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Limmat Verlag  Wurzelstudien Eine Metamorphose Anna Ospelt
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Limmat Verlag  Wurzelstudien Eine Metamorphose Anna Ospelt
Kritik

Erzählungen aus Sarajevo

Hamburg

Sechs Erzählungen enthält der Band „Tod im Museum für Moderne Kunst“ von Alma Lazarevska. Ohne dass einmal der Name Sarajevo genannt wird, spielt doch diese Stadt, in der die 1957 geborene Autorin Vergleichende Literaturwissenschaft studierte, als Journalistin arbeitete und auch heute noch lebt, eine zentrale Rolle in ihren Geschichten, die zum Teil während der 1425 Tage dauernden Belagerung zwischen 1992 und 1996 entstanden sind. Als das Buch 1996 erschien, wurde es vom Bosnischen Schriftstellerverband als das beste Buch des Jahres gewürdigt. Keineswegs geht Alma Lazarevska frontal auf das Thema zu, schreibt keine Kriegsprosa, indem sie Schilderungen von Kriegshandlungen jeglicher Art vermeidet, wer gegen wen und weshalb, die Täter bleiben wie Heckschützen im Hintergrund, während die Opfer umso mehr in den Mittelpunkt rücken: Wenn das Überleben oftmals an einem seidenen Faden hängt, verändert sich das Blickfeld, verengt sich einerseits, um sich jedoch gleichzeitig zu erweitern. Angeblich trägt die Autorin stets eine Lupe in ihrer Handtasche, analog dazu zoomt und vergrößert sie Detailaufnahmen, werden Bilder des Mangels reflektiert, ohne deswegen Schuldige beim Namen zu nennen.

Da gibt es einen schrulligen Onkel, dem die rechte Hälfte seines Schnurrbarts fehlte, und die Erzählerin sucht im Kühlschrank nach Milch, die in der belagerten Stadt zu einem Luxusgut geworden ist. „Zumindest gab es Leitungswasser, ich hätte daran denken können, dass es nur ganz gewöhnlicher Durst war.“ Dabei kommen ihr die Worte des linksschnurrbärtigen Onkels in den Sinn: „Der Durst ist eine höhere Form des Hungers.“ Als es keine Milch mehr gab, diente Milchpulver als Ersatz.

Teebeutel wurden immer wieder verwendet. „Wenn solch ein Tee auf der Tischdecke verschüttet wird, bleibt keine farbige Spur zurück.“ Kleinigkeiten des Alltags treten an die Stelle des „Draußen“. Die Ich-Erzählerin, ihr Ehemann und der gemeinsame Sohn bleiben namenlos. Über einen Namen verfügen bloß einige wenige, die russische Nachbarin Galina, die immer wieder hinter ihrer Wohnungstür aus dem Guckloch späht, oder der Pechvogel Dafna, die ihr Leben lang von Pech verfolgt wurde und auch ihren Tod durch einen Unglücksfall erlitt, weil ihr verkrüppelter Finger von einem Soldaten missverstanden wurde. Hätte das Licht der Kerze für ihre alten Augen ausgereicht, um in den Karten zu lesen, wäre alles womöglich anders gekommen. Sogar ihren Namen hatte man auf der Todesanzeige falsch geschrieben.

 Alma Lazarevska. 
Bild: Alma Lazarevska Foto: drava-verlag Ausgeprägter Stil- und Kompositionswille

Alma Lazarevskas Erzählungen bestechen durch einen hohen Grad an Abstraktion sowie einen formal ungewohnten Umgang mit Realitäten; traumatische Ereignisse werden mittels poetischer Bilder reflektiert und auf diese Weise zur Allgemeingültigkeit überhöht.

Alma Lazarevska
Tod im Museum für Moderne Kunst
Übersetzung:
Mascha Dabi? und Elena Messner
Nachwort: Elena Messner und Antonia Rahofer
Drava
2012 · 122 Seiten · 17,80 Euro
ISBN:
978-3-854356813

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