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Kritik

Sinn und Form | 68. Jahr, Heft V / 2016

Hamburg

Diese Rezension von "Sinn und Form" erscheint verspätet. Nicht nur sind bereits zwei Nachfolgenummern erschienen – die neuere dieser beiden, I/2017,  ist sogar schon auf Fixpoetry besprochen worden, ehe ich noch so recht mit dem Lesen von V/2016 und dem Einsortieren des Gelesenen fertig war. Freilich: Ein solcher Viermonats-Lapsus sollte eigentlich unterhalb der Wahrnehmbarkeitsschwelle liegen, gemessen an den Zeithorizonten, wie sie die Sinn-und-Form-Redaktion habituell (und passenderweise "immer schon") als Referenzraum aufspannt – nicht nur in der vorliegenden Ausgabe, aber durchaus auch hier …

… ein Essay beispielsweise, der, natürlich nur nobel-nobel über mehrere Banden gespielt, die aktuellen französischen Laizismus-, "Islam-" und Ausnahmezustandsdebatten meint und scharf kommentiert, erscheint uns da zunächst im harmlosen Gewand der Einführung in einen Text des französischen "Neokonservativen" seiner Zeit Léon Bloy (1846-1917) durch den Übersetzer Alexander Pschera …

Ein zweiter tonangebender Essay dieser Ausgabe, "Das weiße Blatt" von Thomas Hettche, hängt eine Art imaginiertes Gespräch von ausgerechnet Karl Ove Knausgard und Georg Lukács über den Fortschritt der Technik und die Romanform an ein Memento Mori, das dem Textsubjekt zuteil wird (tatsächlich geht es Hettche, polemisch zusammengefasst, um den Gegensatz von "echter" Literatur, deren Protagonisten tatsächlich-sterblich wären, zu den diversen Genreliteraturen, deren Figuren dem gegenüber halbmenschlich-übermenschlich, jedenfalls aber nicht von den Implikationen des Todes gezeichnet erschienen … was alles zusammen stimmig, würdevoll und lateral gedacht ist, aber meiner bescheidenen Meinung nach ein gravierendes Missverständnis auf Seiten Hettches nahelegt, verwandt mit Adornos berühmter Ahnungslosigkeit, Jazz betreffend) …

Es gibt noch mehrere weitere Texte in Sinn und Form V/2016, die sich alle sub rosa mit jenen Aspekten der Ideengeschichte der Aufklärung befassen, vermittels derer wir über Bilderverbote und ihre Implikationen reden können sollten. Außer den beiden genannten, bei denen die Tangente ziemlich offensichtlich ist, gibt es z. B. noch, in der "Umschau"-Rubrik, Julia Schochs "Meine Mythomanien" – einen Text über das "Lesen" der Geschichten realer Orte und über die Veränderungen, denen diese Geschichten unterliegen, der mit den Sätzen schließt:

Die Welt in der Literatur ist eine Welt der Traum- und Wahnvorstellungen oder sie ist nicht. Erst diese Art von Mythos macht es möglich, Kontakt zu wesentlicheren Dingen aufzunehmen als den Nachrichten des Tages oder dem politischen Geschehen … Ohne diese Art von Mythos ist unsere Wirklichkeit eine amputierte. Die Zeit der Literatur ist nicht die Gegenwart, sondern die Ewigkeit.

Also: Die 'wesentlicheren Dinge' sind so einfach nicht in den Blick zu bekommen … mutatis mutandis … Zack: Bilderverbot! (Bzw. sogar optional Diskursverbot!)

Die Schwierigkeit, die ich mit fast jedem einzelnen Text in dieser Ausgabe von Sinn und Form habe, ist, dass sie so unglaublich weit ausholen; dass die Zusammenstellung so deutlich darum bemüht erscheint, ihre Positionen in eine Kontinuität geistesgeschichtlicher Diskurse einzuschreiben, die – und dieses scheint das Wichtigste zu sein – in jedem Einzelfall weit über die Nachkriegsmoderne hinaus zurück ins neunzehnte Jahrhundert reichen.

Die Materialfülle, die das mit sich bringt, nötigt mir Respekt ab. Auch weiß ich diese Bemühungen zu schätzen, insofern ich mit der Redaktion unter Matthias Weichelt in einem entscheidenden Punkt übereinstimme: Dass es nämlich kein "unschuldig" argumentierendes "Selber-denken" "jenseits der Diskurse" gibt, keine "zeitlose" literarische Ästhetik ohne Ideologie und/oder Theorie (von "Ideologie" rede ich in diesem Zusammenhang dann, wenn das weltanschauliche Geschehen in der Ästhetik bloß implizit bleibt bzw. verschämt unter den Teppich gekehrt wird; "Theorie" dagegen, wenn es expliziert, verhandelt, in seltenen Glücksfällen sogar teilweise überwunden werden kann) … Problematisch erscheint mir jedoch die Richtung, in die Sinn und Form diese theoretisch/ideologische Selbstvergewisserung der Leser bzw. der Autoren bzw. zumindest der Akademie der Künste selbst als herausgebender Körperschaft treibt:

Denn kein Text ist hier zu finden, der nicht klar vermitteln würde, dass es "eigentlich" seit dem späten neunzehnten bzw. frühen zwanzigsten Jahrhundert  nichts diskursiv Neues mehr unter der Sonne gibt. Dementsprechend erscheinen auch die interessantesten Stellen so weltfremd oder abgehoben, wie sie ggf. klug sind; und die ganz langfristig vorgestellten literarisch / diskursiven Kanones, deren Wirkmacht fürs frühe einundzwanzigste Jahrhundert "in der Sache" uns da eben bewiesen werden sollte – sie stehen paradoxerweise erst wieder als eindrucksvolles, aber verstaubtes Zeug in der Inneneinrichtung unserer Literaturgeschichte rum.

 

Beteiligte Autor_innen der Ausgabe: Rudolf Borchardt, Johannes Saltzwedel, Christiane Schulz, Jan Wolkers, Thomas Hettche, Cornelia Koepsell, Léon Bloy, Michel Serres, Christian Lehnert, Claus Leggewie, Adam Zagajewski, Alberto Savinio, Tim Parks, Guido Ceronetti, Wolf Christian Schröder, Gabriela Adamesteanu, Anna Katharina Fröhlich, Hans Krieger, Julia Schoch, László F. Földényi.

Akademie der Künste (Hg.)
Sinn und Form 5/2016
Sinn und Form
2016 · 11,00 Euro
ISBN:
ISBN 978-3-943297-31-7

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