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Wir reden über Literatur
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Kritik

Floppy Myriapoda

Ein Literaturmagazin als freie Assoziation und die Epidemie der Künste

Daß gute Literatur auch etwas mit dem nicht idealisierten, sondern dem konfliktreichen, sich an Regeln und Kanälen stoßenden Leben zu tun hat und ob ihrer Verflochtenheit mit persönlichen Wahrhaftigkeiten zwangsläufig in Konflikt gerät mit den bis ins Verborgenste wirkenden Nivellierungsbestrebungen einer jeden Gesellschaft, geraten muß, und daß sie nie unpolitisch sein kann, selbst wenn sie als hingeworfener Groschenroman das Erträumen von Welten bedient, weil sie immer eine Verhaltensgraphik ist – Allgemeinplätze, denkt man, sind das. Aber hörn will das keiner. Und so schreiben will auch fast keiner. Davon kund tun, wie sich das Eigene beißt am Gemeinen, das im Selbst Wirkliche am im Kollektiv Wirksamen, das Mögliche am kompromißreich Konstruierten. Mit Politik hat das zu tun. Aber eher mit der Abwesenheit und Verneinung von Politik, von Gemeinschaft und wie die sich erzwingt und erpresst. Der poetische Mensch will das Politische nicht als Zwang, als Untereinander, sondern als freie Vereinbarung, als Miteinander. Weil er selbst reif genug für Achtung und Wahrhaftigkeit sein will, braucht er nicht die Verordnung und das gegenseitige Verhaften.

Gerne rückt die Gesellschaft das ruckzuck in die Randbezirke. Raus aus dem weithin vereinbarten Jetzt und als Utopie gebrandmarkt. Anscheinend grundloses Gefasel ohne realen Bezug. Runtergetrampelt bis unter den Boden. Underground.
Gute Literatur hat immer einen eigenen Boden. Nicht den platten, ausnivellierten, sondern, das Gelände des Zuvor und Immerda und die Landschaft des Trotzdem. Es ist ein ganz eigenes Niveau, das dem anderen in Wahrheit zugrunde liegt, eine Schicht tiefer angelegt und in anderen Bereichen wirksam ist. Underground als substanzgebundene Direktheit und irdische Unausweichlichkeit. Literatur will dort heute oft nicht hin, vielleicht aus Angst sie verläuft sich in spirituelle Schwammigkeit oder politische Engstirnigkeit. Sie will zwar ins Jetzt aber nicht mehr ins Darunter, unter das Geflecht und das kollektive Geirre, sie möchte anwesend sein aber nicht mittendrin wirklich vorhanden.

»Die deutschsprachige Underground-Literatur ist tot? Von wegen! Totgesagte leben länger – und erweisen sich im Fall der Überzeugungstäter Alexander Krohn und Kai Pohl als mindestens so vital, aber weitaus angriffslustiger als ihre nach den Sternen des Establishments greifenden Lyrik-Kollegen. Krohn und Pohl sind die Herausgeber eines Literaturmagazins, das die Fahne der Anarchie hochhält.« befand Martin Droschke in der zitty. Und tatsächlich: „floppy myriapoda“ ist ein Literaturmagazin, das Tacheles redet und Poesie nicht ohne Engagement und Verantwortung denkt, ein wirklich unabhängiges Mag, wie es kein zweites zu finden gibt. Es kommt aus Berlin und hat dort ein Umfeld.

Florian Günther, Franz Schandl, Su, Thomas Kapielski, Clemens Kuhnert, Ducke, Celia Caixeta, Anna Rheinsberg, Egon Günther, Erich Mühsam, Jonis Hartmann, HEL, Ann Cotten, Sean McGuffin, Joachim Wendel, Marc Degens, Alfred Teuscher, Jes Petersen, Henning Rabe, Gästerat der Kultur- und Schankwirtschaft BAIZ, Michael Arenz, Jochen Knoblauch, Helko Reschitzki, HEL, OR, Hans Horn, Klaus M. Rarisch, Arno Reinfrank, Brigitte Lange, Stefan Butt, Martin Pohl, Gundula Sell, Sir Philip Sidney, Gabriele d'Annunzio, Ernst-Jürgen Dreyer, Velimir Kaminer, Josef Wilms sind die Beiträger der aktuell erschienenen Ausgabe Nummer 11, die wieder ein wunderbares Leseerlebnis aus authentischen, lebendigen und impulsgebenden Inhalten und Denkfreiheiten und Befreiungen strickt . Das „Subkommando für die freie Assoziation“, wie sich die floppy myriapoda im Untertitel nennt, ist ein spielerisches Entwurfsmuster, das erst entsteht aus allem, was sich ihm hinzufügt,  ein Geschehnis, ein dialogisches Fließen im Untergrund, das Turbulenzen automatisch beinhaltet und will und das allgemeine laminare Gleiten der Lüge und des Verschweigens nicht duldet.  Herausgegeben von Kai Pohl und Alexander Krohn in der „Epidemie der Künste“ (EDK), die in ihrem Namen ein doppeltes Sprachspiel enthält. Einst in der DDR vom clownesken Duo Steffen Mensching und Hans-Eckhardt Wenzel in einem Liedtheater als Verballhornung der „Akademie der Künste“ und bitterbös der von dort betriebenen Verseuchung des Volkes mit staatlicher Kunst assoziiert, dreht die berlinerische EDK der Gegenwart den Begriff noch ein paar mal um und gibt den Begriff in die heute herrschenden gesellschaftlichen Zusammenhänge zurück.

