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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Hütte aus Flusssteinen

Hamburg

Einen dichten Familien-/ Generationenroman schreibt Yvonne Hergane mit Die Chamäleondamen, jüngst im Maro Verlag erschienen. Darin geht es um eine episodenhafte Chronik vierer ProtagonistInnen einer Rumäniendeutschen-Familie zwischen Banat und Hamburg, Frankfurt etc. Nicht nur die politischen und gesellschaftlichen System wechseln konstant, die Sprache, Schicksale und Begebenheiten rund um Edith, Marita, Ellie und Hanne tun es ebenso – eine Spanne von über 120 Jahren. Aus sehr dialektal gehaltenen Passagen, Bayrisch zusätzlich gefärbt, wird es Hochdeutsch und schließlich Digitaldeutsch in den aktuelleren Episoden, während sich die Blicke auf und um das neue Leben aus ihren verschiedenen Perspektiven erzählen mit „Hilfe vom inwendigen Sprachchamäleon“.

Der Band wirkt autobiografisch, zum Teil recht in sich gekehrtes Erzählen. Die Episoden springen in den Zeiten vor und zurück, wie eine Fotobox mit zufällig gezogenen Bildern. Es gibt weniger einen größeren erzählerischen Bogen, außer der erlebten Zeit, als denn Einzelbelichtungen, die eine konsequente Überschriftengestalt, datiert, „Es reist“, „Es quält“, „Es spuckt“ usf. tragen. Die Flucht aus einer Mangelwirtschaft und Sätzen wie: „Unser Kind wär beinahe gestorben, wegen kaputter Pepsi“, und sehr harten Krankenhaus-/ Verlustszenen gegen Ende „in der neuen Heimat“.

Aus dem Krieg ’42:

Er dreht sich weg und spuckt auf den Boden, und Marita hält die Hand über die Püreeschüssel ihrer Tochter, dass kein Hass reinfliegt und sie vergiftet.

In der Schule 1974, Rohrstock:

Hanne weiß nichts davon, dass Mama schon vor Schulbeginn mit Frau Ziemer geredet hat, sich entschuldigt und um Nachsicht gebeten hat, weil Hanne kein Hochdeutsch spricht, nur Banater Berglanddeutschenpansch mit österreichischem Mehlspeisboden und rumänischen Kirschen oben drauf.

1982:

In Deutschland ist das Erreichen des richtigen Ziels weniger wichtig als die Frage, ob man auf dem vorgeschriebenen Weg hingekommen ist, egal wie plattgelatscht er sein mag.

Die Chamäleondamen ist komplex und durch die ständigen Erzählwechsel nicht leicht zugänglich. Er bietet mit seiner mehrfach gebrochenen und letztlich zerrissenen migrantisch / postmigrantischen Perspektive ein fast durchgehend gestreutes Gefühl von Unbehaustheit. Nur durch Zusammenhalt, familiär und sozial, kann überhaupt eine Basis des Entgegentretens formuliert werden.

 

Yvonne Hergane
Die Chamäleondamen
Maro Verlag
2020 · 240 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-87512-493-4

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