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Kritik

Spaziergang durch Widersprüche und Zufälle

In seinem Tagebuch ohne Datum legt Adam Zagajewski Zeugnis ab, wie unentbehrlich die kleinen Ewigkeiten der Kunst für sein Leben sind und waren.
Hamburg

„Von Zufall zu Zufall“ hat Adam Zagajewskis Vater seine Biographie genannt, um die ihn der Sohn gebeten hatte. Der Vater hat dem Sohn seinen Wunsch widerwillig erfüllt, er war nie ein Freund großer und ausführlicher Worte, schon gar nicht ein Befürworter von Metaphern. Die Poesie seines Sohnes, nach der er einmal in einem Interview gefragt wurde, hielt er für „eine leichte Übertreibung“. Der Vater, erinnert sich Zagajewski war ein schweigsamer Mensch. „Wir saßen oft lange schweigend nebeneinander, bis er endlich auf die Uhr sah und sagte, wir müssen weiter. Er schwieg, er schwieg gern, und deshalb werde ich nie wirklich wissen, wer er war.“

Aus diesem Schweigen heraus, versucht Zagajewski zu sprechen. In Essays und Gedichten, auf eine Art und Weise, die sein Vater für eine „leichte Übertreibung“ hielt.

Es geht häufig um diesen Vater in Zagajewskis Tagebuch ohne Datum, und um die Vertreibung aus Lemberg. Zagajewski lässt Familienmitglieder zu Wort kommen, die scheinbar mehr in der Erinnerung als in der Gegenwart zu Hause sind. Und obwohl die Vertreibung eine schmerzhafte Erfahrung ist, auf die die Betroffenen vermutlich lieber verzichten würden, stellt Zagajewski die These auf, dass gerade der Verlust von Heimat und Stabilität sinnstiftend wirkt. „Ein Leben ausschließlich unter dem Schirm des Kalenders, ein absolut sicheres Leben, würde zerfließen wie ein Stück Eis auf einer warmen Kinderhand.“ Die wiederholten Berichte vom Schicksal der Vertriebenen, ausgehend von der eigenen Familie, von Menschen, die ihm nahe stehen, ziehen immer weitere Gedankenkreise um das Phänomen der Vertreibung. Nicht zuletzt liefern diese Betrachtungen auch einen Einblick in die polnische Mentalitätsgeschichte.

Die Sätze, die Zagajewski über seinen Vater schreibt, der bevor er starb, lange an Demenz litt, erinnern mich an einen anderen Polen. An Tadeusz Dabrowski und sein hilflos zärtliches Gedicht, das mit der Zeile beginnt: „Im anderen Zimmer liegt Vater, liest vor dem Schlafen.“ Diese unterschiedlichen Räume, die Vater und Sohn bewohnen, es gibt zwar eine Tür, aber dennoch sind es ganz unterschiedliche, abgeschlossene Räume. Wenn das Kind erst ausgezogen ist aus dem gemeinsamen Lebensraum, trennen sich zwangsläufig die Lebenswelten, aus dem symbiotischen Miteinander wird im besten Fall ein respektvolles Nebeneinander. Mit einem Überschuss an Liebe, der keinen Raum findet, um sich zu entfalten, was immer wieder schmerzt. 

Und diese Verbindung, Gleichzeitigkeit von Schmerz und Freude, in diesem Fall die Freude darüber, dass der Sohn seinen eigenen Weg gefunden hat, unabhängig sein eigenes Leben führt, und die Trauer darüber, dass dafür eine Trennung notwendig war, die endgültig ist und nicht einmal mit Liebe zu überbrücken, Räume, die sich unweigerlich immer weiter voneinander entfernen, bis irgendwann kein Atem mehr zu hören sein wird, auf der anderen Seite der Wand, diese Parallelität ist für Zagajewski das Wesen von Kunst.

