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Kritik

Auf- und Ausbruch

Badiou verdirbt die Jugend
Hamburg

„Es gibt das, was ihr Jungen konstruieren wollt, das, wozu ihr fähig seid, aber es gibt auch die Zeichen, die euch zum Aufbruch auffordern, dazu, über das, was ihr tun und konstruieren könnt, hinauszugehen und den Platz, an dem ihr euch eingerichtet habt, zu verlassen. […] Konstruieren und Aufbrechen. Zwischen beiden herrscht kein Widerspruch. Seid bereit, das Konstruierte aufzugeben, weil etwas anderes euch den Weg zum wahren Leben weist. Dieses wahre Leben von heute liegt jenseits der marktbestimmten Neutralität und jenseits der alten hierarchischen Welt.”

Alain Badious Versuch, die Jugend zu verderben ist eigentlich eine Freilegung dessen, was Jugend sein könne. Jugend sei (und da schwingt bald, doch erstaunlich zurückhaltend, auch mit: möge sein), daß man dem nicht vertraue, was an Relationen die Welt organisiere und in Teilen generiere, daß man sich für diese Relationen interessiere, ohne sich von ihrer Macht korrumpieren zu lassen.

Denn Macht ist vielleicht nicht der beste Ratgeber, wenn es um eine bessere Welt geht:

„Was der Philosoph in die Politik trägt, ist gerade nicht der Wille zur Macht, sondern das Prinzip der Interesselosigkeit”,

woraus man Nietzsches Echo hört, vor allem aber auch jenes der Ästhetik Kants. Ästhetisch zu operieren gelte es, so Badiou denn auch etwas später. Mit ihr gegen die Relation, die sich als „Leidenschaft für das unmittelbare Leben” camoufliert, aber falsch ist, „das Leben […] zerstört”: „indem er es von seiner möglichen Bedeutung abtrennt.”

Dagegen der jugendliche Auf- und Ausbruch, Jugend nicht als „Negation”, sondern als etwas, wozu man paradoxerweise reifen müsse, vielleicht angeleitet, emanzipiert, eine Aktualität der „Initiation”, die Nachhall nur mehr ist, womit die Aufwertung der Jugend, die nicht mehr ihre Jugendlichkeit sich er- und an ihr abarbeitet, als Aufwertung unmittelbarer Jugend eine Lüge ist … oder eine Abwertung. Sie konvergiert mit der „Verkindlichung der Erwachsenen” und der Angst dieser Erwachsenen: „Angst vor der Jugend”, wo diese nicht ist, was sie sei, nämlich präformierter Telos Erwachsener, die mit dem Aufbrechen das Altern verlernten.

Aufbruch: anhand der Zahlen naheliegend. „Man sollte »immer die Zahlen im Auge behalten«, wie Mao Zedong gesagt hätte”, Badiou liest, wie die Armen von einer kleinen Elite als die Bedrohung inszeniert werden, zu der sie selbst dann, wenn es so wäre, durch jene Mechanismen wurden oder würden, die die angebliche Elite verantwortet … doch sei hier auf den differenzierteren Piketty mit Nachdruck verwiesen.1

Neue Relationen – Sache des Dichters, …

… „denn Dichter wissen, wie man eine neue Sprache für Fragen des Aufbruchs, der Entwurzelung, der Losgerissenheit vom Selbst, der neu zu entwickelnden Symbole findet.”

Schon immer, so ließe es sich mit Rüdiger Görners neuem Hölderlin-Buch2 formulieren, „bestand (Dichten) aus Einsprüchen gegen das […] Gerede”, schon immer mit Blick auf so etwas wie Schüler: „»lebendige Bilder der Hoffnung«.”

Jugend ist also Menschheit, die sich dichtet, nichts, was einfach wäre, eine Zumutung an die Jugend, doch in der Zumutung Ermutigung. Denn es bracht die Jugend, ihr „Denken, das exakt ist, weil es nomadisch ist”, so Badiou, hellsichtig sei es gewesen, den Sohn Gottes zu verehren, doch brauchte es ein nicht mehr paternalistisches System, ein „Christentum […] ohne Gott”: „Die Söhne mögen herrschen”, eine Diskontinuität, die Badiou als Chance, sogar einzige Chance, wie es scheint, sieht, ganz anders als Sloterdijk, der die schrecklichen Kinder der Neuzeit mit jenem Bild Jesu nicht unähnlich verkoppelt…3

Söhne brauche es; und Töchter brauche es. Und man ermutige sie, selten sagt Badiou, was erwarte, dafür, warum er etwas erwarte … und immer wieder: daß.

„Ich zögere, mich der Frage nach dem Werden der Töchter zuzuwenden.
Erstens, weil es für einen alternden Mann grundsätzlich gefährlich ist, von jungen Frauen, von Töchtern oder Mädchen zu sprechen. Möge meine eigene Tochter Claude Ariane mir auf diesem gefährlichen Weg ein wenig Beistand leisten. Zweitens, weil gar nicht sicher ist, ob es in unserer gegenwärtigen Welt überhaupt eine Frage der »Tochter« oder, besser, des »Mädchens« gibt.”

Immerhin schildert Badiou den Eindruck, daß das Mädchen und die Frau dem „in seiner Adoleszenz gefangenen Jungen” überlegen sei, der das, was Jugend (auch) sei, nicht realisiert, während die Frau indes doch nur „Schmuck und Gesellschaft” sein solle, und „eine Arbeitskraft” … Objekt verschiedener „Männerfantasien”.

Man ahnt: Neben der Jugend ist es die Natalität und die Frau, die Badiou befreien will: für eine Welt, die an die Zukunft glaubend sie sich darum erdenkt, erarbeitet und erstreitet. Ein darin provokanter Band, der Freude macht.

Alain Badiou
Versuch, die Jugend zu verderben
Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn
Suhrkamp
2016 · 111 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-518-07257-8

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