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Kritik

Liebe, die soll das

Hamburg

Da war einmal diese Frau, die von der Schwarzwaldheimat nach Hamburg aufbrach, als das so noch niemand machte und die sich dann etwas fremd vorkam. Nur drei Jahre später ging es nach Berlin weiter, wo sich 1985 ähnlich wenige Menschen aus Baden, dafür aber mehr Spinner finden ließen. Mit zwei von denen gründete sie die Band Lassie Singers und sang in dieser Zeilen wie »Liebe! Was soll das? « oder »Pärchen verpisst euch / keiner vermisst euch!«. Emanzipation schließlich muss nicht, kann aber heißen, lauthals auf die Harmonie zu scheißen.

 

 

Diese Frau hieß Almut Klotz und sie starb im August des Jahres 2013 im Alter von 51 Jahren, eine Woche vor Veröffentlichung ihres Albums Lass die Lady rein. Entstanden war dieses gemeinsam mit »Reverend« Christian Dabeler, mit dem Klotz seit 2002 ein nerviges Pärchen bildete. So viel Beziehungsfrust sie auch als Teil der Lassie Singers kanalisiert hatte, der Musiker und Autor bekam sie irgendwie rum. Oder sie ihn, je nachdem.

Offen bleibt das auch nach der Lektüre Fotzenfenderschweine, dem Buch, an dem Klotz bis zu ihrem Tod gearbeitet hat und welches seine Unfertigkeit hier und dort dezent mit drei Xen im Text vermerkt. Almut Klotz’ Leben hat ein Ende gefunden, die Arbeit an ihrem letzten Buch jedoch nicht. Auch die Geschichte mit dem Reverend, so nennt sie ihn und nicht wie viele andere »Rev«, weist viele Löcher und noch mehr Ungereimtheiten und Widersprüche auf. Das wäre aber wohl selbst nach 500 Seiten nicht anders gewesen.

Ob in der Pop-Musik oder der Literatur, es gibt kein schwieriges Thema als die Liebe, weil Liebe eben extraschwierig ist. Fotzenfenderschweine wirkt auf den ersten Blick nicht nur wie ein unfertiges, sondern auch unglaubwürdiges Buch. Warum soll sich eine zurückhaltende, überlegte Frau wie Klotz mit einem rotzigen Hitzkopf wie dem Reverend abtun? Wie passt es eigentlich zusammen, dass eine der deutschen Riot Grrrl-Pionierinnen mit einem abhängt, der steif behauptet, Frauen hätten es einfacher - und ihm zu Teilen sogar zustimmt? Überhaupt: sie Berlin, er Hamburg. Damit ist doch alles schon gesagt, oder?

Kaum ein Wort fällt auf den etwas mehr als 100 Seiten von Fotzenfenderschweine häufiger als »Streit«. In allen seinen Formen, Farben, Intensitäten. Nach dieser Party stritten wir uns, darüber hatten wir einen Streit, kurz zuvor hatten wir uns noch gestritten. Er schnaubt, wenn sie sich als Außenseiterin beschreibt und stilisiert sich selbst als einer – ein Miteinander ständiger Konkurrenz. Schlimmer noch, wenn alle Klotz als die treibende kreative Kraft hinter den gemeinsamen Arbeiten ansehen.

Klotz schreibt selbst, dass sie sich erst an diese Spiele gewöhnen müsste. Denn Spiele scheinen das in der Tat gewesen zu sein. Nicht allein zwischen den Beiden, sondern auch im Nachhinein nach außen hin in der literarisierten Erinnerung. »Ach komm, wenigstens ist es mit mir nicht langweilig«, sagt er und sie kommentiert das Jahre später mit den nüchternen, liebevollen Worten: »Und da hatte er auch wieder recht. «

Die - schicksalhaften? - Treffen der Beiden vor ihrem ersten Kennenlernen, die Zugkraft von Dabeler und jeder detailliert per Wortlaut zitierte Streit aus den Anfangstagen der Beziehung kurz nach der Jahrtausendwende: Alles eigentlich viel zu schön und zu rund, um wirklich wahr zu sein. So wie Erinnerungen eben selektiv sind und so wie eine Künstlerin und Autorin eben immer ein bisschen Korrektur betreibt, wenn es an die unsichere Vergangenheit geht. Der Voyeurismus, dem sich Klotz’ ebenso trockene wie warmherzige Erinnerungen darbietet, stößt letztlich immer aber an eine Inszenierung.

Da hilft es auch nichts, wenn Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier im Nachwort etwas bemüht die Schonungslosigkeit des von Klotz’ Sohn Aaron gemeinsam mit dem Reverend herausgegebenen Buchs herausstellt. Die richtet sich weniger gegen Indie-Deutschland, dessen Sexismen und höchstens mal gegen den Ventil Verlag, wo Klotz und Dabeler veröffentlichten und denen sie, schreibt Klotz, »einen Kübel Scheiße in die Verlagsräume« hätte kippen sollen. Vor allem wird Dabeler und in zweiter Linie Klotz selbst zur Zielscheibe. Denn so rund sich die Erinnerungen und Dialoge im Einzelnen auch lesen, im Gesamtbild geht es erst richtig rund.

Wie verwirrend sich das auch immer lesen mag, so waren wohl die Irrungen Dabelers und Klotz’. Und was die Unsicherheit des Gedächtnisses nicht leisten kann, ruft die Sicherheit des Gefühls auf den Plan. Alles an Fotzenfenderschweine sagt: Ja, ich weiß doch. Ich weiß doch auch nicht. Aber es ist, wie es ist. Und das ist trotz allem sehr gut so. Die Liebesgeschichte von Reverend Christian Dabeler und Almut Klotz bleibt nach Fotzenfenderschweine rätselhaft. Das überhaupt macht sie zu einer, einer sehr schönen obendrein.

Da war einmal diese Frau, die erst nach Hamburg und dann Berlin zog, durch Deutschland tourte und einen Hamburger Griesgram fand, mit dem sie viel stritt, Musik machte und zusammen Bücher schrieb. Sie heiratete ihn drei Monate vor ihrem Tod und hinterlässt ihm und uns ein Buch, das von der Liebe erzählt wie es nur die wenigsten guten Pop-Songs und noch seltener Literatur vermögen. Denn Liebe, die soll das: sich gegen die Widrigkeiten stemmen, und seien diese selbst verursacht.

Almut Klotz · Aaron Klotz (Hg.) · Rev. Christian Dabeler (Hg.)
Fotzenfenderschweine
Verbrecher Verlag
2016 · 144 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
9783957321657

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