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Kritik

Minderheiten gegen Minderheiten?

Kritische Perspektiven
Hamburg

Kritische Perspektiven verspricht der Band Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität von Heinz-Jürgen Voß und Zülfukar Çetin. Dabei nehmen die beiden Autoren das Thema “schwul” aus der Perspektive ihrer jeweiligen Forschung auseinander und legen zwei Perspektiven auf das gleiche Phänomen vor. So geht der Sexualwissenschaftler Voß kritisch in die historische Perspektive auf Homosexualität als Phänomen der Moderne ein. Çetin dagegen geht wesentlich soziologischer vor und betrachtet die jüngere Geschichte der BRD und insbesondere urbane Prozesse in Berlin. Beide Perspektiven werden locker von Vor- und Nachwort zusammengehalten. So locker, dass man sich wünscht, es hätte mehr Synthese zwischen den beiden Perspektiven gegeben, die so bezugsfrei zueinander im Raum stehen. Kritisch und akribisch sind beide durchaus, wenn sie zeigen, wie die Befreiungsbewegung der Homosexuellen zum Stillstand gekommen ist und anstatt Einschlüsse nur noch Ausschlüsse produziert. In dieser kritischen Perspektive liegt der große Mehrwert des Bands.

Voß steigt mit einem sehr breiten Wurf ein, denn er skizziert einen von ihm aufgefächerten Paradigmenwechsel in den Naturwissenschaften, der sich mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ereignete. Starre Definitionen lösten sich auf, aus Materie wurde Energie und aus Gewissheiten wurden Wahrscheinlichkeiten. Zur gleichen Zeit wurde aus einem relativ fluiden Gebiet, der Sexualität, Schritt für Schritt ein ganze Gesellschaften prägendes Gebilde. Die Homosexualität wurde installiert und damit auch ihr Gegenbild, die Heterosexualität. Aus dem “Sodomiten” wurde der “Homosexuelle”, aus einer Vorliebe wurde eine Sexualität, oder wie Foucault sagt: aus dem Gestrauchelten wurde eine Spezies. Die Festschreibung dieser Begrifflichkeiten als Identitätskategorie teilte die Menschen plötzlich in zwei Richtungen ein, die als einzige Zwischentendenz die Bisexualität zuließ.

Voß’ Perspektive auf den Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld bedient sich einer besonders engen Lesart. Der als intellektueller Mit-Begründer der Homosexuellenbewegung gewürdigte Wissenschaftler kommt hier im Detail zu Wort. Voß zeigt, wie auch Hirschfelds Blick auf die menschliche Sexualität erst zu einer neuen Sichtbarkeit führt. Diese Sichtbarkeit widerspricht zugleich paradoxerweise den Errungenschaften anderer wissenschaftlicher Perspektiven, die fluidere Weltbilder entwerfen. Die Sexualität und mit ihr auch Geschlechtlichkeit wird auf starre Stereotypen heruntergebrochen, die Hirschfeld in Bildbänden und Schriften dokumentiert. Dabei bewegt sich Hirschfeld in einem neuen Deutungskontext: War es zuvor die Justiz, die den Sodomiten verurteilte, ist es jetzt die Biologie und die Medizin, die den Homosexuellen untersucht. Diese Untersuchungen, der Gerichtsmedizin entliehen, verlassen dabei die Suche nach konkreten Beweisen für den Akt zwischen zwei Männern (denn nur die männliche Homosexualität stand zumeist unter Strafe), und richten den Blick auf den Menschen als Ganzes. Der Homosexuelle als Spezies unterscheidet sich nicht nur in seinem Verhalten vom normalisierten Heterosexuellen, er wird zugleich auch einen anderen Körper haben müssen und diesen gilt es zu beschreiben. Hirschfeld tappt in genau diese Falle, die ihm die Geschichte stellt und geht noch einen Schritt weiter. Er spricht von einer sogenannten “echten Homosexualität”, einer inneren Einstellung, die er von der sexuellen Handlung als solche komplett abkoppelt. Diese innere, echte Homosexualität wird bei Hirschfeld, wie Voß zeigt, zum Medium für einen latenten Rassismus. Hirschfeld berichtet von Reisen in “den Süden”, damit meint er Italien, wo er einen “orientalischen Einfluss” ausmacht. Diese Einfluss führt dazu, dass Männer sich zwar anderen Männern hingeben, aber zugleich fehlt es ihnen an einer authentischen Homosexualität, die Hirschfeld in nördlichen Ländern verortet.

