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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
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Kritik

Die Traumdeutung mit Mitteln der Schizophrenie

Zu Alper Canigüz Debütroman „Die Verwandlung des Hector Berlioz“
Hamburg

Hector Berlioz ist nicht wirklich Hector Berlioz. Er heißt nur so. Hört natürlich gerne Berlioz, aber auch mal Schubert. Lebt in Istanbul. Und stößt in einer Zeitung eines Morgens auf folgende Anzeige: „Junger Mann, 25 Jahre, gesund, gute Ausbildung, zwei Fremdsprachen, verkauft Teil seines Lebens zur Sicherung seines restlichen Lebens. Terminabsprache unter...“. Das trifft sich gut, denn Hector Berlioz hat einen Plan, bei dem es um viel Geld geht, der nicht allzu legal ist, und für dessen Umsetzung am Tag der letzten Sonnenfinsternis des Jahrtausends er einen Komplizen benötigt. Also ruft er an, und Hamit erklärt sich einverstanden, mitzumachen.

Professor Olcayto Fisek unterrichtet Psychologie an einer angesehenen Istanbuler Uni. Er hasst den Job. Besonders jetzt, wo er wieder mal seinen begriffsstutzigen Studenten eine Einführung in die Traumdeutung freudscher Prägung gewähren muss. Und dann taucht da auch noch dieser Typ in seinem Büro auf, Sevket Hakan Tuncel. Ein Bekloppter, der restlos davon überzeugt ist, in seinen Träumen in eine andere Welt überzuwechseln und dort in die Rolle seines Alter Egos Hector Berlioz zu schlüpfen. Mit Hilfe des Traumexperten Professor Fisek will Tuncel den Beweis hierfür erbringen und die Traumforschung revolutionieren. Auf Fisek sei er gekommen, weil er in der Traumrealität dessen Entsprechung begegnet sei, bei einer Lesung aus dessen wegweisendem Buch  „Traum, Wirklichkeit und Blumenkohl“. Fisek glaubt, es mit einer außergewöhnlichen Form von Schizophrenie zu tun zu haben, und willigt ein. Dass Tuncel eigentlich vorhat, sich im rechten Moment das Geld zu schnappen, hinter dem Berlioz her ist, und es in seine Welt hinüberzuretten, behält er vorerst für sich. Und auch das Wissen, dass er und Berlioz nicht die einzigen sind, die es auf die Traumkohle abgesehen haben...

„Die Verwandlung des Hector Berlioz“ (Originaltitel „Tatli Rüyalar“, zu deutsch „Süße Träume“) ist der in der Türkei bereits 2000 erschienene Debütroman von Alper Canigüz, dessen Romane „Söhne und siechende Seelen“ und „Secret Agency“ dort längst Bestseller sind; inzwischen spricht er sich als Geheimtipp auch in Deutschland herum. Eine „psycho-absurd-romantische Komödie“ lautet der Untertitel der von Monika Demirel übertragenen deutschen Fassung, soeben bei Binooki erschienen. Wer schon bei den bisherigen Büchern von Canigüz Lachbauchschmerzen bekam, wird hier nah an einen Kollaps geraten. Der Roman ist ein atemloses Feuerwerk schräger Ideen, und trotzdem bei allem Irrsinn inhaltlich absolut schlüssig, so dass man binnen weniger Seiten eintaucht in die absurde Welt, die der Autor kreiert, und die den Absurditäten tatsächlicher Träume ebenso nah kommt wie denen der täglichen Realität. Dass Alper Canigüz selbst Psychologie studiert hat und das Fachgebiet alle Nase lang trefflich aufs Korn nimmt, ist dabei mehr als ein schmückendes Detail. Unibetrieb und Wissenschaft bekommen kräftig ihr Fett weg, wie zuletzt die Werbeindustrie in „Secret Agency“ (und im Gegensatz zu anderen Autoren, die vor allem Klischees wälzen, macht Canigüz auch das vortrefflich, denn er arbeitet in der Branche). Und ganz nebenbei liefert er noch ein tragikomisches Portrait der türkischen Gesellschaft ab. Wer in diesem Jahr nur Gelegenheit hat, ein einziges Buch zu lesen, der lese dieses!

Alper Canıgüz
Die Verwandlung des Hector Berlioz
Aus dem Türkischen von Monika Demirel
Binooki
2014 · 174 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-943562-22-4

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