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Kritik

Gedichte auf sanften Schwingen

Die Gedichte des in Köln und Ankara lebenden Lyrikers Achim Wagner sind von einer Sanftheit, die so tatsächlich nur sehr selten zu finden ist in der jungen modernen Dichtung. Sein neuester Band „flugschau“ eröffnet das Verlagsprogramm des [SIC] Literaturverlags von Daniel Ketteler und Christoph Wenzel, die bereits für die gleichnamige Literaturzeitschrift verantwortlich sind. Wagners Buch setzt die Tradition der beiden Herausgeber fort, die stets auf der Suche sind nach hochwertiger Literatur abseits des Mainstreams – einer Literatur, die experimentierfreudig ist, Traditionen fortsetzt um sie aufzubrechen, und die mit ihrer sprachlichen und inhaltlichen Vielschichtigkeit deutlich heraussticht aus der Masse der oft viel zu austauschbaren Neuerscheinungen.

Achim Wagners „flugschau“ hat nichts martialisches, es ist nicht das militaristische Muskelspiel, das man mit dem Begriff üblicherweise assoziiert – der Titel deutet bereits an, wohin die Reise geht. Wagner spielt mit der Sprache und mit den Erwartungen des Lesers, er legt falsche Fährten, die auf Lichtungen führen, die man nicht erwartet. Es ist eine Flugschau auf Federflügeln, ein virtuoses Gleiten, das in jedem Wort Präzision versteckt – eine Präzision, die sich zur Vielfalt vor allem der Empfindungen hin öffnet.

„gegen den wind starten / partir face au vent“ heißt eines der Gedichte, die nicht nur Anspielungen an literarische Gegenstücke, hauptsächlich französische, enthalten, sondern auch inhaltliche wie formale Bezüge zur Gedankensphäre der Nouvelle Vague zu einem hauchdünnen, transzendenten Faden spinnen, der das Konkrete mit dem Abstrakten verbindet: „valerie schläft mit nassen haaren auf der couch / manchmal versteckt sie sich in zusammenhängen / manchmal vertuscht sie sich selbst / nachher zimmert sie einen stuhl“.

Es ist das scheinbar Alltägliche des Sehens und Liebens, in das ein empfindsames Querdenken einbricht, ein Versuch, das fassbar zu machen, das mitschwingt, wenn etwas geschieht, ob nun real oder imaginär. Das Lyrische Ich ist immer involviert, auch wenn es sich am Rand hält, jede Erfahrung ist Gedankenmaterial, das es zu bearbeiten gilt: „durchweichte gerüche / und klänge wimmelten / ich blieb vorsätzlich / zuschauer“ heißt es in „die störung feststellen / localiser la panne“, und einige Seiten und Gedichte später: „inzwischen konspiriere ich / mit meinen vorkommnissen“.

Es ist eine Dichtung, die manchmal erinnert an den alten Spruch, dass man sich selbst immer mitnimmt, egal, wohin man flüchtet. Ein Wandern und Suchen, ein Überfliegen und Verweilen in Eindrücken, Erinnerungen, Wünschen, in dem jede zarte Silhouette einer Frau Ausdruck des Ich ist, das elementarste Fragen stellt, ohne sie auszusprechen.

„flugschau“ ist ein Lyrikband, den man mehrmals lesen  muss, ein Paradebeispiel für Gedichte, die sich dem schnellen Konsum entziehen, die gelesen und gefühlt und erfahren werden wollen, und die, je nachdem, immer neue Blickwinkel auf Reflexionen erlauben, die man längst verstanden zu haben glaubte.

Achim Wagner
flugschau
SIC
2011 · 72 Seiten · 17,00 Euro
ISBN:
978-3-981358711

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