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Kritik

Cum ira et studio..!

Hamburg

30.04.013 | Hamburg

Die Geschichte schläft – genauer: jene, die sie schreiben, sine ira et studio, was womöglich ein Fehler ist, da Zorn und Gestaltungswille berechtigt wären, wenn doch eine Refeudalisierung im Gange ist, eine Demontage der Bildung und der Widerständigkeit des Seins, der „Versuch eines beispiellosen Rückschritts” (14).

Man überließ, so zeigt Badiou in seinem neuen Werk Das Erwachen der Geschichte, das Feld kampflos jenen, die der Philosophie womöglich Methodik abtrotzten, aber ihre Kompetenz als Kunst der Gouvernmentalität nun feilbieten: Es gibt fast nur mehr die „Regierenden und die Finanzbanditen” (23)... Beide treiben die „monströsen Virtualitäten des Kapitalismus” (22), der dies, eine Akkumulation von Möglichkeit im Namen eines (Sich-)Unternehmens längst nicht mehr ist, voran, ob links, ob rechts, sie erodieren, was Gesellschaft wäre. Nicht überraschend sind sie „volksfeindlich” (27), wie Pamphlete des Turbokapitalismus nehmen sich noch und manchmal gerade die Äußerungen jener aus, die, was nicht beherrschbar ist, dem zurechnet, was „überzählig” (83) sei.

Doch die noch unartikulierten Randale beginnen, sie sind „die Erhebung der Existenz selbst” (67), die ziellos doch immerhin die Beweglichkeit des Denkens und das Universale des Ereignisses bewahren: „Der Aufstand ist der Hüter der Emanzipationsgeschichte in der Zwischen-Zeit.” (52) Dieses Ereignisse, diese Resonanz verzeichnet und affirmiert das Denken. Badiou aber ist ganz und gar Denker.

Badiou ist deutlich; er ist nicht immer differenziert, aber wenn die Differenzierung, die gebildet vorgetragen ist, nur Aufschub wäre, eine Methode der erbarmungslosen Eliten, mittels Bildsamkeit und Expertentum die Vernunft, die den Umsturz bringen könnte, zu kompromittieren oder zu lähmen, so ist das kein Fehler. Die „Myriade von neuen Möglichkeiten” (121) hernach sei Diversifikation genug..!

Der französische Philosoph, der so eindrücklich von der Liebe zu schreiben weiß, vom Austausch, vom Irreduziblen, er zürnt denen, die ja in der Tat hörbarer und wirksamer als sein Aufschrei sind – die Opposition ist Differenz und Differenziertheit genug. Etwas erhebt sich. Ist es ein Zufall, daß die Rache der Toten, die das Leben gar nicht mehr reklamieren, doch ihre Verwesung zum universalen Prinzip machen, von der (Populär-)Kultur entdeckt wird, wieder einmal? Ist der Zombie das, was bleibt, wenn sich die kapitalistische Herrschaft vollendet und darin endgültig und triumphal zu scheitern sich anschickt..?

Dieses Buch jedenfalls gibt zu denken und mahnt ein, daß „Zivilisation verpflichtet” (129), was, wie der Dialektiker Badiou eben auch in Erinnerung ruft, zu einer zivilisierten Kritik führt, die das Aggressionspotential eines Pudels hat.

„Sonderbar ist es, daß der Pudel, je gutmüthiger und verständiger, um so weniger [...] auf den Menschen abgerichtet werden kann. Er liebt und schätzt alle Menschen”, so heißt es in Brehms Tierleben. Ein Pudel ist Badiou nicht, doch die Ungerechtigkeiten, die ihm unterlaufen, sind zuletzt Reflexe auf jene seiner – unserer – Zeit. Sein Buch ist darum sehr anzuempfehlen.

Alain Badiou · Peter Engelmann (Hg.)
Das Erwachen der Geschichte
Reihe Passagen forum
Übersetzung:
Richard Steurer-Boulard
Passagen
2013 · 136 Seiten · 17,50 Euro
ISBN:
9783709200667

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