Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Erzählt, gar nicht gest-sto-sto-to-tert

Hamburg

Der 1966 geborene Wiener Martin Winter legt in zwei umfangreichen Bänden (Bd. 1 = 353 Seiten, Bd. 2 = 413 Seiten) Übersetzungen der Gedichte des gleichaltrigen Literaten Yī Shā (伊沙), geboren in Chengdu (Provinz Sichuan) vor. Beide Autoren arbeiten zusammen, indem Yī Shā umgekehrt Gedichte Martin Winters (→索 sù heißt einfach) gekonnt ins Chinesische brachte. Eine derartige Kooperation lebt vermutlich von einer gewissen Wesensverwandtschaft oder anders gesagt: Der lyrische Blick auf alles da draußen und alles da drinnen bietet mit Gemeinsamkeiten eine tragende Plattform ihres Zusammenwirkens. Gemeinsam ist Autor Yī Shā und seinem Übersetzer Martin Winter der epische Ausdruck in lyrischer Verknappung, wie er sich in den (von mir so benannten) Erzählgedichten zeigt (Bd. 1: 63):

WAS DIE GESCHICHTE NICHT SCHREIBT
SCHREIBE ICH

in jenem jahr auf dem campus im sommer
eine stadt leergefegt
wie nach fliegeralarm
das spiel ist zu ende und weg sind die kinder
lehrsäle menschenleer
wohnheime menschenleer
freiheit für liebende wie nie zuvor
wir sind geblieben, mein mädchen und ich
im studentinnenheim dort hinterm vorhang
wir taten es nach jenem schlag der geschichte
das sanfte mädchen war tapfer geworden
ich hatte auf einmal kühnheit und charme
jungfräuliches blut auf weißem laken
wurde unsere fahne – das letzte geleit
für die seelen hing draußen vorm fenster im wind
die schärfe der geschichte der schmerz
bleiben durch mich in deinem herzen
wir sind in jenen tagen davongekommen
die sonne geht wie immer auf
unsere tage nach jenem jahr –
wir sind realistisch
und leben ungeduldig

Die erste Erfahrung körperlicher Liebe nach „jenem schlag“ der sogenannten Volksbefreiungsarmee gegen die auf vollkommen friedliche Weise aufmüpfigen Pekinger Studenten im Juni 1989. Eine staatliche Handlung, die den diktatorischen Charakter des angeblich sozialistischen Systems für alle Zeiten offenbarte, ohne dass es einer derart blutigen und jegliche Menschlichkeit verleugnenden Staatsaktion noch bedurft hätte, um zu wissen, wie destruktiv die als Staatsapparat organisierte Kommunistische Partei auftritt. Yī Shā thematisiert die immer vorhandene Ineinssetzung historischer Destruktion und privaten Erlebens. Selbstverständlich ist die Geschichte nicht im Juni 1989 stehen geblieben, aber die Ahnungslosigkeit und kolossale Verdrängung des bis heute ausstrahlenden Zivilisationsbruches in einer der ältesten menschlichen Gesellschaften, wie er sich allzu oft in der Publizistik zeigt (→ Chinabox, allzu sehr gemischt) ist bedrückend. Anders rückblickend Yī Shā in:

„OHNE TITEL NR. 206 (Bd. 1, S. 341)

in jenem jahr
floh ich von peking nach chang’an zurück
hielt an einer uni die reisschale auf
vergrub mich im schreiben
sah auf zu den leuten
fuhr mit dem fahrrad
beim campus hinein und hinaus
in jenem jahr
egal was ich schrieb oder tat
im herzen versteckte ich
was schmerzte von jenem sommer
auch wenn ich lächelte
sogar wenn ich mit meiner freundin im bett war
dann kam der winter
im junggesellenheim kam die heizung nicht durch
ich blies mir auf die finger
die tinte gefror schon beim schreiben
und in diesen kalten Tagen
fiel die berühmteste mauer der welt
jubel und freiheit auf beiden seiten
kläglich wenige nachrichten hier in der zeitung
ich verstand nicht viel von der sache
mein schmerz verging nicht
aber es kam auch kein neuer hass
heute, zwanzig jahre später
seh ich die ganze historische szene
der eiserne vorhang ging in die höhe
ein großer schritt für die menschheit –
was ich als chinesischer dichter tun kann?
vergrab mich ins schreiben, seh auf zu den leuten.

