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Kritik

Der Geschmack des Blutes

Alexis Jennis monumentaler Roman über Frankreichs kleine Kriege im groβen Frieden
Hamburg

In mancherlei Hinsicht widersprechen sich die Realitäten des französischen Literaturbetriebs und Alexis Jennis Erstlingsroman über „Die französische Kunst des Krieges”. Während Jenni die These vertritt, die Kriege der vergangenen Jahre seien im Bewusstsein der Franzosen nie wirklich angekommen, haben Romane über den Krieg in Frankreich seit Jahren Hochkonjunktur. Sie verkaufen sich glänzend und werden mit Literaturpreisen überhäuft. 2010 erhielt Laurent Binet den Prix Concourt für seinen Geschichtsroman „HHhH“ („Himmlers Hirn heiβt Heidrich“), 2006 ging die begehrte Auszeichnung an Jonathan Littell und dessen fiktive Memoiren des SS-Mannex Max Aue („Die Wohlgesinnten“). Und jetzt eben Alexis Jenni; der Biologielehrer aus Lyon, der bis dahin keine Zeile veröffentlicht hatte, bekam den wichtigsten französischen Literaturpreis 2011 zugesprochen. Nun lieβe sich mit Recht einwenden, dass sich das Kriegsinteresse der Franzosen bislang vor allem auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges reduzierte. Doch sind eben in den letzten Jahren auch zahlreiche Bücher erschienen – Romane und Sachbücher gleichermaβen –, die die Kriege in den französischen Kolonien nach 1945 zum Thema haben. Etwa Maїsa Beys „Ausgeblendet“ (2011), oder der vielbeachtete Band „La guerre d’Algérie“ (2004) der beiden Historiker Benjamin Stora und Mohammed Harbi. Die Liste lieβe sich fortsetzen. Wenngleich freilich keinem dieser Bücher eine annähernd so groβe mediale Aufmerksamkeit zuteil wurde wie Jennis „Die französische Kunst des Krieges“, das im französischen Original bei Gallimard erschienen ist (lektoriert übrigens von Richard Millet, der bereits für das Lektorat von Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ zuständig war und vor einigen Monaten mit einem umstrittenen „Loblied auf Breivik“ auch hierzulande für Diskussionen gesorgt hat). 

Mit Littells „Wohlgesinnten“ wurde Jennis Buch von den Kritikern dann auch besonders häufig verglichen. Und zumindest die Erzählperspektiven legen dies nahe. In beiden Büchern wird der Leser mit den Lebenserinnerungen von Soldaten konfrontiert, die ohne Sentiment oder falsche Romantisierung von den Grausamkeiten ihres früheren Tuns berichten. Damit hat es sich aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Während Littells Max Aue ein SS-Karrierist ist, für den der Krieg – und die gesamte NS-Ideologie – lediglich ein Mittel zum Zweck darstellt, handelt es sich bei Jennis Victorien Salagnon um eine Art französischen Outlaw, der nach dem Zweiten Weltkrieg den Weg in die Gesellschaft nicht findet. Stattdessen wendet er sein in der Résistance erlerntes Kriegshandwerk fortan in Algerien und Indochina an, wo der Umgang mit Messer und Bajonett wichtiger ist als der Einsatz modernen Kriegswerkzeugs. Denn Krieg in den Kolonien bedeutet auch in Zeiten des technologisch hochgerüsteten Krieges in erster Linie Nahkampf; Mann gegen Mann, überleben kann nur einer.  

Salagnon hat überlebt. Und er hat dabei gezeichnet; Bilder vom Krieg, seinen Menschen und Landschaften. Die Bilder waren für Euridyke bestimmt, seine Frau, die er in der Résistance kennenlernte, später in Algerien besuchte und irgendwann geheiratet hat. Mittlerweile haben die beiden das Rentenalter erreicht und leben friedlich in Lyon; ein Krieger im Ruhestand, wenn man so will.

