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Kritik

Kleists Stil, Bewegtheit und Sentenzenscheu:

Fries’ Kleiststudie als Reprint
Hamburg

Günther Emig ist der Betreuer von Literatur, den sich wohl jeder Autor wünscht oder jedenfalls wünschen sollte – bescheiden, kompetent, unermüdlich und von großer Subtilität. Das von ihm geleitete Kleist-Archiv Sembdner zeichnet nicht nur für Textarbeit verantwortlich, fürs Archivieren und für neue Forschung, auch die erneute Edition älterer Forschungsbeiträge rechnet man unter seine Agenden, zum Beispiel die des schmalen, aber reichen und durchaus lesenswerten Band von Fries, Stilistische und vergleichende Forschungen zu Heinrich von Kleist mit Proben angewandter Ästhetik, erschienen Berlin 1906.

Die Arbeit verdient, zugänglich gemacht worden zu sein – und es zu bleiben. Sie geht textnahe vor, Beleg um Beleg, Vergleichsstelle um Vergleichsstelle, mit Thesen angenehm zurückhaltend, dafür Kontexte und Evidenzen herstellend. Sozusagen das Gegenteil der ungut postmodernen oder sich eher doch postmodern verstehenden Arbeit von Scholz, worin einfach alles mit allem verbunden ist – bis man Kleist ohne Kleist-Lektüre neu verstanden hätte.

Stattdessen wird hier mit akkurater Textkenntnis Text zu Text gestellt, fast wie die Orsina Lessings, die „halb geistesabwesend [,] ihre Gedanken zu sammeln sucht”, versammelt dieses Buch vor allem Optionen. Das wird vor allem da interessant, wo innerhalb des Werks strukturelle Konstanten ausgemacht werden, also Kleist nicht „Schillerisches” etc. nachgewiesen werden soll, sondern es um Analogien in Konstellationen geht, wenn eine Figur „Pendant” der anderen wird. Derlei führt nämlich aufs An- und Aufregendste in zum Beispiel die konkrete Poesie, ehe es sie literaturgeschichtlich gab, wenn Fries entdeckt, daß bei Kleist ein Hund rückwärts geht, doch ebenso der „Satz […] gleichsam rückwärts wie der Hund” sich vorträgt.

In kleinen Absätzen, kompakt, folgt Beobachtung auf Beobachtung, meist knapp und treffsicher analysiert, bis hin zu Kleists Rhythmus und dessen „Accentreichtum”, die signifikanten „Hebungen”, die eigentümliche Art, schwache Versschlüsse qua Enjambement an den Anfang des nächsten Satzes zu stellen – „urkleistischer Tonfall” würde man heute nicht dazu sagen wollen, aber die Beobachtung ist interessant: „Wuchtende” Versschlüsse resultieren daraus, so Fries, aber auch „odenartige Gebilde” innerhalb von Dramen.

An diese Analysen schließt eine Untersuchung an, die „Psychologisches” bei Kleist umreißen will – wieder allerdings so textnah, so in der Beobachtung der Affekte, und zwar „ohne rechte Motivierung”, wiewohl sich Fries hier Vulgärbiographismen gestattet und sich zu Unsinn über das „Slavische[n] in seinem Blut” versteigt.

In den Bemerkungen über Kleists Bewegung im Text und seine „Sentenzenscheu” ist Fries allerdings wieder lesenswert – und gegenwärtig, verwiesen sei auf die „Nanophilologie” (Rüdiger Zymner in Arbitrium 2016, 34·2) zur Sentenz, die Alice Stašková und Simon Zeisberg kürzlich herausgaben.

Alles in allem ist dieser Reprint also unbedingt zu empfehlen, wie man generell sagen kann, daß man, wenn es um Kleist geht, in Heilbronn gut aufgehoben ist. Wer über Kleist arbeiten will, sollte sich durch das schmale Buch arbeiten.

Albert Fries
Stilistische und vergleichende Forschungen zu Heinrich von Kleist
Kleist Archiv Sembdner
108 Seiten · 10,00 Euro

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