise wortweisen Begehungen des Berliner Holocaustdenkmals (35) bis hin zum Jerusalemer Felsendom (37). Kurz vor der Jerusalemer Altstadt, im Teddy Kolleck Park, spielt ihr Gedicht im norden südlich (27). Dort beschreibt sie

 bezaubernd im spiel
der möglichkeiten
wij blijven
achter uw staan
wortsinn
inmitten von wildwuchs

 Doch das holländische „wir stehen / hinter dir“, das hier hinter der deutschen Sprache zurücksteht, fügt sich in das Hebräische der einsprachigen Übersetzung ein und rückt dort, als Zitat markiert, in den Vordergrund. Wäre es da nicht passender gewesen, es in eine Sprache zu übersetzen, die in ähnlicher Sprachverwandtschaft zum Hebräischen steht, wie das Holländische zum Deutschen, und welches den hebräischen Leser*innen ähnlich naheliegt, beispielsweise das Arabische? Dann wäre der „wildwuchs“ auch in der Übersetzung eine schöne Metapher für poetische Mehrsprachigkeit, die zugleich ein anderes Zurückstehen im Jerusalemer „spiel / der möglichkeiten“ thematisierte. Doch vielleicht verdeutlicht gerade dieses in der Übersetzung verschwundene Zurückstehen einer Sprache hinter der anderen ein Zueinanderfinden in einer Sprache, welches Willingham, unterhalb der Jerusalemer Altstadt, in ihrem Gedicht lebensbaum im biblischen Duktus ausdrückt:

 wer nicht
schlafen kann
mit lämmern
wird
wolf sein
sich und
anderen
schafen

 Eine andere Art von Schlaflosigkeit beschreibt Maya Kupermann in ihrem Gedicht Was uns die Geschichte nicht lehrt (103), das an ihren Großvater gerichtet ist. Wie die meisten Holocaustüberlebenden, so Kupermann,

 schwiegst du am Tag und schriest in der Nacht.
Morgen für Morgen sang ich Dir die ‚Hoffnung‘*
du aber warst enttäuscht, schlugst die Geschichtsbücher zu
Und flüstertest in einer fremden Sprache

Der Stern erklärt uns, dass hier im hebräischen Text „Hatikwa“ steht, der Name der israelischen Nationalhymne. Die Doppelbedeutung der Enttäuschung über diese doppelte „Hoffnung“ konnte durch diese Anmerkung bewahrt werden, so dass das Flüstern „in einer fremden Sprache“ in der deutschen Übersetzung auf einmal unheimlich vertraut klingt. Kupermann schreibt dieses Gedicht in Berlin, nachdem sie Israel verlassen hat, und schließt es resigniert mit der Einsicht: „Es wird keine andere Heimat geben, allein das Vergessen.“ Hierin, im Vergessen, bleibt aber dennoch die Hoffnung der Erleichterung — wir fühlen uns an Yehuda Amichai erinnert. Doch Kupermann sehnt sich nicht, wie Khalfa, in eine verlorene Heimat mit Hilfe ihrer hebräischen Muttersprache, sondern scheint diese sogar teils hinter sich gelassen zu haben, als sie ihr Gedicht Finally, it’s too late schrieb. (99) Auch hier klingt im Titel bereits eine Erleichterung über einen Verlust an – ein Abschiedsgedicht, das vielleicht an einen deutschen Partner gerichtet war, der oder die kein Hebräisch verstand, deren „mother had forgotten my name“. Hier will das Gedicht vom anders sprachigen Gegenüber verstanden werden, nimmt jedoch bereits die Verständnisbarriere inhaltlich und orthographisch vorweg:

All your women behind a glass window
saying goodbye in a language I can only speak to myself
(I remember the lesson we had next to the fire:

-    Bist Du Okay Baby?
-    Nein, ich bin alles andere als Okay)

Der Rest ist „silent as always, standing still / Alles ist in Ordnung, mein Liebling. / Finally, it’s too late.“ Die fast schon zweisprachige Assonanz setzt das englische „standing still“ im deutschen „Alles“ wieder in Bewegung, bevor es zurückkehrt und das Gedicht im „Finally“ den Anfang von seinem eigenen Ende finden lässt.