Aus heutiger Sicht sind solche Diskurse nur schwer nachzuvollziehen. Der Abriss über Hirschfeld zeigt, welcher Mittel sich die Wissenschaft in der Beschreibung eines von ihr selbst geschaffenen Phänomens bediente. Voß zeigt weiter auf, wie die Homosexualität als natürliches Phänomen in immer wieder anderen Bereichen verortet wird, seit sie erfunden wurde. Von der äußerlichen Beschreibung bei Hirschfeld, über Hormondrüsen bis hin zur Genetik und derzeit bei der Epigenetik – Homosexualität lässt sich nicht festmachen. Dennoch versucht die Wissenschaft es weiter mit der Biologisierung von sexuellen Ausdrucksformen.

Çetin macht den Sprung in die Gegenwart und beschäftigt sich mit der Situation in der BRD und vor allem in Berlin. Was besonders betroffen macht, ist wie respektlos der Umgang von politischen Gruppierungen wie dem LSVD gegenüber anderen Gruppen vonstatten zu gehen scheint. So zeigt Çetin in einem Beispiel, wie eine geplante Veranstaltung in einer Moschee, die aus Platz- und logistischen Gründen verlegt werden sollte, seitens des LSVD zu einem Skandal aufgebauscht wird. Die Schwulen auf der einen, die Muslime auf der anderen Seite – so einfach ist das Feld aufgeteilt. Auf dieser simplen Ebene werden in der Hauptstadt Debatten geführt. Dabei werden Stimmen, die gegenüber Mehrfachdiskriminierung und Machtkonstruktionen innerhalb von Minderheiten laut werden, ausgemerzt. Es ist nicht schwer zu sehen, dass eine Debatte, auf solch starken Vereinfachungen basierend, nicht fruchtbar geführt werden kann. Die anderen, das sind die Homophoben. In dieser Logik wird die mehrheitsdeutsche Gesellschaft zu einem Hort der Toleranz und selbst konservative Politiker erheben das Wort für Gleichberechtigung von anderen Sexualitäten, wenn sie dafür ihrem Rassismus freien Lauf lassen dürfen. Çetins Analyse bohrt den Finger tief in die zerrüttete Situation einer Bewegung, die an ihr Ende gekommen scheint.

An anderer Stelle wurde dem Band vorgeworfen, er wäre anti-homosexuell (vor allem eine Rezension im Sammelband “Beißreflexe” (http://www.querverlag.de/books/beissreflexe.html), erschienen im Querverlag, erregte Aufsehen). Diese Lesart verkennt das Potenzial aktueller historischer, soziologischer und sexualwissenschaftlicher Forschung. Was der Band zeigt, ist, und das ist keine Neuigkeit, wie Homosexualität als Kategorie konstruiert ist und welche Gefahren damit einhergehen. Wenn sich Menschen auf einfache Labels reduzieren lassen, dann steht auf der einen Seite der Homosexuelle und auf der anderen Seite der Muslim. Beide schließen sich aus, beide hassen sich und beide lassen sich gegeneinander ausspielen. Nur gut, dass der Homosexuelle per se ein weißer Mann ist und damit in einer besseren Position als der Muslim als solcher. Solange Debatten auf diesem Niveau geführt werden, solange die Begrifflichkeiten so minderkomplex bleiben, bleibt auch die Debatte eine minderkomplexe und geht zu Lasten aller Beteiligten. Vor allem verhindert eine solche Debatte die Solidarisierung und den Austausch. Voß und Çetin fordern auf dieser Grundlage ein, die Einteilungen, die uns ein- und ausschließen, die Minder- und Mehrheiten, die wir angeblich sein sollen, endlich aufzuheben. Leider gelingt ihnen zwar nicht die Brücke zwischen Kritik und einem pragmatischen Ansatz, aber ihre theoretischen Ansätze und ihre kritischen Perspektiven sind ein satter Beitrag zu einer wichtigen Debatte. Dass diese Argumente gerade denen nicht gefallen, die sich mit den kritisierten Konzepten überidentifizieren, kann nicht überraschen.

Zülfukar Çetin · Heinz-Jürgen Voß
Schwule Sichtbarkeit - schwule Identität
Kritische Perspektiven
Psychosozial-Verlag
2016 · 146 Seiten
ISBN:
978-3-8379-2549-4

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