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Artichoke #17
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Artichoke #17
Kritik

Die Mary Poppins von Tschernobyl

Alina Bronskys Idyll im Sperrgebiert um Tschernobyl
Hamburg

Was ich in Tschernowo niemals gegen fließend Wasser und eine Telefonleitung eintauschen würde, ist die Sache mit der Zeit. Bei uns gibt es keine Zeit. Es gibt keine Fristen und keine Termine. Im Grunde sind unsere täglichen Abläufe eine Art Spiel. Wir stellen nach, was Menschen normalerweise tun.

Es gibt sie wirklich: Rücksiedler, die in ihre evakuierten Dörfer im Sperrgebiet der ukrainischen 30-Kilometer-Zone rund um das ehemalige Kernkraftwerk bei Tschernobyl zurückgekehrt sind. Es sind zumeist alte Menschen, die die Auswirkungen der Strahlungen nicht fürchten oder auch nicht recht an sie glauben wollen, und ihren Lebensabend lieber in der vertrauten dörflichen Umgebung verbringen, als in den deprimierenden städtischen Plattenbauten, in die sie nach dem Reaktorunglück 1986 umgesiedelt worden sind. Inmitten der radioaktiv verseuchten Zone züchten sie Hühner, bauen Gemüse an und halten das Gerede von der gefährlichen Strahlung für blanken Unsinn. Von den einstigen 2000 Rücksiedlern leben heute noch schätzungsweise 200 in der Zone. Ihre Enkel bekommen diese starrsinnigen Alten nicht zu Gesicht. Jugendlichen ist der Besuch der Zone verboten.

In eben jener Zone siedelt Alina Bronsky ihren jüngsten Roman "Baba Dunjas letzte Liebe" an. Die ehemalige Krankenschwester und alleinerziehende Mutter zweier Kinder Baba Dunja wird darin zur Gallionsfigur für die unerschrockenen und halsstarrigen Rückkehrer, gegen die die Behörden nichts unternehmen können.

Hatte Baba Dunja in ihrer Jugend noch so schöne Zehen, dass den Männern allein schon beim Anblick ihrer nackten Füße ganz heiß wurde, so sind ihre Füße jetzt alt, breit und knotig und passen nur noch in die Trekkingsandalen, die ihr ihre Tochter Irina aus Deutschland geschickt hat. Der Stadt Malyschi überdrüssig und der festen Überzeugung, in ihrem Alter nichts mehr zu verlieren zu haben, kehrt sie zurück in ihr leer stehendes Haus in Tschernowo. In das Sperrgebiet, die 30-Kilometer-Zone rund um Terschnobyl, auch die Todeszone genannt.

In dieser Gegend, in der die Spinnen eigenartige Netze weben und die Vögel lauter singen als irgendwo sonst, versammelt sich nach und nach eine illustre Gesellschaft eigenwilliger Charaktere, die in stillschweigender Übereinkunft jeden so leben lässt, wie es ihm gerade beliebt. Da ist z.B. der alte Petrow, "durchkrebst von Kopf bis Fuß", der keinen Zucker und kein Salz im Haus hat, weil ihm beides zu ungesund ist. Es gibt auch keinen Funkmast im Dorf, weil die dicke und zu Depressionen neigende Melkerin Maja Angst vor der Strahlung hat. Die einzige Verbindung zur Außenwelt bleibt das mysteriöse Plastiktelefon des greisen und heiratslustigen Sidorow, das nach eigenem Belieben mal funktioniert, mal nicht.

So verbringt Petrow seine letzten Tage damit, auf seinem Handtelefon "Stapelspiele" zu spielen, "wie ein Kind". Maja trauert ihrer einstigen Schönheit nach und Baba Dunja, die in diesem Band auch als Geisterseherin fungiert, unterhält sich mit ihrem verstorbenem Mann Jegor, zieht Gemüse in ihrem Garten oder liest in veralteten Ausgaben der Zeitschrift "Die Bäuerin".

So scheint die obskure Idylle der gesundheitsfanatischen Alten in der radioaktivverseuchten Zone zunächst ungetrübt, bis sich ein rachsüchtiger Ehemann mit seiner kleinen Tochter in die Zone begibt, um sich auf Kosten des Kindes an seiner Frau zu rächen. Für Gesunde und Junge ist die Todeszone aber Tabu - ein ungeschriebenes Gesetz, das selbst die verschrobenen Alten achten. Im Zuge der weiteren Verwicklungen endet der Ehemann mit einer Axt im Kopf und Baba Dunja als Märtyrerin im Gefängnis.

Von dort aus schreibt sie ihrer Enkelin Irina (diese ist nämlich in Wahrheit "Baba Dunjas letzte Liebe", und der Titel etwas irreführend gewählt) illustre, die bittere Wirklichkeit herrlich verklärende Briefe. Das ist dann zwar köstlich zu lesen, aber doch etwas zu viel des Guten, oder doch zumindest alles andere als realistisch. Man fragt sich, was es mit dieser Figur Baba Dunja eigentlich auf sich hat. Sie scheint ein wenig die Mary Poppins der Todeszone zu sein. Da schimmert in der Beiläufigkeit der Nebensätze zwar die reale Bedrohung durch, die verheerenden und nicht leugbaren Folgen des Reaktorunglücks auf Mensch und Natur (so gibt es z.B. bei jedem Neugeborenen die latente Angst, dass es krank, tot oder verkrüppelt auf die Welt kommt, und auch Baba Dunjas Tochter Irina berichtet ihrer Mutter erst von ihrer Schwangerschaft, nachdem sie ihre Tochter Laura gesund auf die Welt gebracht hat), aber in Baba Dunjas Welt beinhaltet die Todeszone eben auch einen herrlichem Wald, in dem man die Birken anritzt, um den köstlichen und gesundheitsförderlichen Birkensaft zu gewinnen.

So hat Alina Bronsky mit "Baba Dunjas letzte Liebe" ein liebenswertes, harmlos-obskures Buch geschrieben. Man darf keine tiefgreifende oder erschütternde Auseinandersetzung mit dem Thema Tschernobyl erwarten, aber vielleicht eine Antwort auf die Frage nach der Notwendigkeit von Kunst im Angesicht der haarsträubenden Wirklichkeit. Denn wo wäre die Phantasie mehr genötigt, ihre wildesten Blüten zu treiben, als da, wo es eigentlich keine Hoffnungen mehr geben dürfte?

Alina Bronsky
Baba Dunjas letzte Liebe
Kiepenheuer & Witsch
2015 · 160 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-462-04802-5

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