„in jenem jahr“ – gemeint ist wieder das traumatisierende Jahr 1989. Chang’an ist der historische Name der Stadt Xi’an in der Provinz Shaanxi [Shen-hsi], die für Jahrhunderte die Hauptstadt Chinas und Lebensort großer Dichter wie Dù Fǔ (712-770) u.a. war. Deutlicher kann man es nicht sagen: Die Lyrik ist der Rückzugsort eines wachen, an den Verhältnissen leidenden Geistes in einer Gesellschaft, die der uns so selbstverständlichen geistigen Freiheit ermangelt. Bestürzend ist, dass es bereits großen Vorfahren des Dichters Yī Shā so erging, nur ein Beispiel unter vielen möglichen ist der berühmte Sòng-Poet (und hohe Staatsbeamte) Sū Shì (蘇軾 1036-1101), der vor das Sondertribunal der „Schwarzen Terrasse“ zitiert und mit der Todesstrafe bedroht wurde, da er angeblich in einem Gedicht den Kaiser angegriffen habe. Er entging dem Tod nur durch die Protektion der Kaiserinmutter, wurde aber auf die damals fremde, wilde Insel Hainan verbannt. Was früher Majetätsbeleidung hieß, läuft heute unter „Untergrabung der staatlichen Autorität“.

Meiner Meinung nach tastet sich Yī Shā mit einem Text wie dem zuletzt zitierten scharf an der Grenze zu staatlichen Sanktionen entlang. Leider gibt Martin Winter keine Angaben über Erstveröffentlichungen der Originale, so bleibt unbekannt, ob ein Text dieser Art durch die Zensur in China gelangen konnte.

Der Stil des Übersetzers ist kongenial: Er trifft die einfache, deutliche Sprache der Originale. Herausforderungen, wie sie etwa das Gedicht „St-sto-to-tt-tern“ (Bd. 1, S. 439) bietet, meistert der Übersetzer einfallsreich. Zwar bemüht er sich nicht, die Wohlklang mit sich bringende Reimstruktur

a, a, a, a //
a, a, a, a, //
b, – ,–, b, //
–, b, –, a, //
–, a, – , a. //

zu übernehmen, was bei acht gleichen Reimen in Folge (!) wohl auch kaum möglich wäre, doch realisiert er das Stottern

m–mein st–sto–to–tt–ternd–der m–mund

im Deutschen auf die gezeigte Weise, während Yī Shā einzelne Wörter=Silben=Zeichen bis zu dreimal wiederholt:

我 我 我的
(wǒ wǒ wǒde)

m–m–meine

Die zuletzt (2017) übersetzten Texte sind zupackender als frühere, ja derb. Die aus klassischer Lyrik bekannte schwebende Subtilität, die Raffinesse des Andeutens fehlen. Man stimmt dem Inhalt zu, denn Gedichte stellen Fragen, wie sie in West–Deutschland die Generation der ersten Nachkriegsgeneration an die Eltern stellte (Bd. 2, S. 359):

FRAGE DER NATION

sagt einer kulturrevolution
sind alle opfer
oder zuschauer
wo sind die täter
wo sind die verrräter
(…)

Aber in ihrer einfachen Direktheit wirken sie wie grelles Neonlicht in der Finsternis. Sie schmerzen, wie das grelle Licht dem Augensinn Schmerz zufügt:

APOLOGIE

warum schreib ich so viel

weil meine vätergeneration
nicht geschrieben hat
in der kulturrevolution

und in siebzehn jahren davor
nur einen haufen hundescheiße

Dass der erwähnte Ost-West-Bezug nicht weit hergeholt ist, zeigt das folgende kurze Gedicht, an dessen Aufforderung sich der Dichter zum Glück nicht hielt (Bd. 2, S. 2017):

GARBEN

nach auschwitz
nach den kulturrevolutionen
solltet ihr eure gedichte
wirklich nicht mehr schreiben

Oder meint Yī Shā eher: „solltet ihr derartige Gedichte“, nicht mehr verfassen, nämlich solche, sie sich nicht wirklich um den Stand der äußeren Dinge kümmern?

Stand die Auseinandersetzung mit dem epochalen Trauma von 1989 am Anfang, so wird die Größe der damals geschlagenen Wunde deutlich, wenn Yī Shā 28 Jahre danach auf sehr chinesische Weise des ins kollektive Unbewusste gesunkenen Schmerzes gegen Ende des zweiten Bandes (2017) gedenkt (Bd. 2, S. 351):

GEISTERBUS

In Beijing im Sommer
in einer Regennacht
kommt ein Bus Nr. 22
in der nassen Dunkelheit
lautlos hergefahren,
hält an der Station
Beijing Normal University.
Keine Fahrgäste im Bus,
sogar kein Fahrer.
Türen auf (wie ein Mund).
niemand steigt ein.
Türen zu (wie ein Mund):
Auf dem Blechschild an der Seite,
ist die Anfangsstation nicht zu erkennen.
Die Endstation lautet:
„Qianmen/Tian’anmen-Platz Südende“

Wer wissen möchte, wie sich China heute innen anfühlt, der sollte unbedingt diese Gedichte lesen.

Yi Sha · Martin Winter
ÜBERQUERUNG DES GELBEN FLUSSES 2 車過黄河
fabrik transit
2017 · 416 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-9504423-6-6

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge