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Kritik

Dokument der Menschlichkeit in Zeiten ihrer Abwesenheit

Gedichte aus Buchenwald
Hamburg

Der gefesselte Wald. Gedichte aus Buchenwald (französisch-deutsche Ausgabe) ist ein sorgfältig eskortiertes Buch: Der Name Wulf Kirsten erscheint hier schon als Garant genug. Zusammen mit Annette Seemann, gleichzeitig  die Übersetzerin der französischen Originalgedichte sowie mitverantwortlich für den biographischen Teil,  hat er das Buch herausgegeben, kommentiert und mit einem ausführlichen Nachwort versehen. Ein Literaturverzeichnis kommt hinzu  sowie ein mit „Kurzbiographien“ bezeichnend bescheiden titulierter Anhang, berücksichtigen wir, dass manche Angaben oft unter größten Mühen hier, teilweise erstmalig, eruiert werden konnten. Das Buch aus dem Wallstein-Verlag ist gleichzeitig Band 11 (Neue Folge) der Mainzer Reihe, hrsg. von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Klasse der Literatur.

Es werden hier in deutscher Sprache erstmalig diejenigen 55 im KZ Buchenwald entstandenen Gedichte vorgelegt, die André Verdet (selbst als Häftling einer der 25 Textbeiträger) bereits im August 1945 zu einer französischsprachigen Anthologie zusammengestellt, 1946 (vielleicht auch schon 1945) herausgebracht hatte (Verdets Originalvorwort ist in Der gefesselte Wald neben der deutschen Übersetzung ebenfalls wiedergegeben) und die 1995 in Frankreich eine Neuauflage erfuhr.  In deutschen Darstellungen zur Résistance, Kirsten nennt das „merkwürdig“ (Zitate stets aus Kirstens Nachwort), ist Verdets Anthologie, wenn überhaupt je einmal, nur beiläufig erwähnt worden; immerhin sind unter den Autoren auch einige wenige Deutsche, ansonsten überwiegend Franzosen, Belgier, Polen, ein Spanier (der Name Jorge Semprun ragt für den später erworbenen literarischen Rang insgesamt weit heraus), ein Ukrainer.

Kirstens Nachwort trägt den erhellenden Titel „Dichten, um zu überleben“.  Nicht nur für die in Gefangenschaft geratenen Franzosen, die sich ab 1940 der Résistance angeschlossen hatten und die schwerpunktmäßig ins KZ Buchenwald (seit 1937 betrieben) deportiert wurden, galt, dass der bloße Besitz von Schreibutensilien mit dem Tode bedroht war. Trotzdem sahen manche Häftlinge nur in aufrecht erhaltener künstlerischer Tätigkeit (Malen, Musizieren, Dichten), in „Träumen und Singen“ ihr spezifisches Überlebensprogramm. In Ermangelung von Papier verfuhr die Dichtergruppe um Verdet so, dass „leere Zementsäcke zurecht geschnitten oder gebrauchte Zielscheiben der SS benutzt“ wurden.

Der Verfasser dieser Besprechung folgt natürlich dem Vorschlag Kirstens, die angeführten Gedichte nicht literaturkritsch zu sezieren bzw. einander wertend gegenüberzustellen; es mag genügen zu konstatieren, dass sie unter allen Umständen ergreifende sprachliche Dokumente sind: „Worte, begriffen als Waffen im Dienst von Gerechtigkeit und Brüderlichkeit“(André Verdet 1945 in seinem so rasch nach dem Ungeheuerlichen verfassten Vorwort), die uns auch abseits einer meisterlichen Zeile Jorge Sempruns in diesem Buch: Angst ist ein Banner, zerzaust von ewigem Wind (Gedicht „Uralter Traum“) als „document humaine“ besonders berühren.

Hinsichtlich der dichterischen Herangehensweise nimmt Kirsten immerhin folgende Differenzierung vor, indem er weitere Forschung ermuntern möchte: „Die Gedichte der Franzosen und von einigen ihnen nahestehenden Häftlingen anderer Nationen, so der ausgesprochen frankophilen Polen, fügten sich nicht ins Konzept der deutschen Kommunisten.“

Für Kirstens Verständnis sollte die Anthologie auch einen Aufruf darstellen, „über den Geist des oberen und unteren Weimar zum Nachdenken anzuregen“. Diese auf den ersten Blick vielleicht etwas zu lokalspezifisch anmutende Festlegung - der Fokus der Erläuterungen bleibt überhaupt konsequent auf Buchenwald/Weimar gerichtet - erscheint vor dem Hintergrund eines absonderlichen historischen Faktums allerdings  ganz nachvollziehbar:  1941 hatte Propagandaminister Goebbels – in Frankreich waren einen Tag vor dem Treffen 50 Widerstandskämpfer hingerichtet worden -  auch sieben französische Schriftsteller nach Weimar geladen, die später tatsächlich begeistert von einem „Weimar als Europa des Geistes“ berichteten.

Der gefesselte Wald ist ein ungewöhnlich wertvolles Buch: Es beleuchtet grell - wie der Scheinwerfer eines Wachtturms - ein Deutschland ab seinen dunkelsten Tagen, die doch erst neulich heraufzogen, bis heut: ein Land gekennzeichnet von einem Wunsch nach Täuschung, vereintem Schlag und ebensolchem Schweigen (z.B. verweigerte Rezeption der hier nun, vielleicht noch rechtzeitig vorgelegten Anthologie); und das Leben, Überleben, Sterben von vergewaltigten Individuen, in die Fremde verschleppt - in Malerei, Musik  sowie, ja, in Literatur; ihre Überlegenheit also.

Das Titelgedicht des Buches, verfasst von José Fosty, Häftlingsnummer 9846, möge stellvertretend Verzweiflung, Kraft und Hoffnung bezeugen, die aus Worten hervorwächst gegenüber nie erahnbarer Situation und unserer Existenz:

Wenn die Feen flüchten, besetzen die Holzfäller,/Verdammte, die Lichtung, wo sie den Reigen tanzten.//In der Waldestiefe widerhallte die Axt:/Im Herzen des Häftlings böses Omen.//Und sie, einst lachend in ihrem Grün,/Ist allmählich entblößt davon: ausgehobenes Grab.//Die Lichtung weitet sich, Lichtung immer so grün,/Zeigt dem Himmel nur noch die ständig sich öffnende Wunde.//Das Lager entsteht unter Peitschenhieben./Während die Fichten sich unter der Axt biegen./Schrecken, endlos, beherrscht die Verdammten./Kälte, Hunger und Angst fesselt sie.//Wie die Narren in Gott einst zu sterben wussten,/Werden andere Narren von heute Märtyrer.//Einem Fanal gleich, lebendig, die Fahnen erhoben:/Für diesen Ball tun sie alles – leben und sterben.

In vier Fällen konnten Seemann/Kirsten außer den Verfassernamen bzw. ihren Résistance-Decknamen keine biographischen Angaben ermitteln. Keine einzige Angabe. Doch ihre Gedichte bleiben jetzt. Sprachgerichte. Jederzeit einzuberufen.

André Verdet (Hg.) · Wulf Kirsten (Hg.) · Annette Seemann (Hg.)
Der gefesselte Wald.
Gedichte aus Buchenwald. Deutsch-Französisch
Übersetzung:
Annette Seemann
Wallstein
2013 · 190 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-1220-3

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