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Kritik

Barockes Placebo, die Zweite

Ein Nachtrag zu Alexandru Bulucz' Gedichtband "Aus sein auf uns"; zugleich ein Nachtrag zur Lyrikedition 2000
Hamburg

Zu dieser vorliegenden Rezension gibt es mehrere Begleitumstände. Der eine ist, dass sie zu spät kommt. Angedacht waren "zwei Meinungen" zu Bulucz' Gedichten, eine von Ingo Ebener, eine zweite von mir, publiziert in rascher Folge, also in räumlicher Nähe zueinander auf der Webseite, zum leichteren Vergleich der Standpunkte. Daraus wurde nichts: Als es drauf ankam, hatte ich's geschafft, das Rezensionsexemplar gründlich zu verräumen. (Jetzt habe ich das Buch doppelt: Das nachgekaufte und das wiedergefunde Exemplar.)

Die andere Begleiterscheinung ist, dass "Aus sein auf uns" eines der letzten Bücher aus der Lyrikedition 2000 bleiben wird. Der Allitera-Verlag stellt die Reihe heuer nach acht Jahren ein; eine Entscheidung, die insofern verblüffend ist, als die Edition in diesen Jahren die notwendige Vorlaufzeit hinter sich gebracht hat – ihre spezifische Gestaltung besitzt mittlerweile Wiedererkennungswert und löst bei den Leserinnen verlässliche Assoziation mit einem ganz bestimmten Lyrikbegriff aus. Das wäre doch, möchte man meinen, ein wünschenswertes Ergebnis verlegerischer Investitionstätigkeit; darauf sollte sich doch eigentlich gewinnbringend aufbauen lassen (jedoch: was weiß schon ich von Wirtschaft?).

Beide Begleiterscheinungen legen nahe, keine Rezension im klassischen Sinne abzuliefern: Eine solche ist hier erstens schon erschienen, und es ist zweitens müssig, dem p.t. Publikum von den relativen Meriten einer herausgeberischen Entscheidung zu berichten, aus der sich nichts Zukünftiges extrapolieren lassen wird. Mit anderen Worten: Bulucz' Band kann für sich stehen, muss für sich stehen, steht für sich, und der Rezensent wird in diesem einen Fall mal gut dran tun, ihn auch stehen zu lassen. Statt dessen kann er an dieser Stelle ein paar vermischte und unsystematische Bemerkungen zum Buch machen:

Wie zum Beispiel die Kapitelüberschrift

UNTER DEM PFLASTER / DIE U-BAHN-STATION

einen kleinen und zutreffenden Sachverhalt (denn in der Tat liegt diese unter jenem, soweit es die Fußgängerzonen betrifft) als ziemlich große programmatische Behauptung darreicht: Kein "Strand" ist da weit und breit, auch nichts, das ihm symbolisch ähnlich wäre; statt dessen geht die Zurichtung, die Zumutung der Planbarkeit z.B. des Nahverkehrs, "unten" weiter. Die anarchistische Utopie, von der das Pflasterstrand-Lied einmal handelte, ist auf ihre soziökonomischen Voraussetzungen reduziert – keine Sponti-Bewegung, kein Frankfurter "Metropolenmagazin" ohne innerstädtische Fußgänger- und Nahverkehrskultur – und als Utopie entsorgt – das Unbewusste "unter dem Pflaster" der bürgerlichen Individualität erscheint hier eben nicht naturhaft wie der Strand, sondern ist seinerseits ein Moment der bewussten Planung, Ego statt Es; Trost bietet ggf. die Erinnerung an Freuds Notizen über das Wachstum des heutigen Roms über den Ruinen, das zufällige synchrone Nebeneinander der eigentlich diachronen Schichten als Bild fürs Verhältnis zwischen Ich und Unterbewusstem (was wäre nämlich unterhalb von Bulucz' U-Bahn-Station?) ... Zugleich lässt sich die Doppelzeile bei Bulucz zur Melodie des aufgerufenen Refrains gut singen - "die-Uuu-Bahn-Sta-Tion" überlagert sofort mal "ja-daaa-liegt-der-Strand" das macht einem das Ganze ja so schmerzthaft.