Anders als bei Littells Max Aue lässt Jenni Salagnon seine Geschichte aber nicht selbst erzählen. Dies übernimmt ein namenloser Erzähler für ihn, der dabei zugleich Einblicke in seine eigene Geschichte gibt. Im Gegensatz zu Salagnon kommt dieser aus der Mitte der Gesellschaft, hat Job, Appartment und Frau, mit der zusammen er bisweilen sogar Dinnerparties bei sich zu Hause ausrichtet. Das alles ändert sich jedoch schlagartig, als er Salagnon in einer schummrigen Spelunke begegnet und in dessen Bann gerät. Er verliert seine Arbeit, dann seine Familie und Freunde, und verbringt fortan einen Groβteil seiner Zeit bei Salagnon; vordergründig um Zeichenunterricht zu nehmen, in Wahrheit um immer mehr – am besten alles! – über dessen Leben und die französischen Kriege in Zeiten des vermeintlichen Friedens zu erfahren.

Die daraus resultierende Zweiteilung des Romans in die Lebens- und Gedankenwelt des Erzählers einerseits und Salagnons Kriegserlebnisse andererseits – denn darauf läuft es faktisch hinaus – beschert dem gut 750 Seiten umfassenden Buch sowohl seine stärksten wie auch seine schwächsten Passagen. Wer einen Eindruck von der phasenweisen Brillanz von „Die französische Kunst des Krieges“ bekommen möchte, sollte das Buch auf Seite 142 aufschlagen und die 14 Seiten bis zum Ende des Kapitels lesen. Auf dem Nachhauseweg vom wöchentlichen Familieneinkauf springt der Erzähler plötzlich aus dem Auto und findet sich auf dem Markt wieder, wo die Zuwandererr aus aller Welt in der Regel unter sich bleiben und ihre – für europäische Verhältnisse mitunter gewöhnungsbedürftigen – regionalen Spezialitäten feilbieten. Hatten wenige Minuten zuvor im Supermarkt noch steril abgepackte Fleischstückchen in seinem  Einkaufswagen gelegen – um welches Tier es sich dabei handelte war ebenso wenig zu erkennen wie das dazugehörige Körperteil –, ist er jetzt umringt von dampfenden Innereien, blutroten Hahnenkämmen, Blutwurst und frisch gebratenen Hammelköpfen. Wie im Rausch stürzt sich der Erzähler in seine Einkäufe – und serviert die „Leckereien“ zu Hause seiner Frau und den schockierten Gästen, die zwar allesamt gerne rotes Fleisch essen, beim Anblick der schlachtfrischen Realitäten aber fluchtartig die Wohnung verlassen. Für den Erzähler bedeutet der Auftritt gleichsam den Austritt aus der bürgerlichen Lebenswelt. In seiner Plastizität steht das abendliche Küchenschlachtfest den späteren Kriegsberichten Salagnons in nichts nach.   

Leider gelingt es Jenni im weiteren Verlauf des Romans zu selten, an das anfänglich aufblitzende Erzählniveau anzuknüpfen. Auf herausragende Abschnitte wie die atemraubende Verfolgungsjagd im Dschungel von Vietnam (S. 497 ff.), folgen zu oft weitschweifige gesellschaftspolitische Allerweltsreflexionen zum Zustand der französischen Nation oder den Fehlern der Zuwanderungspolitik, die nicht selten in Geschwätz abgleiten und schlicht fehl am Platz wirken. Ein konsequentes Lektorat hätte hier gut und gern einige hundert Seiten kürzen können, ohne das Buch nenneswert zu beschneiden; die Qualität des Romans – so viel ist sicher – hätte davon sogar profitiert! 

Doch auch wenn Alexis Jennis erster Roman nicht an Werke wie Littells „Die Wohlgesinnten“ oder Binets „HHhH“ heranreicht – mit denen er qua Auszeichnung zwangsläufig gemessen wird –, ist „Die französische Kunst des Krieges“ ein bemerkenswertes Buch, das seinem Leser zwar bisweilen Geduld abverlangt, das aber mit streckenweiser Brillanz wieder ausgleicht. Ob es sich dabei tatsächlich um das beste französischsprachige Erzählwerk des Jahres 2011 handelt – das nämlich will der Concourt prämieren –, sei dahingestellt. Mit dem, was sich auf den Shortlists zum Deutschen Buchpreis in schöner Regelmäβigkeit wiederfindet, kann es allemal mithalten.

Alexis Jenni
Die französische Kunst des Krieges
Übersetzung:
Uli Wittmann
Luchterhand
2012 · 768 Seiten · 24,99 Euro
ISBN:
978-3-630874029

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