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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

Dung & flimmernde Inseln

Hamburg

„Die Behauptung, unsere technisierte, sportive Welt habe die Lust auf Verse verloren, wird oft wiederholt, ich weiß nicht, mit welcher Begründung, vermutlich in Überschätzung einer guten alten Zeit, die es für wesenhafte Lyrik niemals gegeben hat; denn Hölderlin so wenig wie Mörike und Keller oder Meyer und Trakl haben etwas anderes erlebt, als daß ihre Auflage nicht weggehen wollte. Diesbezüglich braucht sich keiner von uns zu schämen.“ Der auf so vehemente Weise die Berechtigung von Dichtung verteidigte, war einer der bemerkenswertesten Schweizer Autoren des 20. Jahrhunderts: Albin Zollinger. In dem Aufsatz aus dem Jahre 1939, dem das vorangegangene Zitat entnommen ist, setzte Zollinger die Lyrik nur wenige Sätze später in Verbindung zu den gar nicht so guten neuen Zeitläuften und äußerte sich dezidiert politisch („der Dichter ist Geist der Freiheit“). Während des ersten Weltkriegs litt er derart unter seinem Wehrdienst, daß man ihm am Lehrerseminar den wohl alles andere als freundlich gemeinten Spitznamen „Pax“ gab. Später vertrat Zollinger mehr und mehr einen radikalen Pazifismus, konnte jedoch schließlich angesichts der Bedrohung aus Hitlerdeutschland die Notwendigkeit von Militäreinsätzen nicht länger verleugnen. Richtungsweisend schrieb er bereits 1915 an einen Freund: „Aber der Welt, dem Leben und mir selbst zum Trotz — dichte ich!“ Das aktuelle Geschehen hat Zollinger nie unkommentiert gelassen, in seiner Lyrik ist davon hingegen wenig zu finden.

In dieser brüchigen Zeit, 1933, erschien Zollingers erster Lyrikband mit dem schlichten Titel „Gedichte“. Der Zürcher Verlag Rascher & Co. hatte ihn zwar in sein Programm aufgenommen, letztlich aber mußte Zollinger sämtliche Kosten selbst tragen. Der Band führte leider nicht zu dem erwarteten Erfolg, wofür der Autor die mangelnde Werbung des Verlags verantwortlich machte, der seinerseits auf diese Anwürfe mit der Bemerkung konterte, man werde künftig „nur noch auf eigenes Risiko Gedichtbände verlegen, von denen wir finden, dass sie auch für spätere Jahrhunderte wertvoll sind, es wird dies selten genug sein“. Einen solchen Fall stellt Zollingers Buch indes entschieden dar, und man kann nicht genug loben, daß nach den beiden längst vergriffenen Werkausgaben von 1961-62 und 1981-87 der Verlag Nagel & Kimche das schöne Wagnis eingegangen ist, Albin Zollingers lyrischen Erstling als Einzelausgabe erneut vorzulegen.

In einem Brief von 1921 fragte sich Zollinger: „Wo hab ich denn die bessere Erinnerung her? Aus Kindheit, aus Träumen, aus früherem Leben — bloß aus der Literatur?“ Das Schwanken zwischen Erfahrungen aus erster und zweiter Hand, zwischen Realem und Irrealem, zwischen verschiedenen Strömungen seiner Zeit kennzeichnet den Entwicklungsprozeß des Autors, bevor dieser sich mit 38 Jahren entschloß, einen Band mit der lyrischen Produktion vor allem der letzten vier Jahre zusammenzustellen und zu veröffentlichen, und es spricht für Zollingers enorme Selbstkritik. (In der Werkausgabe machen seine frühen Versuche immerhin nicht unbeträchtliche 85 Seiten aus!) Natürlich finden sich auch in den „Gedichten“ gewisse dezente Anklänge, ohne allerdings den Ruch des Epigonentums zu verströmen, und besonders deutlich sind die expressionistische Spuren, die Zollinger auf dem Weg von der handschriftlichen zur Druckfassung sogar noch verdeutlicht hat. Doch dies sind stilistische Anleihen, keine programmatischen, denn Zollingers Dichtung fehlt der hoffnungsvoll in eine technisierte und urbanisierte Zukunft gerichtete Blick. In nachfolgendem Gedicht mag man zwar die Einflüsse Trakls heraushören oder einen expressionistischen Gestus aufspüren, doch die Hinwendung zum Ländlichen und die schlichte Klarheit der Beobachtung sind Zollingers genuine Errungenschaften:

Bedrohlicher Frühling

Wenn, durch einen Geruch von Dung, die Birnbäume dunkeln,
Flötet die Amsel, funkelt am Turme das Gold, und
Schneeiger Blitz, bäumt sich die Schwinge der Störche.
Brausend im Land steht das Wehr, flackert die fahle Fabrik,
Erstickende Frösche zucken im Teich. Unaussprechlich
Erglüht das Grün in der Flamme des Regenbogens.