FRANK MILAUTZCKI: die epidemie gibt es seit 2006 - wie kam es zu der idee? ist es deine art postrealität zu behaupten? oder besser: realität einzumischen in das, was man uns als kollektive realität verschrieben hat - sozusagen als virus?

KAI POHL: die edk wurde als herausgeberin der zeitschrift "floppy myriapoda" aus dem boden gestampft. das war als eine art absetzbewegung vom "akademischen kunstumfeld" gedacht; weiterhin ein hinweis auf die virulente, epidemische ausbreitung des prekären (lebens-)künstlerdaseins, das in metropolen wie der hiesigen bis zum heutigen tag fortschreitet. nicht, weil plötzlich "jeder mensch ein künstler" wäre (nach beuys), sondern weil die ästhetische geste oftmals das letzte ist, worauf jemand im zeitalter des definitiven überflusses an überflüssigsein zurückgeworfen ist. die postrealität als konstrukt, das es erlaubt, inmitten von anbiederei, ironie und mainstream sich irgendein tragendes stück land zu verschaffen, um nicht fortgespült zu werden. hugo kersten hat in einem aufsatz für "die aktion" (1914) unterschieden zwischen "menschen, denen die kunst nur ein vorwand ist, um zum leben zu gelangen", und künstlern, denen "das leben nur ein vorwand [ist], um zum werk zu kommen".

Nicht nur, daß mit der floppy myriapoda ein wundervolles literarisches Magazin (im Redaktionsrat aktiv übrigens Ralph Gabriel, Andreas Hansen, Herbert Laschet, Bert Papenfuß, Kai Pohl, Florian Günther, Ann Cotten, Alexander Krohn, Karsten Wildanger) bei der EDK erscheint, dort zu entdecken ist auch der Output einer eigenen Edition, die in Form von Kleinbroschüren und kleinauflagigen Büchlein eine Poesie vertritt, die das Einmischen noch nicht aus seinen Texten herausgemischt hat. Alles Lieferbare, das mir vorliegt, hat vielfältige Überraschungsmomente und oft wunderbare Lyrik, die zwischen Handfestem und deutlicher Aussprache und experimentellem Spiel mit der Wirklichkeit changiert. Da stehen Brechtsche Befundlyrik neben Cut-Up und konkrete Poesie neben ehrlicher, privatimer Offensive. Das Dichten wird nicht mißbraucht um abzuheben, was auf den Boden gehört, sondern umgekehrt, dem Boden das anzuheften, was alle in der Luft sehen.
Es gibt Publikationen mit anarchopower (u.a. von Velimir Kaminer) und Lyrikbände, die unter Pseudonym erschienen sind (wobei ich hier mutmaße, daß hinter „Edüm Latot“ und „Eksam Eid“ sich nicht nur total müde die Maske verbirgt, sondern Kai Pohl himself, der als toller Lyriker immer wieder, das weiß der Kenner, und schon seit langem u.a. in den bemerkenswerten Anthologien von Axel Kutsch in der Landpresse in Erscheinung tritt ). Und vieles davon ist einfach aber wunderbar gestaltet  - bspw.  mit Zeichnungen von Ratas Carino (gemalt mit Lippenstift auf Kashmirlaken oder mit Kajal und Tränen auf Löschpapier) im Band „Hausverbot auf Lebenszeit – Zwanzig Gedichte, die einem den Tag versauen können“.
Aus der letzten EDK-Publikation „Dunkel geh ich auf, Helsinki – Gedichte aus der Unterwelt“ (Juni 2009) hier ein Gedicht von Eksam Eid, das sich von einem älteren Gedicht von Franz Hodjak die Schlußzeile als Titel entlehnt hat:

Vergeblich ist bloß, was man zu tun unterläßt

Um dich rotiert die Stadt, ein endloser Autokorso,
die Verrichtungen der Fahrer leer wie die Blicke
und tot wie das Mantra vom auswendig gelernten
Leben, das entlohnt wird mit lebloser Dauer.

Bienen folgen den versprengten Gerüchten der
Blumen, in diesem Freilichtimbiß, der dich an ein
Gewitter in Sibiu erinnert, als du tropfnaß und
bierselig im Gartenlokal der Pension ausharrtest.

Die Schamlosigkeit käuflicher Gespräche über-
wuchert dein Hier und Jetzt; was bleibt dir übrig
als abzuschweifen, du streifst mit dem Kinn die
Robinienäste, die von Blütenduft schwer in den

Nachmittag hängen. Also wartest du ab, bis alles
Mißtrauen verbraucht ist, kippst den letzten Raki
gegen die Kondensstreifen, die heillos den Plan
des Himmels durchkreuzen.

Der „Epidemie der Künste“ ist zu wünschen, daß sie bundesweit viele Abonnenten für das floppy myriapoda findet und ebenso Leser für die immer erschwinglichen Kleinode, die sie ediert. Weil Poesie nicht auskommt ohne das Leben und Leben nicht ohne Poesie. Max Frisch schrieb schon 1975 in seinem Gantenbein (und wird in einer EDK Broschüre von Stone so zitiert): „Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.“

Alexander Krohn · Kai Pohl
Floppy Myriapoda
Epidemie der Künste
2009

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