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Kritik

Iranische Morgenröte

Amir Hassan Cheheltans düsterer Revolutionsroman
Hamburg

Man liebt nur einmal im Leben, Iradj.

Das sagt Mihan zu ihrem Mann, als er nach 28 Jahren wieder auftaucht. Als Iradj 1979, im Jahr der Islamischen Revolution, nach Teheran zurückkehrt, sucht er die Morgenröte. Doch was er findet ist nur die Dämmerung vor einer kalten, grauen Nacht.

In seinem Roman „Iranische Dämmerung“ entfaltet Amir Hassan Cheheltan ein beklemmendes Panorama der Hoffnungslosigkeit, in dem die Politik so tief in das Leben der Protagonisten eindringt, dass ihre privaten Lebensentwürfe zum Scheitern verurteilt sind.

1951 war Iradj Mitglied der linksradikalen Tudeh-Partei und half bei einem Attentat auf den Schah. Er musste das Land verlassen, floh nach Russland. Doch dort wurde er als Spion verhaftet und in ein Arbeitslager in Sibirien geschickt. Zehn Jahre lang hielt er sich mit der Erinnerung an Mihan am Leben, doch an eine Rückkehr war nicht zu denken. Er stand weiterhin auf der Abschussliste des Regimes, blieb im Exil in Deutschland. Erst als der Schah abdankte, konnte er sich in den Flieger nach Teheran setzen. Wie so viele, die vor der Militärregierung geflüchtet waren.

Mihan, die er gegen den Willen seines Vaters, eines hochrangigen Militärs, geheiratet hatte, musste ihre Karriere als Schauspielerin und passionierte Tänzerin aufgeben und den gemeinsamen Sohn alleine großziehen. Iradjs Vater, Oberst Biraschg, wird unehrenhaft entlassen aufgrund der Taten seines Sohnes. Erst im Laufe der Jahre begreift er, was für einem System er da gedient hatte. Oberst Biraschg glaubt nicht an Liebe. Die Ehe zu seiner lange verstorbenen Frau hatten die Eltern arrangiert.

Die Einsamkeit war das Schicksal des Menschen

ist er überzeugt. Er ist alt und verbittert, hat alles verloren. Er weiß, dass der verstoßene und verlorene Sohn in der Stadt ist, aber er rechnet nicht damit, ihn zu sehen.

Man liebt nur einmal – das wird auch Iradj klar, als er durch die Straßen von Teheran streift, die so gar nichts mehr mit den Straßen seiner Jugend zu tun haben. Die Revolution ist nicht die seine. Dabei hatte er sein Leben lang auf ein Ende des Schah-Regimes gehofft. Nur um zu sehen, dass es wieder Verbrecher sind, die das Ruder übernehmen. Mihan liebt ihn noch immer. Aber beide sind bald sechzig. Ihr Leben ist gelaufen, die Zukunft ungewiss, für einen Neuanfang findet sie keinen Anlass mehr. Und Iradj folglich keinen Grund, zu bleiben.

Uns läuft die Zeit davon, und in dieser verlorenen Zeit schaffen wir uns verschiedene Sprachen, die den Abstand zwischen uns noch vergrößern

sagt er seiner Schwester Pari, die verhindern will, dass er wieder geht. Zurück ins Exil. Doch das Exil ist sein Leben geworden. Das Leben, das er sich gewünscht hatte, existiert nicht mehr.

So beeindruckend die Teheran-Trilogie und „Der Kalligraph von Isfahan“ auch sind, „Iranische Dämmerung“ ist Cheheltans Meisterwerk. Das sah auch das iranische Kulturministerium so und kürte den Roman zum Buch des Jahres 2007. Der Autor verwahrte sich vergeblich gegen die zweifelhafte Auszeichnung mit Verweis auf die zahlreichen Streichungen durch die Zensur. Die deutsche ist die erste vollständige Ausgabe des Buches.

Amir Hassan Cheheltan
Iranische Dämmerung
Erste vollständige unzensierte Ausgabe
Übersetzung:
Jutta Himmelreich
Kirchheim Verlag
2015 · 198 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-87410-135-6

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