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Kritik

„Dissonanz ist das »und« des Akkords”

Hamburg

Alain Badiou ist ein Virtuose des Unbedingten, fallweise: des Unhöflichen, das zu Wahrheit aber provoziert. Unvergeßlich der Auftritt Badious mit Slavoj Žižek, als jener mit Vergnügen, doch einem abgründigen, auf dessen bitteren Ernst und Unbedingtheit – „Von Niederlage zu Niederlage zum Sieg!” (Mao) – replizierte: „Scheitern, nochmals scheitern, besser scheitern.” (Beckett) Dann wurde rhetorisch Žižek in den Gulag verbannt, ironisch, von sich selbst, übrigens: nachdem er „Peter, zum Beispiel, fucking Sloterdijk, ich mag ihn sehr”, schon dorthin geschafft hatte.

Badious Ernst provoziert, was mit Žižek zu absurden Auseinandersetzungen führen kann, doch noch sie sind Reaktionen auf das Unerbittliche und Unbedingte. Ernst bei Badiou ist freilich diese Komik denn auch schon inhärent; seine Würdigungen sehen so aus: „Über Jacques Rancière nur Gutes zu sagen ist nicht leicht, bei den Positionen, die er und ich innehaben.”

Diese Qualitäten machen auch seine Abenteuer der französischen Philosophie zum Lesevergnügen, das fordert wie herausfordert. Interventionen, Erklärungen und so etwas wie Würdigungen (allerdings: was würdigt tiefer, als der Versuch, dem Gegner nach-denkend ihn zu kritisieren?) beinhaltet der Band, der noch ein Fragment ist – man darf hoffen, daß auch die anderen Texte aus diesem Werkteil in Bälde übersetzt und weitere verfaßt werden.

Im vorliegenden Band wird aufs Lesenswerteste skizziert, was die Philosophie Frankreichs im 20. Jahrhunderts ausgemacht habe, wie sie zu der Antike, Descartes und dem „reichhaltigen Korpus von Kant bis Heidegger” stehe; das Verhältnis von reiner und praktischer Vernunft wird beleuchtet und dahingehend befragt, ob nicht dieser falsche Dualismus aufzulösen sei, da Erkennen Handeln und Moral jedenfalls in einem gewissen Sinne Verstehen sei (dies denn nach Badiou womöglich der Gedanke der Philosophie Frankreichs seit den 60ern); und darauf folgen Lektüren.

Lyotard wird als Wächter porträtiert, doch aphoristischer; Deleuze als Freund Leibniz’, wobei sich Badiou auf das Buch von Deleuze, welches Leibniz’ Falte (pli) diskutiert, konzentriert; ferner Ricœur, Nancy sowie viele andere, und sei’s en passant, wie Derrida, der doch diese punktuelle Betrachtung, die etwas dekonstruierend in Gang setzt, so beherrschte.

Das Buch zu rezensieren hieße angesichts seiner Dichte und seines Reichtums, es seitenlang zu paraphrasieren oder überhaupt wörtlich wiederzugeben; oder: zu sagen, daß dem so ist. Der Leser wird es zurecht als nachdrückliche Empfehlung auffassen.

Alain Badiou · Peter Engelmann (Hg.)
Das Abenteuer der französischen Philosophie seit den 1960ern
Reihe Passagen forum
Übersetzt von Paul Maercker
Passagen
2015 · 256 Seiten · 31,00 Euro
ISBN:
9783709201305

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