Oder: Dass man im ersten Kapitel, von "Luzifer und der Magyar" bis "Gespräche mit Kupfer", dieses unangenehme Gefühl hat, es mit ostsüdosteuropäischer Heimatdichtung in deutscher Sprache zu tun zu bekommen, die, so die Befürchtung, die Würde vormoderner und also scheinhaft zeitloser "Echtheiten" nebst rauchigen Schollen gegen diese oder jene Wirklichkeit, Theorie, Komplexität stellt. Jeweils im nächsten Gedicht, so kommt es einem vor, würde die siebenbürgische Bauernkatze aus dem Sack gelassen ... Es sind dann aber zum Glück bloß Teile des Inventars dieser Gedichte, die einen auf diese falsche Fährte locken; Quitten, allerhand Grünzeug, Dorf und Plattenbau, Polizeiakten, Hunnen, Salzränder am Bierglas, Zigeuner ... Tatsächlich "Zigeuner" – das Wort steht in mehreren von Bulucz' Gedichten, als wäre es nicht mehrfach probelmatisch (was solls; Huck Finn und Tom Sawyer reden in der getreuen Ausgabe ihres Buches auch nicht von "African Americans"; bei beiden Büchern tut man gut daran, sich den Unterschied zwischen Firgurenrede bzw. Personae-Verfahren einerseits und realen Alltagsignoranzlern andererseits präsent zu halten) ... Das hier so früh ausgebreitete, sagen wir landschaftliche Inventar hilft später im Band, die zahlreichen Celan-Anspielungen und -rufungen plastischer zu machen; die falsche Fährte, auf der wir waren, erinnert uns in jenem Kontext dann nochmal an die Geburt der (bzw. einer möglichen) Moderne aus dem Geist der ostsüdosteuropäischen Landflucht...

Oder noch etwas mit einem Titel, noch was mit einer U-Bahn:

Was, wenn ich schriee

heisst ein gebrochen erotisches Gedicht. Das verfremdete Zitat aus den Duineser Elegien steht über einem Text, der Rilkes Dualitätskonzept, seine Metaphysik und den Engel, der für sie die Chiffre abgibt, auf den konkreten Punkt bringt und wiederum, vgl. oben, abserviert: Wir lesen von einer Frau mit Tourette-Syndrom in der U-Bahn als Objekt erotischer Fantasie, folgen dann einem Ablauf in der Wirklichkeit, an dessen Ende eine konkrete, aber andere Frau das fantasierende Ich (anscheinend) erotisch bedrängt. Verschiedene Gedanken an Beischlaf fliegen durcheinander, an denen die ungenügenden Wirklichkeiten zerschellen, aber dies geschieht nicht über die Bande des Künstlerisch-Ideellen wie bei Rainer Maria R., sondern übers Viszerale. Dem entspricht, dass im Titel nach dem "Was?" gefragt wird, und nicht danach, "wer, wenn ich schriee?" (Gehören sie der Ordnung der unbelebten Natur an, die Egel bei Bulucz? Oder was?)

Dann: Cool, dass bei Bulucz so viel und bildgewaltig und symbolträchtig geraucht wird. Man ist es nicht mehr gewohnt...

Auch das mit dem Barock, wie es im ersten und im letzten Gedicht des Bandes aufgerufen wird ... steht laut Bulucz wieder ein solches bevor? Mit verschärfter Anhäufung der Reichtümer in wenigen Händen, verfeinerter Ästhetik...

Zuletzt: Dass dieser ganze Sub- und Inter-Text, den Bulucz nicht nur in den geschilderten, sondern in den meisten Texten des Buches aufbaut (unter aber permanenter Bekräftigung, da bloß banale Sachverhalte in nur leicht verschoben-aussergewöhnlicher Sprache darzubringen), viel mehr Spaß macht, wenn man nicht auf Emotion und sozusagen aufs Bühnenbild angewiesen ist, sondern wenn man die kulturgeschichtlichen Fluchtpunkte (nein: die kulturgeschichtlichen Hilfslinien Richtung Fluchtpunkt) parat hat. Sie sind nicht gar so entlegen – Rilke, Celan, Büchner/Lenz, paar alte Griechen, Dutschke etc – aber dafür umso wichtiger zum, äh, "bestimmungsgemäßen Gebrauch" dieses "Aus sein auf uns".

 

 

 

 

Alexandru Bulucz
Aus sein auf uns
Nachwort: Kristoffer Patrick Cornils
Lyrikedition 2000
2016 · 64 Seiten · 9,50 Euro
ISBN:
978-3869068527

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