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Kritik

AFRIKA IM GEDICHT

Hamburg

Véronique Tadjo, geb. 1955 (Elfenbeinküste), schreibt ihre Gedichte in Englisch und Französisch:

Die Ballade einer Fremden

I
Ich bin fremd im Land in dem ich geboren wurde
aber nie gelebt habe
Fremd im Land in dem ich lebe
aber nie geboren wurde
Fremd hier, jetzt
mir selber fremd

Am 17.11.2016, einen Tag bevor ich diese Rezension zu verfassen beginne, ertranken mehr als 100 Menschen im Mittelmeer beim Versuch nach Europa zu gelangen, in den letzten 4 Tagen zählte man mehr als 300 Tote. Seit Jahren gibt es ähnliche Meldungen, die unser Bild Afrikas, seiner Menschen sowie Meinungen hierorts mitprägen, die von naiv bis absolut unerträglich mannigfaltige Schattierungen aufweisen und meist von Unwissenheit und Angst, aber auch unverhohlener Menschenverachtung bestimmt sind. Dass Afrika mehr war und ist als die Heimat von „Rückständigen“, Bedürftigen - wobei die Frage „bedürftig warum und wonach“ selten interessiert – und um ihr Leben Fürchtenden, dass Afrika die „Wiege der Menschheit“ ist und hier schon früh Hochkulturen entstanden, ist meist vergessen und auch, dass hier trotz aller Widrigkeiten ein differenziertes kulturelles Leben existiert, das darauf wartet, auf gleicher Augenhöhe entdeckt und anerkannt zu werden. Nein, nicht von exotischen Schmuckstücken ist hier die Rede, auch nicht von rituellen Masken, die man sich als Urlaubserinnerung zu Hause ins Wohnzimmer stellt oder hängt. Es geht um Begegnungen, um Kunst in ihren vielen Ausprägungen und nicht zuletzt um afrikanische  Literaturen und die Bereitschaft, sich damit auseinander zu setzen.

Als ich 1979 u.a. in Geschichte (Spezialgebiet: Dritte Welt, Entwicklungspolitik) maturierte, stolperte ich immer wieder über den Namen des gebürtigen Schweizers Al Imfeld, der als Priester und Missionar, Lehrer, Entwicklungsberater, Übersetzer, Schriftsteller und Journalist tätig war und sich schon früh um das Afrikabild in den deutschsprachigen Ländern verdient gemacht hat. So organisierte er 1979 ein Afrika-Festival in Berlin und trug die Mitverantwortung für den Afrika-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 1980.

Seit 1996 trug er sich mit dem Gedanken, eine Anthologie mit Gedichten aus Gesamtafrika zusammenzustellen. Wohl gab es bereits die große, vom Schriftsteller Janheinz Jahn (1918-1973) zusammengestellte Gedichtanthologie „Schwarzer Orpheus“, die 1954 erstmals und 1964 in einer erweiterten Ausgabe im Hanser Verlag publiziert wurde. Doch, so kritisiert Al Imfeld in seinem informativen Vorwort, dieses Buch vermittelte ein gestriges, oft nostalgisch verklärtes Afrikabild. Als Rezensentin möchte ich ergänzen, dass ein Werk, das die Entwicklungen des Gedichts in den letzten 50 Jahren auf dem afrikanischen Kontinent nicht ausweist, wohl als historisches Dokument gewürdigt werden muss, doch der Aktualität ermangelt und nicht das heutige „zeitgenössische kontrastreiche und widersprüchliche Afrika“ darstellt und vermittelt – man stelle sich für einen Moment ein ähnliches Werk in und für Deutschland vor und wird sogleich ermessen können, wie viele großartige Gedichte hier seit 1964 entstanden sind, die darin keinerlei Erwähnung fänden.

„... was macht ein Idealist, wenn ihm alle sagen, sein Projekt grenze an Grössenwahn? Dauernd hiess es, dass es fürs Gedicht keinen Markt gibt. ... kein Verlag interessierte sich für das Projekt. Die meisten reagierten nicht einmal; zwei meinten, dass höchstens ein Band von 150 Seiten eine Chance auf dem Buchmarkt haben könnte, jedoch nicht bei ihnen.“

