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Kritik

YAHYA HASSAN (1995-2020)

Hamburg

Ich weiß nicht genau, was Glück eigentlich ist

─ sagte Yahya Hassan in einem Interview mit der taz1. Aus diesem Satz wurde die Überschrift Ich weiß nicht, was Glück ist

Auf Provokationen wie „Stimmt es, dass Ihre Mutter sich von Ihnen losgesagt hat?“, „Und zu wem aus Ihrer Familie haben Sie mittlerweile noch Kontakt?“ reagiert Hassan nicht („Das hat hier keine Relevanz.“), literaturtheoretisch primitivsten Fragestellungen („die Gedichte sind doch ein Teil von Ihnen“) begegnet er mit erstaunlichem Sachverstand:

Wenn ich dir ein Messer schenke, mache ich das vielleicht, weil ich weiß, dass du gern kochst. Wenn du nun das Messer aber nimmst und damit jemanden bedrohst oder niederstichst, dann ist das nicht meine Schuld, nur weil ich dir das Messer geschenkt habe. ___STEADY_PAYWALL___ Das ist eine Entscheidung, die du selbst triffst. Und wenn ich dir das Messer gegeben hätte, damit du einen Freund erstichst, der mir Geld schuldet, und du dem zustimmst, dann ist das auch nicht meine Schuld. Du findest selbst heraus, was für dich richtig ist.

[Fraglich auch die aus dem Dänischen als „du“ übersetzte Anrede]

Dieses Interview beginnt mit der Bemerkung „Seine Gedichte sind Zeugnisse einer kriminellen Jugend in Dänemark.“ Fast tut der Dichter leid, so jung das Interesse von Journalisten geweckt zu haben, gleich in den unangenehmsten Teil des Literaturbetriebs hineingeraten zu sein. Er wird zu seinen Straftaten, Familienverhältnissen und Affären ausgefragt, kaum zu den Gedichten selbst ─ der Dichter, so Hassan, als „eine Art Giraffe [], die die Leute besuchen und sehen möchten.“

Zugegeben, ich habe von Yahya Hassans Gedichten erst nach und durch seinen Tod erfahren, habe lange antiquarisch nach seinem Buch gesucht und dann ein E-Book gekauft, in ein pdf-Dokument umgewandelt, ausgedruckt, fasziniert und erschrocken in der S-Bahn trotz der Gesichtsmaske gelesen. Jeder Text ist eine kleine Geschichte, eine präzise Szene nach der anderen, deren Emotionslosigkeit, die Gleichförmigkeit der durchgängigen Großbuchstaben gerade einen unheimlichen Überschwang hervorruft:

HOLZLATTEN

ER SAGTE NICHT HABIBI
ER SAGTE HÄNDE ODER FÜSSE
UND BRACH EINE LATTE AUS DEM BETTGESTELL
NUN FEHLTE EIN STREIFEN VON RECHTS NACH LINKS
DIE MATRATZE NACH UNTEN GEBEULT

[…]

ER RAUCHTE EINE ZIGARETTE UND SAMMELTE KRÄFTE
UND BEVOR MEIN BRUDER DRANKAM
ZOG ICH MIR DIE STRÜMPFE AUS
BAT IHN SIE ÜBER SEINE ZU ZIEHEN UND ZU SAGEN FÜSSE

Ich erinnere mich an eine ähnliche Szene aus meiner Kindheit, ich habe Barbiekleider in die Strumpfhosen gesteckt, damit die Bestrafung weniger wehtat, sie dann rausgeholt und meinem Bruder angeboten, der an der Reihe war, Strümpfe und Barbiekleider, es ist eine ungewollte Erinnerung, die ich tagelang mit mir rumtrage, überlege, wie ich sie wieder loswerden könnte, warum das, was mir damals als selbstverständlich vorkam, und heute als fast zu banal, mit diesem Text eine plötzliche Wucht annimmt, mich hilflos macht. Es ist eine Banalität des Bösen, über die Hassan mutig schreibt, an die sich Kinder gewöhnen, die Eltern von ihren Eltern übernehmen, die unverarbeitet bleibt, religiös begründet, generationenweise fortgeführt, weitergegeben wird.

