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Kritik

Albträume und Mythen, Düsternis und leichteres Summen.

André Schinkel erzählt in einer dichten Sprache von Verlorenen, Einsamen und Suchenden
Hamburg

Ludmilla war fort: „Sie war, schwanger, über die mögliche Grenze gegangen, niemand wusste, wann und ob von ihr zu hören sei“. Er hatte damit gerechnet. Schon ihr Vater war drüben geblieben, und „er verstand ihren Drang, dem Vater zu folgen, und er fürchtete sich vor diesem Verstehen zugleich.“ Aber jetzt war es tatsächlich wahr geworden. Endgültig. Ludmilla war von einer Reise an den Plattensee mit ehemaligen Kommilitonen nicht zurückgekehrt, und Thomas Schimmelpfennig fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen.

Er hatte sich in das Nachbarmädchen verliebt - sie machte gerade Abitur in der Stadt und „hatte seine jugendliche Hitzgier in eine andere Richtung gedrängt.“ Statt abends in die Kneipen zu gehen, hin und wieder ordentlich zu saufen und dann den Mund nicht halten zu können. Vor zwei Jahren war er mit dem Abschnittsbevollmächtigen aneinander geraten, wollte ihn nach einer bierseligen politischen Diskussion verprügeln, „die Sache wurde am nächsten Morgen aber geklärt und war, wie es schien, inzwischen vergessen.“ Statt sich eben volltrunken mit anderen anzulegen, hatte er heimlich angefangen zu lesen: „das Erreichbare zunächst, das Beargwöhnte bald: Musil, Kafka, Proust.“ Ludmilla hatte ihn „in Gedankenwelten verführt, die ihm in der Schlosserei, beim Reparieren der Motoren, unter den Scherzen der Kollegen niemals gekommen wären.“

Und nun war Ludmilla weg - mit einem Kind im Bauch. Im Sommer hatte er sie geschwängert. Im gleichen Sommer, „in dem die Berichte von Flüchtenden an der ungarischen Grenze nicht mehr zurückzuhalten waren.“ Und jetzt war auch Thomas Schimmelpfennig verschwunden. Man fand ihn im Güllesilo in jener Nacht, mausetot und übel zugerichtet, „da die Situation in der nahen, rußgoldenen Stadt Leipzig kippte und der Rausch der Siebzigtausend wie ein befreiender Atem, kurz, die Landschaft durchströmte“.

Er lässt nicht einmal das allerkleinste Schlupfloch: Dicht versponnen, hiebfest verflochten lässt André Schinkel dem Leser keine Chance, aus der Erzählung „Das Licht auf der Mauer“ auszubüxen. Vielmehr wird er immer tiefer hineingezogen. Fast gänzlich verschluckt von den Worten, die sich mit sattem Klang ins Gehirn hämmern, eingesogen von den mäandernden Sätzen, die gespickt sind mit apodiktischen Widerhaken, aufgeladen mit Hintersinn und Andeutungen. Hineingezogen in die auf Gedeih und Verderb grandios verbandelten, sich gegenseitig anstachelnden Geschichten - die Liebestragödie, die Schimmelpfennig so grausam mit dem Leben bezahlt, und die Ereignisse im Herbst 1989, wie sie die Dörfler im Gegensatz zu den Städtern in Leipzig, dem Zentrum der „Friedlichen Revolution“, wahrnehmen und erleben. Dabei der Stern des sich schuldig gemachten Abschnittsbevollmächtigen immer tiefer sinkt.

Sie sind nicht gerade leicht verdaulich, die achtundzwanzig Prosastücke in André Schinkels gleichnamigem Erzählband „Das Licht auf der Mauer“. Wortmächtig und bildgewaltig bohrt sich gleich die erste Geschichte, „Mantikor und Minotaurus“, in die Sinne, sticht pfeilspitz in die Eingeweide: Ein Abendessen mit Schriftstellern steigert sich langsam, aber stetig zu einem bedrückend alpdruckhaften Traum, in dem Mantikor und Minotaurus als fleischgewordene Mythen ihr menschenfressendes Unwesen treiben. Auch die drei „Nachtstücke“ spinnen eine nachtmahrhaft erdrückende Atmosphäre, schwer beladen mit Symbolen und Metaphern und so feinmaschig gewebt, dass man sich ohnmächtig in sein Schicksal ergibt: Sich willenlos in die Beklemmung fügt, von ihr verschlungen wird. Fast.

Nicht alle Texte von Schinkel düstern so schwarz und schwermütig, kompakt und gedankenschwer sind allerdings die meisten. Und seine Figuren haben oft etwas Verlorenes, Einsames an sich, sind heimatlos. Auf der Suche nach Wurzeln, nach Antworten, sehnen sie sich nach dem Ausbruch aus „einem immerwährenden Trott“, nach Sicherheit: In „Lichtmonolog“ erzählt das Ich von seiner traumatischen Panik vor der Dunkelheit: „mich bedrängt diese zunehmende Schwärze, sie dringt in mich ein, durchtränkt und erschreckt mich mit ihren Visionen“, in der Geschichte „Sog, Paradiso“ träumt ein Er, in „einem Trichter treibend gefangen“ zu sein. „Verrührt in einem Sog aus Gestalten“, die alle hoffen, dass hinter dem Ausgang das Paradies liegt. Und in „Die Rückkehr“ träumt ein Ich vom Heimkommen ins Elternhaus: Erinnerung und Wirklichkeit vermischen sich, Vergangenes und Jetziges sind zu einem festen Strang verflochten.

Schinkel erzählt von Liebe, von hoffnungsloser, tragischer Liebe. Von Erinnerungen und Erlebtem, von Träumen und der Mythologie, die sich machtvoll und unumstößlich ins Leben drängen. Er gräbt tief, auch in seinen kleinen Fabeln „Marabu“ oder „Eine Taube“ knallt er uns ganz unverblümt seine Sicht der Dinge um die Ohren. Spürt Geheimnissen nach, lässt neue im Raum schweben. Haucht seine Essays, Kurzgeschichten, Erzählungen oft mythisch an und komponiert mehrstimmig. Auf verschiedenen Ebenen. Manchmal schlägt er auch einen versöhnlicheren Ton an, ein leichteres Summen, wie bei seinem autobiografischem Text „Fügung“, der von der Geburt seiner Töchter erzählt, oder in „Verwunschener Ort“, wo es um seine Kindheit und Jugend geht. Schinkel, mehrfach ausgezeichnet, ist ein begnadeter Beobachter und ein begnadeter Schreiber seiner Beobachtungen. Nicht nur der äußeren, auch derer, die versuchen, sich in den tiefsten Tiefen zu verstecken.

André Schinkel
Das Licht auf der Mauer
Mitteldeutscher Verlag
2015 · 160 Seiten · 12,95 Euro
ISBN:
978-3-95462-468-3

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