 Bei Gundula Schiffer findet sich sogar ein mehrsprachiger Reim, der den Ausgangspunkt ihres Sonnetts I May-Day You bildet: „Im Mai, mein Lieber, sehen wir uns wieder, […] / Die feuchte Erde seufzt: you’ll be my reader.“ Über „Lieder“ und „Glieder“ hinweg träumt sich die Autorin und Übersetzerin, die an anderer Stelle unvermutet ein hebräisches Wort im deutschen Text einfügt (nicht umgekehrt), um es daraufhin gleich zu erklären: „עַל הַסַּף / auf der Schwelle“. (79) So bleibt der Klang dem deutschen Leser verborgen. Darum ging es auch nicht, sondern, zumindest idealerweise, um die experimentelle Freiheit, die ihr das Hebräische im Deutschen gewährt: „vogelfrei / grenzenlos angenommen / Worten allein / angehörend / ein Leben lang“. Kurz zuvor war noch vom „Hebräerland“ die Rede und mit Else Lasker-Schüler als Vorbild inszeniert sich Schiffer in ihren Gedichten in anderen Identitäten, träumt ihr eigenes, poetisches Judentum, dessen historischen und mythologischen Frauenfiguren ihrer lyrische Weiblichkeit Inspiration verleihen. Die Trinität ihres Poetinnen-Pantheons besteht dabei aus „einem Bild“, das sie mit sich trägt: „ein Tirza Lea und Rachel Zimmer“ – ein Raum, den sie mit den hebräischen Dichterinnen Tirza Atar, Lea Goldberg und Rachel (Bluwstein) teilt. (79) Darin zieht sich die Dichterin Schiffer mitunter vor der Übersetzerin Schiffer zurück, übersetzt beispielsweise ihr hebräisches Gedicht ins Deutsche nicht nur, sondern modifiziert, indem sie sich vom Klang der deutschen Sprache leiten lässt (bspw. wird das hebräische „metaphysische Trapez“ im Deutschen zum „transparenten Trapez“). Dabei belässt sie auch eine hebräische Spur in der deutschen Version ihres hebräischen Textes, der da hieße: Du bist nicht hier, Geliebter. Warum eigentlich? Alles ist so vertraut um mich herum. Nein.“ In ihrer Übersetzung entdeckt sie auf einmal das hebräische „Lo“ für „Nein“ im deutschen Text („belohnt“) und belässt es: „Du fehlst, Lieber. Warum? Gewohnt belohnt. Lo.“ Eine spielerische Freiheit, die sich Autorin und Übersetzerin in einer Person nehmen kann. Ob sie ihrem Liebhaber nun näher ist? Es bleibt zu hoffen.

 Die Anthologie erschien als etwas lieblos gestaltete lila Broschüre im Passagen Verlag; die Qualität der Übersetzungen schwankt. Doch die thematisch verbundenen Texte haben ihren eigenen Wert und werden von den schlichten Zeichnungen Maya Attoun gut illustriert: Jede Zeichnung zeigt je ein Zimmer, in dem eine schwebende Frau allein, sozusagen im social distancing, verträumt ihre Hausarbeit verrichtet. Im schwebenden Zustand wird ein weiblicher Zwischenzustand deutlich, der das Leitmotiv dieser Anthologie grafisch veranschaulicht. Zugleich reiht sich diese Gedichtsammlung Zwischen den Zeilen in eine Reihe von deutsch-hebräischen Anthologien ein, die seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts im Zuge der Jüdischen Renaissance und später auch in Palästina und Israel von jüdischen Einwanderern veröffentlicht wurden.1 Spätestens seit 2015, mit Erscheinen der Zukunftsarchäologie zum fünfzigsten Jahrestag der diplomatischen Annäherung zwischen Israel und Deutschland, haben deutsch-hebräische Anthologien wieder Konjunktur. Nicht nur im hebräisch-deutschen Zwiespalt, der, trotz aller Nahtversuche, noch immer einer offenen Wunde gleicht, die zwischen dem Deutschen und dem Hebräischen klafft. Jeder schmerzlindernde Verband ist somit willkommen.

  • 1. Unlängst erschienen hierzu drei empfehlenswerte Studien, die Anthologien und die damit einhergehende Kanonbildung literarhistorisch untersuchen: Carmen Reichert, Poetische Selbstbilder. Deutsch-jüdische und jiddische Lyrikanthologien, 1900-1938. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2019. Caroline Jessen, Kanon im Exil: Lektüren deutsch-jüdischer Emigranten in Palästina/Israel. Göttingen: Wallstein 2019; Sebastian Schirrmeister, Begegnung auf fremder Erde: Verschränkungen deutsch-und hebräischsprachiger Literatur in Palästina/Israel nach 1933. Berlin: J.B. Metzler 2019.
Yael Almog (Hg.) · Michal Zamir (Hg.)
Zwischen den Zeilen
Illustriert von Maya Attoun
Passagen Verlag
2019 · 144 Seiten · 16,40 Euro
ISBN:
9783709203873

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