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Kritik

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Amy Hempel: Was Uns Treibt
Hamburg

Diese 15 Kurzgeschichten der amerikanischen Schriftstellerin Amy Hempel (geb. 1951) sind schön kurz und verstörend. Man kann sie in ein, zwei Sätzen zusammenfassen, das was in ihnen geschieht, weist aber weit über den Inhalt hinaus, hat mit Brüchen, Verstörungen und nicht eingehaltenen Versprechen zu tun. Erwartungshaltungen werden gerne unterlaufen. Nie benehmen sich die Personen darin, wie sie es bislang gewohnt waren. Die Sicherheiten haben sich aufgelöst, aber an irgendetwas Kleinem finden sie neuen Halt.

In der ersten Geschichte, In einer Wanne, lauscht eine Frau ihrem Herzschlag nach, den sie am lautesten in einsamen Kirchen oder der Badewanne hört. Das heute ist hier ein Gefallen für Holly handelt von zwei Frauen, die am Strand leben und sich langweilen. Holly mag Dates, ihre Freundin eher nicht. Sie würde gerne umziehen, aber den verunglückten Umzugswagen nimmt sie als Warnzeichen. Celia ist zurück, ist nur eine Aufschrift an einem Fenster. Aber ist sie wirklich zurück, um alles in Ordnung zu bringen, z.B. die beschränkte Welt einer Familie, die sich mit Gewinnspielen über Wasser hält? In Von Nashville bleibt nur Asche, einer der besten Geschichten des Bandes, resümiert die Witwe eines Tierarztes ihr Leben, das immer im Schatten der Tiere stand. Ohne Gatte und mit weniger Haustieren lebt es sich besser. San Francisco ist eine Meditation über Erdbeben und eine Armbanduhr. Der Friedhof, auf dem Al Jolson begraben liegt handelt von den Besuchen bei einer Freundin im Krankenhaus, die bald sterben wird, aber noch in der zynischen Phase steckt. „Erzähl mir Dinge, die ich danach ohne Reue wieder vergessen kann.“ Sehr wohl kann man im Stricken einen neuen Lebenssinn entdecken, wie in der Story Anf, zus, zun, wie, wie. Auch Aufbrechen ist im Krankenhaus angesiedelt. Ein junger Mann hat einen Unfall gehabt und stolpert jetzt über einen Rechtschreibfehler im Speiseplan. In Pool night gibt es den Versuch, das durch eine Katastrophe vernichtete Familienalbum durch Fotos zu rekonstruieren, die die Nachbarn von der Familie geschossen haben. Drei Päpste kommen in eine Bar handelt von einem Comedian und der Zeit vor seinem Auftritt, die seine Begleitung in der Bar abwartet und das Leben als Comedian betrachtet. Mit der Geschichte vom Mann in Bogotá versucht jemand eine Frau aufzuhalten, die auf dem Fenstersims steht und bereit ist, hinunterzuspringen. Eine Geschichte, die das schafft, was weder Rettungskräfte noch Gatte schaffen. In Wenn es vom Menschen kommt statt vom Hund hat die Putzfrau Mrs. Hatano Schwierigkeiten mit einem hartnäckigen Fleck. Da hilft auch der Tipp: „Zitrone und Wasser mit Waschsoda“ wenig.

In Warum ich hier bin tut sich eine Frau schwer damit, einen Berufswahltest zu beantworten.

Der Atmende Jesus bewegt seinen Brustkorb, wenn man ihn mit 25-Cent-Stücken füttert, dann beginnt sich alles zu verändern. Heute wird ein ruhiger Tag ist die letzte und eine sehr versöhnliche Geschichte über einen Vater, der einen Tag mit seinen Kinder verlebt

In diesen Kurzzusammenfassungen wird das Setting der Storys deutlich. Eine sehr alltägliche Szene verwandelt sich in etwas, das den gewöhnlichen Rahmen sprengt, dass selbst die gewöhnlichste Handlung plötzlich in etwas Fremdartiges verkehrt. Die Geschichten selbst alternieren in spannungsgeladenen Geschichten, die Unheil heraufbeschwören, und dem Gegenteil davon, nämlich wenn sie das erzählen, was nach der Katastrophe passiert, das Aufklauben der Scherben und Papierschnipsel. Irgendwo in dem Versuch, das alles wieder zu kitten, muss sich der Keim des Glücks oder der Kern des Horrors verstecken.

Dass die Geschichten aus den 80er-Jahren stammen, merkt man ihnen kaum an. Allerhöchstens haben sich die technischen Details verändert. Dass sie jetzt erst auf Deutsch erscheinen ist erstaunlich. Dem Verlag Luxbooks gebührt das Verdienst nun alle zwei Jahre einen Erzählungsband von Amy Hempel folgen zu lassen.

Amy Hempel
Was Uns Treibt
Übersetzt von Stefan Mesch.
Luxbooks
2015 · 120 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-945550-06-9

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