Der Erzähler sitzt zwischen den Stühlen, er ist keiner Kultur, keiner Sprache allein zugehörig („IN DER SCHULE DÜRFEN WIR NICHT ARABISCH SPRECHEN / ZU HAUSE DÜRFEN WIR NICHT DÄNISCH SPRECHEN“) und nimmt sich das Recht, entsprechend den Bezeichnungen, die er bekommt, zu handeln („RÄUME DIE WERTSACHEN AUS WIE EIN SCHEISS KANAKE“, „MANIPULIEREND GUT SPRECHE DÄNISCH“). Die uneindeutigste Gestalt, die in den Texten entworfen wird, ist die „Mutter“, die in fünf Jahren fünf Kinder bekommt, ihren Sohn, ob im Scherz oder nicht, anzuzünden droht, ihn „MIT EINEM SATANISCHEN SCHREI“  an die Gebetswaschung erinnert, aus Protest „TELLER IM GANG“ zerschlägt, sich nach dänischem Recht vom gewalttätigen Ehemann scheiden lässt („WENN DIE MUTTER VERHÜLLT IST / SIND DIE FEHLER DES VATERS UNSICHTBAR“, „“MUTTER SIE KENNT DEN WEG / VON KÜCHE INS ZIMMER), anderen Müttern beim Beantragen von Sozialhilfe hilft. Über viele Motive würde sich ein freudianischer Psychoanalytiker freuen, über einen andauernden Ödipuskonflikt als Basis und Folge vom patriarchalen Familienverband. Nicht alle Texte sind gleich gut gemacht, die ersten Kurzgedichte sind prägnanter als das letzte Langgedicht, an manchen Stellen ermüdet das nachgestellte „Kanakendänisch“. Aber es ist ein Buch, das da sein musste, eine teils zornige, teils nach Worten ringende, zärtlich hilflose bis aggressive Abmachung, eine Unmöglichkeit, den Strukturen zu entrinnen, eine Protestäußerung, die sich in alle Seiten richtet und irgendwann zum Selbstzweck wird.

Die Geschichten, die eingeblendet werden, funktionieren nicht über einen Autorbiographismus, es ist völlig irrelevant, ob etwa der Einbruch in einer Behindertenschule in der Realität stattgefunden hat. Sie funktionieren, abgesehen von der eindeutigen poetischen Geschicklichkeit, zumindest teilweise über die Leserbiographie, für einen Leser, der das Gewaltsame, das Schreckhafte kennt, verstört wird, auf einmal nicht mehr weiß, wie er mit seinen eigenen Erinnerungen umgehen soll. Hassan wählt Lyrik, nicht das geeignetste Medium, ein autobiographischer Roman wäre vielleicht noch besser angekommen am Buchmarkt, wäre zumindest eine konventionellere Art, eine traurige Kindheit zu erzählen. Hassan zeigt die Möglichkeiten von Lyrik mithilfe einer ungewöhnlich schlichten Sprache, die komplizierte, verworrene Machtgefüge (ein Ich gegenüber Eltern, Gott, Staat) aufzuschlüsseln versucht.

Ich glaube, dass es da jemanden gegeben hat, für den Dichtung, Literatur überlebenswichtig war, ohne sich einer Bildungselite anschließen zu müssen, zu können vielleicht. Solche Autoren braucht es, an Brutalität grenzende Stimmen, die zu wenig literarisch sozialisiert sind, um sich um politische Korrektheit und linguistische Feinspiele zu kümmern. Ich bin ernsthaft traurig darüber, dass er so früh gestorben ist, und froh, dass ich dadurch seine Gedichte kennenlernt habe.

 

Einen Überblick zu gesellschaftlichen Hintergründen enthält der Essay von Christian Johannes Idskov, aus dem Dänischen übersetzt von Matthias Friedrich, 54books 08.05.2020.

  • 1. TAZ 6.4.2014
Yahya Hassan
YAHYA HASSAN
Gedichte
Aus dem Dänischen übersetzt von Michel Schleh
Ullstein
2014 · EPub · 9,99 Euro
ISBN:
13 9783550080838

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