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hochgestimmt, Monika Vasik, Elif Verlag 2019
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hochgestimmt, Monika Vasik, Elif Verlag 2019
Kritik

Blumen des Bösen

Hamburg

In Frankreich listete eine Literaturzeitschrift unlängst Alper Canigüz' vierten Roman „Höllenblume“ unter den besten neuen Kriminalromanen des Jahres. „Bin ich der einzige, der das bescheuert findet?“ fragte Canigüz daraufhin. Man kann natürlich argumentieren: auch das zweite Buch um den fünfjährigen Alper Kamu beginnt mit zwei Toten, und am Ende wird der Fall aufgeklärt. Aber die Krimistruktur ist nur ein Schelmenstück, das in Wahrheit eine tieftraurige Liebesgeschichte transportiert. Und eine Geschichte um die Frage, was Erwachsensein eigentlich bedeutet, und ob es so etwas überhaupt gibt.

„Höllenblume“ war, wie schon der Vorgänger „Söhne und siechende Seelen“, in der Türkei ein Bestseller und liegt nun in deutscher Erstübersetzung (übertragen von Monika Demirel) vor.

„Ihr wisst ja, Menschen werden geboren, sterben und werden dann erwachsen“, leitet der kleine Alper Kamu seinen zweiten bissigen Ausflug in den Irrsinn der Welt ein, in der gerade sein Onkel Nebi gestorben ist. Nebi, der sich nach dem Verlust einer Liebe, die keine war, mit einer Frau, die niemand in der Familie ausstehen konnte, ganz in sich selbst zurückgezogen hatte und völlig verwahrlost war. Zumindest ließ er das alle glauben. Aber Alper kommt rasch hinter sein Geheimnis namens Adalet. Seine ganz große Liebe, von der niemals jemand erfuhr – und auch nie erfahren wird, denn Adalet hat einige Jahre zuvor den Freitod gewählt. „Ich vergleiche die Liebe eher mit dem Tod als mit dem Leben. Und der Mensch stirbt nur einmal“, hatte sie einmal gesagt. Aber steckt da nicht vielleicht noch mehr dahinter? Schon oft rätselte Alper über das seltsame Verhältnis seiner Eltern zueinander.

Alper ist fasziniert von den amourösen Verstrickungen, während er daran verzweifelt, dass sein Kindermädchen Hatice Abla seine frühreifen Annäherungsversuche nicht ganz so ernst nimmt, wie er sich das wünscht. Dabei liebt er sie wirklich....

Und dann ist da noch der mysteriöse Todesfall im Nachbarhaus. Mehmet, der kleine Bruder von Ümit, ist tot. Und Ümit gesteht die Tat. Doch das kauft Alper ihm nicht ab. Er vermutet mehr hinter den undurchsichtigen Familienverhältnissen und nimmt die durchgeknallte Mutter ins Visier, während er den Sozialarbeiter davon zu überzeugen versucht, dass mit Ümit alles in Ordnung ist. Aber auch die beste Spürnase gerät mal auf die falsche Fährte.

Mit psychologischer Raffinesse und augenzwinkernder Hintersinnigkeit seziert der halbwüchsige Held menschliche Abgründe. Wenn die Jungs aus seinem Viertel mit großer Klappe und wenig Hirn zum Angriff auf die Jungs eines anderen Viertels blasen, weil einem von ihnen sein Bobbycar gestohlen wurde oder ein paar Murmeln nicht ordnungsgemäß abgerechnet wurden, kommt man sich schonmal vor wie in einer Abendnachrichtenübertragung aus dem UN-Sicherheitsrat – und erfährt ganz nebenbei noch Wissenswertes über das Wesen der Lüge, intelligente Kriegsführung und libidinöse Entgleisungen in einer konservativ-verkorksten Welt, in der außer den Gartenzäunen absolut gar nichts weiß und unschuldig ist. Doch, die Liebe ist es manchmal, aber sie ist und bleibt der größte Unschuldskiller aller Zeiten.

Alper Canıgüz
Höllenblume
Aus dem Türkischen von Monika Demirel, Deutsche Erstausgabe
binooki
2015 · 260 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-943562-49-1

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