Und diese Kunst, sei es Musik, bildende Kunst oder die Dichtung ist wiederum lebensnotwendig. Die Überlegenheit der Kunst gegenüber dem alltäglichen Leben (er schildert diese Haltung sehr eindrücklich als er von seinem Besuch in einem Museum erzählt; während er nur mäßig interessiert die Gemälde betrachtet, fällt sein Blick auf ein Haus hinter dessen Fenstern er Menschen ganz gewöhnlichen Beschäftigungen nachgehen sieht, eine Frau stillt ihr Kind, jemand sitzt am Computer, eine Familie sitzt am Abendbrottisch, und Zagajewski ertappt sich bei dem Gedanken: „Sie leben nur.“ Ein Gedanke, der ihn überheblich macht, ihn die Gemälde auf einmal viel intensiver genießen lässt, ungeachtet der Tatsache, dass er schon in diesem Moment genau weiß, dass er bald Hunger bekommen wird und selbst am Tisch sitzen und essen wird.), diese Momente, wenn eine Verbindung mit der Kunst gelingt, sind die kleinen Ewigkeiten, um deretwillen es sich erst zu leben lohnt.

In Musik, Literatur, Malerei, in all diesen Bereichen erkundet Zagajewski das, was große Kunst ausmacht, den Ursprung eines Zaubers, der die Jahrhunderte überdauert. Er findet Ansätze dafür bei Simone Weil, die schreibt: „Die Schönheit des Gedichts entspricht genau dem Umstand, ob und wie unsere Aufmerksamkeit während des Schreibens sich an dem orientierte, was nicht auszudrücken ist,“ oder bei Huizingas Bemerkungen über Vermeer: „[...] ein Betrachten der Welt, das den Eindruck erweckt, als sei es möglich, zugleich mit den Augen des Kindes und den Augen des Erwachsenen zu schauen, mit dem Blick des Schlafenden, Träumenden und doch einem vollkommen nüchternen Blick, melancholisch und freudig zugleich [...] So entsteht für einen Augenblick ein vollständiger, ein erfüllter Mensch, glücklich und traurig zugleich.“

So wirkt die Kunst, die Momente der Ewigkeit, Augenblicke der Vollkommenheit schafft.

Und zwischen diesen seltenen Momenten, wirkt das „Lächeln der Dauer“, die Langmut der alltäglichen Zeit relativiert die besonderen Momente, mildert ihre Tragik so weit ab, dass wir weitermachen können und wollen. „Die Dauer hat Erfahrung, hat Humor“, schreibt Zagajewski.

Statt einer Chronologie liefert „Die kleine Ewigkeit der Kunst“ eine Synthese. Die Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit, von Allgemeinen und Persönlichen. Darin haben auch die Erinnerungen an die Orte, an denen Zagajewski gelebt hat, Platz. Die Zeit in Paris, die Aufenthalte in Houston, die Zeit mit der Familie in Krakau.

Das Leben spielt sich ab zwischen Augenblick und Dauer.

Ein Datum findet sich dennoch in diesem Tagebuch ohne Datum. Es ist der 27. Januar.

„Seit einiger Zeit – seit mir bewusst geworden ist, wie mächtig die Symbole sind, die diesem Datum innewohnen – weckt dieser Tag, in dem sich zwei Dimensionen unserer historischen Zeit konzentrieren, mein Interesse. Der 27. Januar ist der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, also ein Tag des Gedenkens an den Holocaust, aber es ist auch Mozarts Geburtstag. Von einem Versehen kann keine Rede sein. Auch von Zufall nicht. Wolfgang Amadeus Mozart wurde am 27. Januar 1756 in Salzburg geboren, so hat es sich gefügt, und am 27. Januar 1945 erreichten die Russen das Konzentrationslager Auschwitz.“

Dieses Datum, ist so wie Zagajewski es versteht, die Verdichtung des Konfliktes, des Widerspruchs, in dem sich das menschliche Leben abspielt, zwischen Grauen und Schönheit.

Adam Zagajewski
Die kleine Ewigkeit der Kunst
Tagebuch ohne Datum
Übersetzt von Bernhard Hartmann, Renate Schmidgall
Hanser
2014 · 320 · 21,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24612-6

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