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Kritik

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Das Sa-umnische als sozialer Dialekt der russischen Futuristen

Vor 99 Jahren veröffentlichten Dawid Burljuk, Welimir Chlebnikow, Alexej Krutschonych und Wladimir Majakowski Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack, das Manifest des russischen Futurismus. Passend dazu ist im Leipziger Verlag Reinecke & Voß unlängst die Neuveröffentlichung der Phonetik des Theaters erschienen, eine Textsammlung mit Aufsätzen und Gedichten von Alexej Krutschonych und seinen Mitstreitern. Das Buch, übersetzt und herausgegeben von Valeri Scherstjanoi, ist gedruckt nach der 2. Ausgabe, die 1925 im Moskauer Verlag des Allrussischen Dichterverbandes aufgelegt wurde. Die Gedichte im Buch sind in russischer Schrift und in internationaler Lautschrift abgedruckt, weil der Herausgeber sie als unübersetzbar bezeichnet.

Alexej Krutschonych, dessen Biographie – nach Scherstjanoi – die Biographie des russischen Futurismus ist, lebte von 1886 bis 1968. Er war Dichter, Zeichner, Sammler und Herausgeber von 140 Künstlerbüchern, als deren Erfinder er gilt, und damit Urvater des späteren Samisdat. Sein radikales Konzept von einer neuen, freien Sprache, die es ermöglicht, sich unumschränkt auszudrücken, war ein Gegenentwurf zu der herkömmlichen Sprache, die in Abstraktion, Rationalität und Tradition verharrte. Deshalb ist es nicht erstaunlich, daß Krutschonych von »Vergangenheitlern« und anderen Repräsentanten des konservativen Kunstbetriebes als »komische Figur, die Gereiztheit auslöst« angesehen wurde.

Die Phonetik des Theaters, die ab der Stalinära bis 1988 ihr Dasein in den Giftschränken der sowjetischen Büchereien fristete, liefert die Begründung der futuristischen Kunstsprache Sa-um, einer »neuen sozialen Sprache«, die für eine »Hygiene des Halses« sorgen sollte. Im Dezember 1912 verfaßte Krutschonych das erste regelrecht sa-umnische Gedicht:

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Der soziale Dialekt Sa-um war die Ausrufung einer neuen Sprachpraxis. Nicht die Bedeutung der Worte, allein ihr Lautbild, der Klang zählte: »Ausdruck von Begeisterung!«, »Rebellion, Gewitter, Wirbel, Kampf, Skandal, Brand …« – »Die Gedichte sollen nicht den Frauen ähneln, sondern einer fressenden Säge.« Krutschonychs Gedichte tragen Titel wie Kriegsruf, Die feuchte Scham oder Das Gedröhn des Kaukasus. Darin kommen Lautreihungen zur Aufführung, aber auch Neologismen, Wortverschmelzungen: »Das Wort wird biegsam, schmiedbar und dehnbar«. Die Phonetik des Sa-umnischen ist keine lautnachahmende; sie baut auf eigenständige und unerwartete Lautverbindungen.

Krutschonych, der nach seiner Aussage »vergessen hatte, sich aufzuhängen«, zog sich 1930, nach dem Freitod von Wladimir Majakowski, aus allen literarischen Tätigkeiten zurück. Seiner Poesie blieb er allerdings treu. Mit der von ihm deklarierten sa-umnischen Sprache war er der Mitbegründer einer »Phono-Logik«, die den Unsinn als den »einzigen Hebel der Schönheit«, den »Feuerhaken des Schöpfertums« ansah. Denn: »Nur der Unsinn gibt der Zukunft den Inhalt.«

Alexej Krutschonych · Valeri Scherstjanoi (Hg.)
Phonetik der Theaters
Übersetzung:
Valeri Scherstjanoi
Reinecke & Voß
2011 · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-981347050

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