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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Ich war nicht wichtig, noch nicht

Hamburg

Die immense Vielschichtigkeit, nicht nur der realen vielen Persönlichkeiten Yukio Mishimas, sondern auch der Literatur des für keine Partei endgültig greifbaren Japaners, den Ursula Gräfe, Neu-Übersetzerin des Goldenen Pavillons, in ihrem unverzichtbar guten Nachwort einen, nach heutigen Maßstäben (nicht ganz ungefährlich) „Performancekünstler“ nennt, ist schlicht atemberaubend. Angetrieben von heftiger Geltungssucht, kombiniert mit kaum fehlbarer Beherrschung der Mittel des Schreibens, hat Mishima immer wieder Masken seiner selbst in beichtenartige Romane der Ich-Form verpackt. Nach den Bekenntnissen einer Maske, seinem Durchbruchroman, ebenfalls bei Kein & Aber fein editiert neu übersetzt, ist dieses Jahr mit Der goldene Pavillon, ein unbestritten zweites Meisterwerk erschienen.

Die reale Geschichte des stotternden Brandstifters Mizoguchi, den Mishima persönlich im Gefängnis aufsuchte, erschien zum Roman verarbeitet ursprünglich 1956, im Todesjahr des jungen schizophren diagnostizierten Delinquenten. Ursula Gräfe übersetzt das Psychogramm des „mit Hässlichkeit gezeichneten“, der sich an der Schönheit rächt, indem er ihr absolutes Symbol, den Goldenen Pavillon zu Kyoto 1950 abfackelt, ___STEADY_PAYWALL___ auf beeindruckend schlüssige Art. Obwohl die nicht ganz leichte Erzählperspektive schon früh mit Sätzen wie „ein typischer Fehler von mir war: ...“ baden gehen könnte, passiert das exakte Gegenteil. Durch subtile Unzuverlässigkeiten, wie ein literarisches Stottern, weiß auch Mizoguchi nicht alles, erinnert sich komplex und non-linear. „Immer wenn ich handeln wollte, wurde ich von einem Drang nach Worten abgelenkt [...] dass ich nicht die Kraft hatte, mich mit der Außenwelt zu verbinden.“

Die Versehrtheit in Sprache und Körper bildet im jungen Novizen, der sich im Goldenen Pavillon einschreibt, mit dem Ziel ihm dereinst selber vorzustehen, eine permanent unpassierbare Brücke zur Außenwelt.

Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, die erste wahre Schwierigkeit, auf die ich in meinem Leben stieß, war die Schönheit. Mein Vater war nur ein einfacher Priester vom Land, seine Sprache war begrenzt, und er hatte mir lediglich beigebracht, dass es „auf der ganzen Welt nichts Schöneres“ gab als den Goldenen Pavillon. Bei dem Gedanken, dass diese Schönheit an einem mir unbekannten Ort existierte, konnte ich mich der Unzufriedenheit und der Unruhe nicht erwehren. Wenn die Schönheit sich wirklich dort befand, war mein ganzes Sein von ihr ausgeschlossen.

[...]

Ich sagte bereits, dass es schon als Kind mein einziger Stolz war, von anderen nicht verstanden zu werden, und ich auch niemals das Bedürfnis verspürte, mich anderen verständlich zu machen. [...] Ich hatte es wie etwas Unmoralisches genossen, bis auf den Grund meines unerschütterlichen Bewusstseins hinabzutauchen, Mönch und Stotterer zu sein.

Der unmögliche Narzisst verfällt empathielos und selbstmitleidig einer ganzen Reihe von Verführungen seitens bizarrer Co-Charaktere wie auch dem ganz realen Leben an sich – das „gedemütigte Japan von einst“ im Nachkriegszustand, ohne jeden Stachel, noch schön, aber historisch „befleckt“. Hier scheint Mishimas eigene nationalerotische Perspektive in Deckung gebracht, die ihn seinen eigenen Goldenen Tempel, den verehrten gebody-buildeten Körper 1970 entleiben lässt, um diffus wohl jene japanische Beflecktheit für sich zumindest ausgetrieben zu haben, oder um GG Allin und Gräfes „Performancekünstler“ zusammen zu bringen: „to make literature dangerous again.“

Das verdichtete Erzählen des Mizoguchi bekommt durch Gräfes Übersetzung eine hohe Ausgewogenheit. Jeder Satz sitzt, nichts ist überladen oder belanglos. Neben vielen auf gleichzeitige Weise zentralen Erlebnissen, Bildern in der Beichte ist es das Koan der Katze, das auf verschiedene Weise und an verschiedenen Stellen im Buch hin und herflattert. Es ist in seiner typischen Widerspenstigkeit, zugleich Humorigkeit, eine weitere Spur, Spiritualität (Zen) und Kunst (oder Versehrtheit und Rache / Uniqueness attacking) zueinander abzubilden.

Eines Tages, als alle Mönche zum Grasschneiden draußen waren, tauchte in dem friedlichen Tempel eine kleine Katze auf. Neugierig machten die Mönche Jagd auf sie und fingen sie schließlich ein, woraufhin es zu einem Streit zwischen den Mönchen des westlichen und des östlichen Flügels darüber kam, wer das Kätzchen behalten dürfe.
Als Nansen dies sah, packte er das Kätzchen und hielt ihm die Sichel an den Hals. „Wenn einer von euch etwas Treffendes sagt, ist das Kätzchen gerettet“, verkündete er. „Sonst schneide ich ihm den Kopf ab.“
Niemand antwortete. Nansen Fugan tötete die Katze und warf sie beiseite.
Am Abend kehrte sein bester Schüler Choshu zurück. Nansen erzählte ihm, was geschehen war, und fragte ihn nach seiner Meinung. Sofort zog Choshu seine Sandalen aus, legte sie sich auf den Kopf und ging hinaus.
Nansen seufzte bekümmert. „Wärst du hier gewesen, du hättest das Katzenjunge gerettet.“

Der Goldene Pavillon ist Weltliteratur.

Yukio Mishima
Der Goldene Pavillon
Übersetzung:
Ursula Gräfe
Kein & Aber
2020 · 336 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-0369-5807-1

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