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Kritik

"mein kopf folgt seltsamen gesetzen"

Hamburg

Im März 2019 erhielt Yevgeniy Breyger für den Zyklus "Königreiche" den Leonce-und-Lena-Preis. Die zehn Gedichte dieses Zyklus sind sämtlich nach der gleichen strengen Weise gefügt (vierzeilige Strophen aus meist alkmanischen Versen, gelegentliche Auftakte und drei- oder fünfhebige Abweichungen) und scheinen dabei doch verlustfrei im leisen, ungezwungenen Understatement-Sound der Lesebühnen vorgetragen werden zu können. Mit ihren verketteten, größenverschoben immer wieder- und wiederkehrenden Motiven lesen sie sich wie ein einziges langes Hermetisches Gedicht. Die titelgebenden "Königreiche" sind dabei einerseits als Wahrnehmungsebenen, "Phylae" im Sinne der Taxonomie zu denken ("Königreich der verschluckten Muschel", "… des Ahornblatts" usw.), weisen andererseits auf den thematischen Grundton der ganzen Anordnung:

Heimat, dörfliche Heimat, einer Generationenfolge eingeschrieben, als Kategorie von ich-stiftender Erinnerung. Der Text stellt "Hinweisschilder" vor die ganz bestimmten Traumata und Gewalterfahrungen (mutmaßlich) ganz bestimmter Leute – ohne dann aber das jeweilige Ding auch unzweideutig beim Namen zu nennen … ganz, wie in den wirklichen Familienchroniken und Kindheitserinnerungen, die wir alle kennen, Mäntel des Schweigens über gleichwohl faktisch-schrecklich fortwirkende Ereignisse sich breiten … an den Märchenbegriff vom Zauberbann lässt sich denken, und nicht zufällig tönt vieles in diesen Zeilen auch als Zauberspruch …

Angesichts all dessen finden sich überraschend langen Strecken durchaus greifbarer Schilderung. Das verstärkt den Eindruck, es gebe durchaus auch eine ganz konkrete, intelligible Handlungsdimension, durch welche hindurch jenes hermetische Ganze wirke. Doch die unzweideutige Handlung – Breyger entzieht sie uns immer wieder, indem er stets gekonnt oszillieren lässt, welche Textelemente den "Zeichen" und welche den bezeichneten Gegenständen zugehören.

(Natürlich ist auch eine naiv-phantastische, ganz sinnlich-identifikatorische Lektüre der "Königreiche" als eines Heldinnenepos voller Verwandlungen möglich; vom vierten Gedicht in der Folge, "Königreich der überbrachten Nachricht", wird uns dies geradezu, tongue-in-cheek, nahegelegt, wo jener Text von den Beschlägen einer Truhe gerade so spricht wie die Ilias vom Schild des Achill …)

Und es wurde Oktober 2020, bis auch ein Gedichtband herauskam, der diesen Zyklus beinhaltet. Er heißt "Gestohlene Luft", ist bei Kookbooks erschienen und umfasst, neben den erwähnten "Königreichen", noch sechs andere Abschnitte. In jenen bleiben die "Eckdaten" die gleichen wie in dem schon geschilderten:

Hermetische Sprechhaltung; über die Hermetik hinaus- und hinter sie zurückweisende Formstrenge und Formsicherheit; inhaltlich leise Affinität zum (im bessern Sinn) Volkstümlichen; intertextuell-literaturgeschichtliche Bezüglichkeit in einem schwer handhabbaren Ausmaß, welches die Leserin am Ende, nach Kenntnisnahme dieser oder jener Fäden, wieder auf "den Text selbst" zurückwirft; schließlich ein dementsprechender Umgang mit realweltlichen, realgeschichtlichen Bezügen.

Dem Festgenageltwerden auf programmatische Aussagen, die ein völliges Außen der Gedichte betreffen würden, entzieht sich Breyger freilich auch hier durch das bereits geschilderte Oszillieren zwischen Ding und Namen, Karte und Territorium. Eine der Methoden, wie dieser Oszillier-Effekt hervorgerufen wird, ist übrigens das schlicht irreführende Benennen, das sich durch den Band zieht: Der Abschnitt "Noch fünf Tage" besteht aus vier Teilen; "Tag 8" heißt das neunte von zehn "Königreichen"; "Zwölf Esel und die Zinsbibel" umfasst zehn nummerierte Texte, also weder zwölf noch dreizehn.

Noch ein Element, das sich durch den ganzen Band zieht, ist die (mir) auffallende häufige Wahl gerade solcher metaphorischen Konstruktionen, welche, bei genauer Lektüre, die Frage nach realer Gegenwart von vor-sprachlicher, meta-physischer Wirklichkeit, ja geradezu eines in der Welt wirkenden Telos, der sich in der hermetisch lesbar gewordenen Dingwelt paradox erschließt, genau nicht offenlässt, sondern positiv beantwortet:

In der Nacht, als das Dorf sich bewaffnet, fegt Regen
übers Geäst und verrät sein Motiv – Verwandlung
von Bäumen in Schrift. (…)

Es ist zum Beispiel nicht einfach der Effekt dieses Regens, die Bäume "in Schrift" zu verwandeln (lesbar zu machen, Kommunikation zu stiften, …) – es ist sein "Motiv": Ein Wort, das bloß offen lässt, wer diesen Regens-Zweck so angeordnet hat (Betrachterin; Regen; Bäume; ein Anderes) – nicht aber die Existenz des Zwecks … Breygers Text-Welt, hier, ist also in sich entschieden nicht ohne Hoffnung, ist definitiv lesbar – nicht nur zum Schein, nicht nur als ob. Wir dürfen in ihrer Entfaltung vielleicht so etwas wie ein Statement von der verlässlichen Richtigkeit der Bemühungen hermetischer Poesie erkennen.

Angesichts der Schwere und Dunkelheit, die von der wiederkehrenden Mutter-Figur ausgeht, wie wir ihr gleichsam durch den Band und die zeitgeschichtlichen Kulissen folgen, ist das gut zu wissen; angesichts auch der Implikationen des Bandtitels "Gestohlene Luft", der nicht aus einem der Texte stammt: wie überhaupt "Luft" in den Gedichten nur dreimal vorkommt und stehlen-stahl-gestohlen nie …)

(…) Ich falte mich wie Rinde im Familienstamm,
Er fällt auf mich zurück als Großorkan, als Sultan einer Ortschaft.

Insgesamt ist dieser erst zweite Gedichtband von Yevgeniy Breyger ein Fall von Lyrik, die es mit Nachdruck belohnt, wenn man sie langsam, wiederholt, sorgfältig liest. Diese Texte schenken einem nichts – aber sie geben viel.

Yevgeniy Breyger
Gestohlene Luft
kookbooks
2020 · 72 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3948336080

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