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Kritik

Da wusste ich, dass Schmerz im Raum war

Hamburg

„In dem Jahr, in dem ich anfing, Wahs anstelle von Vase zu sagen, brachte mich ein Mann, den ich kaum kannte, unabsichtlich beinahe um.“ Oder nehmen wir diesen ersten Satz einer anderen Geschichte: „Ich war die, die geschickt wurde, als Halloweenabend war und Miss Locey sich nicht bewegen konnte.“ Bei einer guten Kurzgeschichte ist vor allem der Einstieg wichtig. Schon hat man den Leser am Haken. Nicht nur aufgrund gelungener Einstiege lässt sich eines mit Sicherheit sagen: Amy Hempel beherrscht ihr Handwerk. Trotz der Anerkennung, die Hempel in den USA längst für ihre Literatur erhielt und erhält, ist die 1951 in Chicago geborene und heute in New York lebende Autorin hierzulande kaum bekannt. Das wird sich nun ändern. Der Wiesbadener Verlag Luxbooks legt in seiner Reihe Ohrensessel den ersten Erzählband Hempels in deutscher Übersetzung mit dem Titel „Die Ernte“ vor. Übersetzt wurde der Band von Jakob Jung. Alle vier weiteren Erzählbände der Autorin sollen in den nächsten Jahren folgen.

„Mein hartgesottener Ehrgeiz kann nicht ablassen von dieser Form. Nimmt man sie wirklich ernst, dann wird die Kurzgeschichte (...) zur schwierigsten aller Prosaformen, denn keine andere verlangt vom Autor soviel Disziplin“, sagte Truman Capote.Disziplin merkt man auch Hempels Kurzgeschichten fortwährend an. Alles präzise geschliffen. Man hat den Eindruck, Hempel setzt jedes Wort genau dahin, wo es hingehört. Die Wirkung dieses literarischen Minimalismus ist erstaunlich. Die Geschichte „Tiefenrausch“ erstreckt sich über gerade einmal sieben Buchseiten. Sie bleibt haften wie ein ganzer Roman. Es ist die Geschichte von Miss Locey, die ans Bett gefesselt ist und am Halloweenabend eine junge Frau engagiert, die Süßigkeiten an die von Haus zu Haus ziehenden Kinder verteilt. Man kann diese Geschichte nicht wirklich nacherzählen, das würde sie zerstören. Sie gibt genügend Informationen und hinterlässt noch mehr Fragen, die im Leser weiterarbeiten. Doch da sind wir wieder beim Handwerk, das können auch andere.

Was aber ist Hempels Besonderheit? Es ist das, was bei aller Reduktion übrigbleibt, es sind die einzelnen Sätze, die auftauchen und die so besonders sind, dass sie nicht mehr aus dem Kopf verschwinden wollen. Wie jener aus der Geschichte mit dem Titel „Tom-Stein durch die Aale“, in der eine Frau eine Zugreise unternimmt und von Kalifornien in den Mittleren Westen fährt. „Mein Gesicht spiegelt sich im Fenster und ich sehe der traurigen Wahrheit ins Gesicht – dass ich zufällig dann am besten aussehe, wenn niemand da ist, der mich sieht.“ Oder nehmen wir diesen hier: „In meinem Kopf ist ein kaputter Balkon, von dem ich hinunterfalle, wenn ich spreche.“ Oder diesen Satz, in dem die Beziehung zwischen Mutter und Tochter bedrückend klar wird: „Meistens tat ich die Dinge um sie herum, so wie Krankenschwestern die Laken wechseln, während der Patient im Bett liegt.“ Man könnte ewig so weiterzitieren.

Trotz der einprägsamen Sätze, sind viele Geschichten so komprimiert, dass man sie zweimal lesen muss, um alles mitzubekommen. Was nicht schlecht ist und nur bedeutet, dass man Hempels Geschichten nicht unbedingt ‚zwischendurch wegliest’. Man muss sich darauf einlassen. Auffallend ist, dass – trotz des Humors, von dem die Autorin eine Menge besitzt – diese Texte nicht vor Lockerheit strotzen. Formell, das ist dem Genre geschuldet, als auch inhaltlich. Als würde absichtlich eine literarische Gattung gewählt, weil genau jene Gattung wenig Lockerheit erlaubt: Das Leben ist schließlich auch nicht locker. „Im Krankenhaus, nach den Spritzen, da wusste ich, dass Schmerz im Raum war – ich wusste nur nicht, wessen Schmerz es war.“

Amy Hempel ist eine sensible Perfektionistin. Eine, die weiß, dass das Leben süß ist, zuweilen absurd, und dass es weh tut. Vor allem, dass es weht tut. In ihren Geschichten verbringen junge Frauen ihre Abende auf der Dialysestation oder erinnern sich „an eine Zeit, in der ich nicht starb, und doch glaubte, zu sterben, und zwar an Übelkeit.“ Poliert, kühl, eigensinnig, traurig und oft auch komisch – Amy Hempel schreibt Geschichten, die einen zurücklassen. Vor allem mit Dank.

Amy Hempel
Die Ernte
Übersetzung:
Jakob Jung
Literaturverlag Droschl
2013 · 113 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-939557-72-2

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