Albin Zollinger beherrschte mehrere unterschiedliche Tonlagen auf seiner poetischen Klaviatur, ohne daß die Sammlung der „Gedichte“ dadurch ihre Kohärenz verlöre. Neben dem expressionistischen Gestus — „Des Ermordeten Hose vermoost / In der Dämmerung / Flaumiger Huflattichwälder“ — erkennt man eine gewisse Nähe zu Oskar Loerke und Wilhelm Lehmann oder die Beschäftigung mit Klabunds (sehr freien) Übertragungen aus dem Chinesischen, die sich melancholisch in der „Ballade vom chinesischen Meer“ oder „Li-Tai-Pe“, und zynisch-spöttisch im „Schimpflied des Handelsreisenden“ oder im „Verdrießlichen Nachtlied“ zeigt („Mond, alter Chinese, troll dich vorüber / Und schnüffle nicht in die Lauben / Von Pontius und Pilatus.“).

Die Kindheit ist für Zollinger ein utopischer Bereich, den viele Gedichte evorzieren. In dem Aufsatz „Bildnis des Dichters“, ein Jahr nach „Gedichte“ in einem Sammelband mit dem Titel „Dichtung und Erlebnis“ veröffentlicht, behauptete Zollinger sogar, die Kindheit sei „der Erlebnisgrund par excellence, der Künstler vielleicht ganz einfach ein Mensch, dem es durch ein Wunder gelingt, sich den geisterhaften Zustand des Kindes zu erhalten oder doch zeitweise in Erinnerung zu rufen“. Das Erlebte wird jedoch nicht sofort aufgezehrt, sondern „zum Material seiner ununterbrochenen inneren Tätigkeit“. Die Rückschau kann darum so lebendig wie die unmittelbare Präsenz sein, und die Bauern, das dörfliche Leben, die Vögel, die Malven, der Phlox, die Jahreszeiten, das Waldmoor glühen in intensiven Farben. Die ersten Lebensjahre verbrachte Zollinger im Zürcher Oberland, er mußte es indes als Achtjähriger verlassen, als die Familie aus wirtschaftlichen Erwägungen nach Argentinien auswanderte; die Erinnerung an den Eindruck jener Weite fließt nun in die Enge der Schweizerischen Landschaft und gestaltet sie zu solchen archaischen Orten um, wie er sie 1927 auf seiner Griechenlandreise erfuhr, wo er den Zwängen des bürgerlichen Alltags enthoben ist — „Disteln im Maul / Wehklagen die Esel // Hinüber zu flimmernden Inseln!“ Zollingers beste Gedichte sind zweifellos solche, in denen konkret Beobachtetes, Erlebtes, Erinnertes und Erträumtes, wie etwa in den letzten Zeilen von „Kindheit“, sich zu einem unwiderstehlichen Amalgam verbinden:

Das Wasser ging über die Felsen,
In Regenbogen
Badeten Kinder,
Den Beerengrund hütete

Einsam der Kuckuck,
Und um das Gebirge
Stieg das Meer blau wie Salbei.

Das klingt so anders als die Unruhe und Unrast, die Zollinger ein Leben lang und vor allem in den letzten Jahren begleiten sollte — allein vierzehn Zürcher Wohnungen zwischen 1919 und 1940 verzeichnet die seiner Werkausgabe vorangestellte Biographie. Zollingers Schreiben war stets den übrigen Verplichtungen als Volksschullehrer, Zeitschriftenredakteur, Familienvater und, in den vierziger Jahren, als Soldat abgepreßt; zum Scheitern seiner Ehe mit Heidi Senn trug es wohl auch einen nicht geringen Teil bei. Darum verwundert es nicht, daß die schlichte, melancholische, sehnende Schönheit von Zollingers erstem Gedichtband in den nachfolgenden drei zu Lebzeiten publizierten zuweilen nicht mehr ganz erreicht wird, daß ihr Ton ein wenig drängender, gepreßter auch ist. Die Neuausgabe der „Gedichte“ vermag indes allemal ins Gedächtnis zu rufen, was Zollinger mit pathetischer Inbrunst in einem Vortrag von 1938 postulierte: „Künstler sind Maurer, die dem Zerfall der Weltkathedrale entgegenarbeiten.“ Dem umsichtig urteilenden und kenntnisreichen Nachwort von Manfred Papst gelingt es jedenfalls, das Interesse an Albin Zollinger wieder zu wecken.

 

Albin Zollinger
Gedichte
Nachwort von Manfred Papst
Nagel und Kimche
2013 · 144 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-312-00577-2

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