Es war ein steiniger Weg und das Projekt stand mehrmals vor dem Abbruch. Es brauchte Al Imfelds Hartnäckigkeit, um nicht zu sagen Sturheit, brauchte einen Verlag, der ein Projekt dieser Größe zu stemmen bereit war, vor allem aber die beharrliche Ermutigung durch UnterstützerInnen, dass nun ein Werk vorliegt, das in der Tat jeden Rahmen sprengt. Größenwahn ist dafür ein treffendes Stichwort. Legt man mathematische Kriterien an, lässt sich das Buch als „Ziegel“ (Quader) beschreiben mit den Maßen 24,4x17, 5x4, 8 Zentimeter. Nun könnten Eifrige sofort das Volumen berechnen und hätten trotzdem nichts über den Gehalt bzw. Inhalt erfahren. Auch die Gewichtsangabe, es sind 1608 Gramm, hilft nicht weiter, denn sie weist bloß darauf hin, dass es handschonender ist, dieses kompakte Buch nicht im Bett zu lesen. Die vorliegende Sammlung hat mehr als 800 Seiten und enthält über 550 Gedichte, die mehrheitlich zwischen 1960 und 2014 entstanden sind und aus allen Regionen Afrikas kommen. „Gedichte sind das Geflecht einer Gesellschaft“, schreibt Al Imfeld in seinem Vorwort. Und so war es konsequent, dass er für die Auswahl keinen eurozentristischen Standpunkt wählte, auch keine rein persönliche Auswahl traf und somit die Gedichtfäden des Geflechts bestimmte, sondern afrikanische SchriftstellerInnen ohne Vorgaben zur Teilnahme einlud und sie gleichzeitig bat, ihm DichterInnen, die sie schätzen, vorzuschlagen. Nur von jenen, die nicht kontaktiert werden konnten, wählte der Herausgeber schließlich selbst Beiträge aus bereits vorhandenen Gedichtbänden aus.

Ich habe selten ein derart reiches, vielfältiges Werk in der Hand gehalten, das obendrein auch noch durch handwerkliche Qualität überzeugt und sofort zumindest in jede öffentliche Bibliothek aufgenommen werden sollte: Ein schlichter, schwarz-weißer Leineneinband, hochwertiges Papier, zwei Lesebändchen. Obwohl ich vier Monate lang fast täglich darin gelesen habe, zeigt es keinerlei Abnutzungserscheinungen. Die Anthologie ist in zwei Teile gegliedert, die auch farblich unterschieden sind, sowie zahlreiche Unterkapitel, die Cluster genannt werden und jeweils mehrere Gedichte enthalten. Während der erste, ockerfarbene Part sich vorwiegend an den geographischen Regionen orientiert und die Beiträge den einzelnen Ländern Afrikas zuordnet, setzt sich der zweite, blaue Part mit Fragen der (postkolonialen) Identität des Kontinents und mit gesellschaftlichen Fragen auseinander, widmet sich aber auch spirituellen Themen oder Sprache und Dichtkunst. Die einzelnen Cluster werden durch knappe Texte des Herausgebers eingeleitet, die Handreichungen für Lesende sind und helfen, den Kontext zu begreifen. So sind Kapitel des ersten Teils etwa mit „Südafrika: das Gedicht als Waffe“, „Malawi – Dichtung sprengt alle Grenzen“, „Rund um den Tahrir-Platz“ oder „Algerierinnen im Widerstand“, Gedichte des zweiten Teils mit “Recht&Gesetz“ oder “Tourismus&Migration“ übertitelt, und Al Imfeld führt uns in die politische Situation, die aktuelle Lage und/oder die Bedeutung der vorgestellten DichterInnen ein. Wohl las ich auch davor schon Gedichte aus Afrika, zum Beispiel von Wole Soyinka, Philo Ikonya, Fiston Mwanza Mujila oder Antje Kroog, doch der Großteil der vorgestellten LyrikerInnen war mir bisher unbekannt. Es lohnte sich, sie zu entdecken und in ihren Gedichten andere Sprach- und Bildwelten kennen zu lernen. Thematisch sind hier, neben schon Erwähntem, Auseinandersetzungen mit dem kolonialen Erbe zu lesen, werden aktuelle politische und gesellschaftliche Gegebenheiten, Rassismus, Angst, Todesdrohungen und Exil verdichtet. Andere Gedichte feiern das Leben, erzählen von den Schönheiten der Natur, der Bedeutung verstorbener Ahnen, von Liebe, Aids, Mutterschaft und Visionen für eine afrikanische Zukunft zwischen Tradition und Moderne.

Am Ende des Buchs schließlich werden die DichterInnen mit kurzen Biographien vorgestellt, manchmal begleitet von einer persönlichen, manchmal durchaus kontroversiellen Aussage. So umreißt der ivorische Dichter Bernard Dadié seinen aufklärerischen Impetus: „Ich schreibe, damit die Afrikaner ihre Lage begreifen und damit der Westen begreift, in welcher Lage wir uns befinden.“ Emmanuel Dongala, geb. 1941 in der VR Kongo, meint: „Afrikaner sollen einander nicht bekämpfen, sondern ergänzen.“ Während sein Landsmann Tchicaya U Tam’si  (1931-1988) sagte: „Ein guter Dichter ist zuerst einmal Humanist und nicht Afrikaner.“ Und die tansanische Dichterin Neema Komba (geb. 1988) antwortete auf die Frage, warum sie Gedichte schriebe: „Ich wollte alles sagen und mich trotzdem verstecken.“ Nicht wenige der in dieser Anthologie vertretenen LyrikerInnen lebten und leben vorübergehend, manche dauernd im Exil in anderen Ländern Afrikas, in Europa oder den USA, um sich persönlicher Verfolgung zu entziehen, manche bezahlten ihr Dichten mit dem Tod.

