Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Archiv Kolumne
Illustration von Judith Sombray
x
Illustration von Judith Sombray
Kritik

Das gefährliche Zahnrad der Welt

Hamburg

1968, zwei Jahre vor seiner bizarren Abschiedsvorstellung, schrieb Yukio Mishima einen durchgeknallten Roman, der so gar nicht zu den anderen, wenn auch vielen diversen, Veröffentlichungen des immens Begabten passen sollte: Leben zu verkaufen, Life for Sale. Soeben bei Kein und Aber erschienen, ist das Buch tatsächlich das, was das trashig-ernste Araki-Cover suggeriert: ein Schmuddelroman. Aber auf eine Machart, wie sie auch Godard hätte skripten können, d.h. nämlich zunächst, es ist viel mehr als das in Fortsetzungen aberrasant und reißerisch verfasste Vor-den-Augen-Habende. Mishima benutzt das Ganze psychedelische Setting des lebensmüden Tokyo-Ad Angestellten Hanio, um zumindest in den ersten beiden Dritteln Dinge mit Sprache und Psyche anstellen zu können, die dem „seriösen Roman“ verwehrt sind. Gewissermaßen seine eigene Dekonstruktion betreibend, die allerdings im schwachen letzten Drittel so erfolgreich ist, dass das verblüffende Ursprungsmoment verpufft ist, sich selbst eliminiert hat, lässt Mishima den absurden Zufall regieren. Randgefüllt mit Cliffhangern und cartoonishen Überraschungen beißt sich der Text durch Mishimas eigene Konventionen, um schließlich in einem LSD-Pulp-Bang zu implodieren. Der rauchende Hanio, der es einfach nicht schafft sich von fremder Hand umbringen zu lassen, sitzt als extrem erfolgreicher Geschäftsmann auf der Krankenhaustreppe. (Ab hier übernehmen AutoInnen wie Philip K. Dick, Ryu Murakami oder Ursula Le Guin.)

Groschen-Charaktere, Spionageringe der ACS-Geheimdienstler, vergiftete Möhren, Vampirfrauen lässt Mishima durch ein gimmick-verstopftes Symbolszenario wandeln, immer nur auf Zuruf in Bewegung, wenn der einzig lebendige, Protagonist Hanio, Werbetexter, gerade vorbei kommt – wie erwähnt, auf der eigenen Todesmission. Die gelungensten Dialoge und komischsten Szenen könnten auch aus Der Ekel stammen, die bunten Popcorn-Visualien aus Seijun Suzukis zeitgleich entstandenen Branded to kill / Tokyo Drifter Regie-Phasen.

[Hanio] hatte in der Snackbar, in der er für gewöhnlich zu Abend aß, die Spätausgabe der Zeitung gelesen und plötzlich den Wunsch verspürt, seinem Leben ein Ende zu setzen [...] plötzlich war ihm der Gedanke an Selbstmord gekommen, so wie man auf die Idee kommt, ein Picknick zu machen, doch als er jetzt angestrengt nach einem Grund dafür suchte, fiel ihm nicht der geringste ein. Wahrscheinlich hatte er genau deswegen versucht, sich umzubringen.

Ab diesen Sätzen beginnt geradezu ein Massaker des anschaulichen Erzählens, wenn Hanio, fast Graphic Novel-artig, von einem Menschen zum nächsten stolpert, Frauenleichen zurücklässt, auf der Suche nach einem / einer Richtigen, seinem gesättigten Designerleben ein Ende zu setzen. An seiner Wohnungstür hängt das legendäre Schild aus seiner Zeitungsannonce Life for Sale, wenn in Kundschaft, dreht er es um, und es steht tatsächlich Sold out an der Tür. Hanio hat viele Klienten, verdient einiges, denn durch einen ersten eigenen misslungenen Schlaftablettenversuch, blickt er seinem Ende so gelassen entgegen wie ein Superheld des Alltags. In seinen eigenen Dialogen geht er mit maximaler Ungeniertheit ans Werk, wer ihn aufsucht, ist selbst an absurder Verkommenheit ihm ebenbürtig:

„Sie sind der Mann, der sich in die Botschaft schleichen, die nicht vergifteten Möhren ausfindig machen, an ihnen knabbern und so den Code zu Entschlüsselung finden soll. Was meinen Sie?“

Im letzten Drittel verliebt er sich allerdings wider Erwarten in die drogensüchtige Hippie Reiko, verliert sie aber, natürlich, in einer einzigen Halluzination, gegen deren Ende, das auch das Buchende ist, ihm ein ungerührter Polizist die Leviten liest:

„Ach, Sie haben Ihr Leben verkauft. Verstehe, das war sicher anstrengend. Aber das ist Ihre Sache, Sie können Ihr Leben verkaufen, soviel Sie wollen. Das ist gesetzlich nicht verboten. Ein Verbrechen begeht nur, wer sein Leben verkauft und Missbrauch damit treibt. Wer sein Leben verkauft, ist kein Verbrecher. Er ist lediglich der Abschaum der Menschheit. Mehr nicht.“

Leben zu verkaufen ist eine auf flott getrimmte Kuriosität in Mishimas langer Outputliste. Es liest sich eben flott, nicht zu sagen superflott, birgt aber auch die tatsächliche Fallhöhe im Fallen selbst, dem Genre mit ein paar Ungereimtheiten zu viel auf den Leim zu gehen. Es seien die ersten beiden Drittel empfohlen, diese allerdings mit Nachdruck, denn nicht unerwähnt gehört, dass der ganze Roman auch eine Allegorie / Parodie auf sich selbst, Mishima, gelesen sein kann. Sprich eine selbstironische Kommentierung des Sich-Verkaufens an die Groschen-Ecke, bevor es 1970 ernster um ihn selbst wird.

Yukio Mishima
Leben zu verkaufen
Übersetzung:
Nora Bierich
Kein & Aber
2020 · 240 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-0369-5824-8

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge