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Kritik

Aboud Saeed, Lebensgroßer Newsticker

Ein Newsticker des "klügsten Menschen im Facebook"
Hamburg

Seit dem Ausbruch des Kriegs in Syrien am 15.03.2011 ist viel Zeit vergangen. Zugleich markiert dieser traurige Tag den Beginn der schriftstellerischen Karriere von Aboud Saeed. Facebook verhalf diesem Talent zu internationalem Gehör. Politisch, anarchistisch und von einer scharfen Beobachtungsgabe sind seine Kurzmeldungen. Das Internet hat den Kanon abgeschafft, will man meinen. Glatt übetrieben, aber es tut gut, zumindest so zu tun: Wie sonst will man sich erklären, dass ein syrischer Schmied aus Manbidsch in Deutschland bereits zwei Bücher veröffentlicht hat? Auch das wieder übertrieben. (Außerdem: Die Kolumnen für das VICE-Magazin und die Berliner taz lassen wir da jetzt mal außen vor.) „Der klügste Mensch im Facebook“ nennt ihn ein Band, der bei mikrotext erschienen ist und die oben erwähnten Statusmeldungen zusammenfasst. Damit gehört Aboud Saeed zu den Netzautoren, eben jener (noch immer neuen) Spezies Autoren, die sich durch das Internet verbreiten und dort ihr Forum finden. Seine Veröffentlichungen bei mikrotext schreiben die digitale Logik konsequent fort.

Im zweiten bei mikrotext erschienen, digitalen Band „Lebensgroßer Newsticker. Szenen aus der Erinnerung.“ versammelt Saeed eine Vielzahl von kurzen Texten, die von seiner stets lakonischen und amüsierten Erzählhaltung zusammengehalten werden. Der Alltag aus einem Syrien, das es so nicht mehr gibt, steht neben Beobachtung aus dem dauerhaften Ausnahmezustand. Der dauernde Krieg ist schleichend zur Normalität geworden. Die Protagonisten in Saeeds Mikro-Erzählungen: die Familie, Freunde, am Rande auch Beobachtungen aus der neuen deutschen Heimat, dabei aber auch immer er selbst. Daneben stellt er Referenzen und Zitate aus arabischer Pop- und Hochkultur, die wir, dank der ausführlichen Notation durch die Übersetzerin Sandra Hetzl, auch verstehen können, ohne den kulturellen Kontext zu kennen. Im schlechtesten Fall versteht man sie nur nicht und überspringt sie einfach. Im besten Falle tragen sie zu einem umfassenderen Bild des kulturellen Kontexts bei, aus dem dieser Text stammt. Saeeds rhythmische, zuweilen verspielte Prosa entführt uns zunächst in seine Kindheit in den 90er Jahren. Die Baath-Partei ist an der Macht, die Lehrer sind streng und Saeed muss einen Essay zum Thema Märtyrer verfassen. Weil er die Hausaufgaben vergessen hat, leiht er sich einen Stift aus, aber dessen Tinte ist komplett vertrocknet. Ihm bleibt nichts anders übrig, als den gesamten Aufsatz mit dem Stift in die Seite zu drücken. An der Reihe mit dem Vorlesen, improvisiert Saeed aus dem Stehgreif die Aufgabe. Sein Aufsatz erzählt von Kampfjets, Bomben, karikiert süße Versprechen des Todes. Er improvisiert eine Rede gegen das Märtyrertum:

Was heißt das schon: Märtyrer? Wir wollen doch alle leben. Die Revolution des Lebens, Herr Lehrer, die Revolution des Lebens ist unser Aufsatzthema, nicht Märtyrertum und Märtyrer, Herr Lehrer.

Schließlich verheddert er sich ganz und stottert nur noch, wird unterbrochen und abgestraft.

Der schnelle Duktus der Sprache zieht in diesen Szenen aus der Erinnerung oft am Leser vorbei, aber er hinterlässt bleibende Eindrücke. Verfängt man sich im lakonischen Tonfall, wird man immer wieder an die tragische Realität des Krieges erinnert:

Da begannen die Menschen, in jeder Wolke einen Kampfjet zu sehen, der sie bombardieren würde.

Und so beginnt man als Leser zwischen den Metaphern und Anspielungen die Dimension des Leidens zu sehen. Liest man Aboud Saeed, dann ist man hin und wieder dazu verführt zu vergessen, dass die zuweilen surrealen Erzählungen einer traumatischen Realität entspringen. Es ist nicht so, dass die Texte den Krieg mit Zucker überziehen aber die verdichtete poetische Sprache legt einen Schleier vor unsere Augen. Selbst die kleinsten Szenen sind bis zum Bersten mit Bedeutung voll. Um ein Beispiel zu geben:

Ich will ein Leben, wo die Tochter meiner Schwester ihren gekauten Kaugummi nicht auf den Fernseher klebt, damit sie ihn am Tag darauf weiterkauen kann.

Denn mit dem Krieg kommt auch die Armut, und die widerspricht nicht dem Besitz eines Fernsehers - oder Smartphones. Dieser Modus des Wollens ist im „Lebensgroßen Newsticker“ oft wiederzufinden. Das Wollen taucht immer wieder auf, wie ein Faden, der neben der Realität verläuft. Was Saeed will, ist dabei sehr bescheiden: Frieden und genug zum Leben. Der Krieg wird nie auf einer politischen Ebene besprochen oder analysiert. Stattdessen bleibt es stets persönlich, stets alltäglich und genau da wird es wieder politisch. Das Persönliche entzieht sich dem Politischen nicht, es ist direkt durch die poetische Sprache verwoben. Das Politische steht neben dem Banalen:

Meine Mutter hat eine Erkältung und meine Freunde sind alle schlummernde Verräter…

Ein Kennzeichen der syrischen Literatur, die man auf Deutsch zu lesen bekommt, ist ohne Zweifel der Humor. Neben Aboud Saaed ist es beispielsweise auch Rasha Abbas mit „Die Erfindung der Deutschen Grammatik, die Humor als Stilmittel bis zum Bersten ausreizt. Ähnlich wie Saeed speisen sich ihre Geschichten aus der Flucht, aus dem deutschen Alltag und der Vergangenheit in Syrien. Es ist dieser Dreischritt (das alte Syrien, der Transit, das Asyl), das den Alltag dieser Menschen bestimmt. Humor wird zur Bewältigungsstrategie der Katastrophe. Das politische Asyl, aus dem die syrischen Autoren sprechen, gibt ihren Texten eine Aufgabe. Zum einen entsteht so ein Ventil für die Bewältigung. Zugleich aber ermöglichen die Autoren, deren Texte ins Deutsche übertragen werden, Verständigung und ein Forum für Erfahrungen, die andere Medien so schwer transportieren können. Nimmt man sich als Nicht-Flüchtling Zeit, diesen Stimmen Raum zu geben, dann nimmt man, wenn auch mittelbar, an den Kriegserfahrungen teil. Die Szenen aus Aboud Saeeds Erinnerung sind keine Memoiren aus einer fernen Vergangenheit, sie sind die Literatur gewordene Fluchterfahrung. Ein besseres Werkzeug für Verständigung und Empathie kann ich mir nicht vorstellen.

 

 

Aboud Saeed
Lebensgroßer Newsticker
Szenen aus der Erinnerung
Übersetzung:
Sandra Hetzl
mikrotext. short digital reading.
2016 · ca. 250 Seiten auf dem Smartphone · 5,99 Euro
ISBN:
978-3-944543-21-5

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