Chirikure Chirikure, geb. 1962 in Gutu, Zimbabwe. Er schreibt in Shona und Englisch:

Leeres Nest

Zwei meiner Söhne haben ihren Wohnsitz in Südafrika
Ein anderer ist schon seit Jahren in Griechenland
Während der Jüngste in Südkorea wohnt.

Meine älteste Tochter lebt nun im nördlichen Marokko
Die andere ist schon seit vielen Jahren in Italien
Während die Jüngste von allen in Russland weilt.

Sie alle sagen es gehe ihnen gut und sie seien zufrieden
Und dass sie miteinander in täglichem Kontakt stünden
Dank der Wunder von Facebook und Skype.

Ich bin hier und wache über das kalte, leere Nest
In der Hoffnung dass es eines Tages gelingen wird
Und alle von ihnen mit ihren Partnern und Kindern
Werden sich hier versammeln, für ein paar Tage bleiben
Und reden in allen Sprachen der Länder, in denen sie leben
Einfach zu Ehren der Lieder die wir unter diesem Dach einst sangen

Erwähnenswert ist, dass das Buch von zahlreichen interessanten Bildern des ivorischen Künstlers und Dichters Frédéric Bruly Bouabré (1923-2014) durchzogen und begleitet ist, der in der europäischen Kunstwelt mit der Großausstellung Magiciens de la Terre in Paris 1989 bekannt wurde und Afrika 2002 auf der Kasseler Documenta 11 vertrat. Er arbeitete mit Kugelschreiber und Farbstiften auf Karton in Postkartengröße und fügte meist eigene Gedichtzeilen und Gedichte in französischer Sprache ein.

Was die vorliegende Anthologie zusätzlich auszeichnet, ist ihre Mehrsprachigkeit, dass also Original und Übertragung gleichberechtigt nebeneinander zu lesen und zu vergleichen sind. Bereits in deutscher Sprache dichtende Ausnahmen sind etwa der in Österreich lebende Tarek Eltayeb (geb. 1959 in Kairo) oder der in Deutschland lebende El Loko (geb. 1950 in Togo). Die Übersetzerin Lotta Suter beschreibt in ihrem Vorwort das Bemühen des Teams um die „Nachdichtung flutender Klänge“. Die meisten DichterInnen schrieben auf Englisch oder Französisch, manche auf Portugiesisch und Arabisch, wenige in Swahili und auf Afrikaans. Für ein Gedicht, das schließlich in deutscher Sprache vorliegt, ist manchmal eine mehrfache Sprachgrenzüberwindung erforderlich, denn die DichterInnen bedienen sich statt ihrer oder zusätzlich zu ihren Muttersprachen oft der ehemaligen Kolonialsprachen, um eine Chance zu haben, in der Welt wahrgenommen zu werden. Al Imfeld schreibt hierzu im Vorwort zum  Cluster „Inseldichtung rund um Afrika“ über Beiträge aus Madagaskar:

„Die meisten Dichter auf Madagaskar arbeiten mit dem Malagasy; manche übersetzen das Gedicht selbst ins Französische oder lassen es übersetzen, um den Anschluss an die Welt zu finden. Also: Malagasy als Ja zur Insel und Französisch als Fenster.“

Und danach für diese Anthologie noch eine weitere Übersetzung der Gedichte ins Deutsche. Ob diese letzte Stufe der Nachdichtungen gelungen ist, kann ich nur für Englisch und Französisch beurteilen. Sehr vereinzelt hätte ich mir hier eine passgenauere Übertragung einzelner Verse gewünscht, was mir allerdings angesichts der vielen gelungenen Texte als Kritik dann doch allzu kleinlich erscheint. Diese Mehrsprachigkeit ermöglicht es überdies auch AfrikanerInnen, die Gedichte ihres Kontinents im Original lesen zu können.

Zuletzt ein beeindruckendes längeres Gedicht von Ojaide Tanure, geb. 1947 in Nigeria, der in „Für Mbwidiffu“ (einem Slangwort für Mütter, die die Beschneidung ihrer Töchter wünschen) leidenschaftlich gegen die weibliche Genitalverstümmelung Stellung bezieht:

Al Imfeld (Hg.)
AFRIKA IM GEDICHT
Übersetzungen von Zineb Benkhelifa, Ueli Dubs, Elisa Fuchs, Danái Hämmerli, Al Imfeld, Lotta Suter, Andreas Zimmermann.
Offizin Verlag
2015 · 800 Seiten · 59,00 Euro
ISBN:
978-3-906276-03-8

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