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Kritik

Verteidigung der Poesie

Adam Zagajewskis Essays über Literatur und Kunst

Adam Zagajewski hat sich nicht nur als herausragender polnischer Lyriker einen Namen gemacht. Er pflegt auch das Genre des Essays und ist damit schon vor einiger Zeit im deutschsprachigen Raum eingeführt worden. Nach Zagajewskis Hommage an die Stadt seiner Jugend ("Ich schwebe über Krakau", 2000) legt der Carl Hanser Verlag in der schönen Edition Akzente wiederum einen Band mit Essays des Dichters vor.

Auf den ersten Blick scheinen die Texte der Sammlung "Verteidigung der Leidenschaft" von recht unterschiedlicher Natur zu sein. Einige porträtieren die geistigen Meister Zagajewskis: Dazu zählen seine Dichterkollegen Zbigniew Herbert und der Nobelpreisträger von 1980, Czeslaw Milosz, aber auch Friedrich Nietzsche oder der rumänisch-französische Philosoph Emil Cioran: Dessen 1997 erschienenen "Cahiers" widmet der faszinierte Zagajewski eine ausführliche und feinsinnige Besprechung ("Französische Grammatik"). Andere Essays kreisen um Städte wie Paris oder Krakau. Dabei offenbart sich die herausragende Rolle, welche die Städte in Zagajewskis Biografie und Werk spielen: 1945 im damals noch polnischen Lemberg geboren, gelangte Zagajewski schon wenige Monate später mit seiner Familie ins schlesische Gliwice (Gleiwitz). Nach Krakau kam der junge Zagajewski 1963 zum Studium. Paris schließlich wurde 1982 zum ersten Ankerplatz seines Exils. Zagajewski ist ein Reisender und Flaneur, der seine Horizonte nicht nur in geografischer Hinsicht stets wieder neu auslotet.

Schaut man näher hin, so erweist sich, dass Zagajewskis Essays alle in der einen oder anderen Form um Literatur und Kunst kreisen. Hier wird deutlich, wie der Dichter sein eigenes literarisches Schaffen immer wieder reflektiert - und es zugleich auch am Werk anderer misst. Besonders am Herzen liegt Zagajewski natürlich die Poesie, die er denn auch mit großer Leidenschaft verteidigt. Zagajewski lässt aber auch jene zu Wort kommen, welche die Lyrik - aus welchen Gründen auch immer - angegriffen haben ("Gegen die Poesie"). Doch Zagajewski widerspricht ihnen eloquent und beharrt selbstverständlich auf seiner Position.

Für ihn ist das Gedicht - und bereits das Schreiben des Gedichts - im gelungensten Fall ein epiphanisches Erlebnis, ein Augenblick der absoluten Gegenwart der Schönheit - und letztlich auch Gottes. Die Grundkondition des Menschen ist für ihn die eines Dazwischen-Seins: zwischen der Erde und der Transzendenz, dem Geheimnis. Der Mensch befindet sich auf halbem Weg zwischen dem Gewöhnlichen und dem Göttlichen. Nur ab und zu gelingt ihm ein Moment der "Präsenz" des Transzendenten im Hier und Jetzt, ein mystisches Erlebnis, das in die Normalität des Alltags einbricht. Von dieser Konzeption durchdrungen sind auch Zagajewskis Gedichte. Das Epiphanische und Erhabene findet hier in einer Metaphorik Ausdruck, die das Feuer, das Licht, den Glanz oder den Blitz beschwört. Es mag sein, dass dem Autor das Dazwischen-Sein gerade auch aus der erwähnten Erfahrung erwächst: dem steten Unterwegssein zwischen Kulturen und Ländern.

Zusammengenommen ergeben seine Essays eine Art "summa poetologica" des Dichters: Sie verteidigen und begründen seine Ansichten zur Literatur und Kunst. Zugleich zeichnen sie aber auch das Porträt des Dichters selbst, eines Mannes, der beharrlich für die Vorherrschaft des geistigen Lebens eintritt. Ein solches Glaubensbekenntnis samt dem Insistieren auf dem Erhabenen der Poesie mag in seiner Kompromisslosigkeit in unserer Zeit vielleicht etwas altmodisch anmuten. Aber Zagajewski ist sich der Gefahren seiner Konzeption durchaus bewusst. So plädiert er zwar für Leidenschaft in der Literatur, doch warnt er gleichzeitig vor Dünkel und salbungsvollem Priesterton, vor Pathos und Heuchelei. Man müsse das Erhabene eben gerade von seinem neoklassizistischem Prunk, von der Alpenstaffage und jeglicher Theatralik befreien: "Das Erhabene ist heute vor allem ein Wahrnehmen der Weltgeheimnisse, ein metaphysischer Schauder, ein großes Staunen, eine Erleuchtung, ein Gefühl der Nähe zu etwas nicht in Worte zu Fassendem."

Adam Zagajewski
Verteidigung der Leidenschaft
Hanser
2008 · 208 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-446208735

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