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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Helden im Überfluss

50 Autoren über die Helden ihrer Kindheit
Hamburg

Die Frage, was einen Helden zum Helden macht, ist nicht leicht zu beantworten. Schon gar nicht von einem allein. Viel zu unterschiedlich sind die persönlichen Heldenauffassungen jedes einzelnen, weil sie immer auch an die ganz persönlichen Heldenfiguren, vorrangig aus der Kindheit, geknüpft sind. Da scheint es nur logisch, dass sich in einem Buch über Helden der Kindheit aus Comic, Film und Fernsehen gleich mehrere Autoren des Themas annehmen. Aus einer Schnapsidee der Herausgeber Andrea Baron und Kai Splittgerber wurde so ein Sammelband, der nicht nur den Heldenbegriff auf sehr subjektive Art umkreist, sondern auch zur Reise in die eigene Kindheit einlädt.

 Der Band startet mit Helden aus den 1950ern, von denen Asterix einer ist. Mit Hilfe der Geschichte um den pfiffigen Gallier schuf sich der junge Roman Graf (Jg. 1978) einen Gegenentwurf zur Wirklichkeit. Dabei waren es vor allem die legendären Anfangssätze der Comics, die bei ihm eine starke Identifikation auslösten. Die „Zwänge und Unsinnigkeiten“ der Schule umzingelten Graf wie die Römer das letzte gallische Dorf. Das Gefühl kehrte im Erwachsenenalter noch einmal zurück. Als Graf, wie er sagt, „eingebunkert“ begann zu schreiben, „umzingelt von einer Welt ohne Gefühl für die Literatur und Fantasiewelten“. Grafs Erfahrungen mit seinem Kindheitsheld sind exemplarisch. Immer wieder liest man bei Autoren in diesem Band, dass ihre Helden auch und vor allem Fluchthelfer aus einer als eng und/oder langweilig empfundenen Wirklichkeit waren.

Für Jule D. Körber  (Jg. 1983) liefern ihre Helden aus der Puppenspielserie Hallo Spencer den Gegenentwurf gleich mit. Die zwischen 1979 und 2001 von NDR produzierte Show, stellt für Körber eine marxistische Utopie dar. Eine Runddorf-Kommune, in der sich jeder seiner Begabung entsprechend einbringt und so mithilft den Laden am Laufen zu halten. Umgekehrt betrachtet Christian Huberts das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit. Für ihn wurde die Videospielreihe Monkey Island um den selbsternannten „mächtigen Piraten™“ Guybrush Threepwood zum Erklärungsmodell für die Welt. Vor allem der Universitätsbetrieb erinnert ihn, mit kniffligen BAföG-Anträgen und dem Sammeln und Kombinieren wissenschaftlicher Quellen zu Hausarbeiten, an das Prinzip der Point-and-Click-Adventures.

Einen Abgleich mit der Wirklichkeit hat auch Jan Brandt im Kopf, wenn er aus den Jerry Cotton-Heften den Zeitgeist ihrer Entstehung herauszulesen versucht. „Wenn der Philosoph Ernst Bloch mit seiner These, dass sich in der Kolportage die Sehnsüchte des Menschen unverstellt zeigen, recht hat, dann sind die inzwischen 2900 Hefte, in denen Jerry Cotton im Einsatz ist, eine gigantische mentalitätsgeschichtliche Quelle. Und mindestens so ergiebig wie die Texte ist die Werbung auf den Umschlagseiten.“ Vor allem nach dem 11. September, so Brandt, hielten eingeschränkte Bürgerrechte, Verhöre ohne Verfahren und das „Böse“ in den eigenen Reihen Einzug in den Cotton-Kosmos.

Doch es ist nicht so, als ob die hier versammelten Essays immer das große Ganze im Blick hätten. Es sind vor allem die persönlichen Geschichten, welche die Helden der Kindheit ausmachen und immer dann am interessantesten werden, wenn die Autorinnen und Autoren selbst Kinder haben. David Wagner und Björn Kuhligk reflektieren den Rollenwechsel vom Kind zum Vater lustig und mitfühlend anhand von Darth Vader und Knight Rider. Ihre Helden stoßen dabei auf mal mehr und mal weniger Begeisterung bei den Nachkommen. Manche Helden haben nun mal das Zeug zur zeitlosen Ikone, andere eher nicht. Und während Wagner und Kuhligk sich fragen, was aus ihren Heldenfiguren in Bezug auf die selbstgegründete Familie wurde, fragt sich Thomas von Steinaecker vor allem, was aus den Menschen wurde, die seine Helden verkörperten. Alf war so ein Held, dessen deutscher Synchronsprecher Tommi Piper den Autor ungefragt wissen ließ, „Alf habe sein Leben zerstört“.  Was genau damit gemeint ist, wird in Steinaeckers Text leider nicht klar. Überdeutlich erzählt er jedoch vom Niedergang Max Wrights, der in der Serie den Familienvater Willie Tanner spielte. Wenn man diesen Essay gelesen hat, versteht man auch, warum die Illustratorin Sophie M. Pulkus Alf als ungewöhnlich düsteres Wesen in einer blau-schwarzen Welt darstellt. Diese Seiten erinnern vor allem daran, dass jeder Held, so sehr er uns auch in der Kindheit zur Seite gestanden hat, eine dunkle Seite zu haben scheint. Eine Seite, die zu entdecken auch als Erwachsener desillusionierend sein kann.

Generell sorgen die Illustrationen des Bandes für ein meist gelungenes Zusammenspiel von Text und Bild. Ausgeführt wurden sie und auch die Typographien von Studierenden des Fachbereichs Design der FH Münster unter der Leitung von Prof. Felix Scheinberger und Prof. Rüdiger Quass von Deyen. Insgesamt entstand so ein Buch, das als Zeitkapsel auf dem Weg in die Zukunft verstanden werden kann. Unter ihren Passgieren ist auch Stephan Porompka, der abschließend noch besonders herausgehoben werden muss, weil er mit seinem Essay über Clever & Smart den selbstironischsten Text geschrieben hat, der den Namen seiner Helden alle Ehre macht. Allein schon dafür lohnt sich der Kauf von Helden der Kindheit.

Andrea Baron (Hg.) · Kai Splittgerber (Hg.)
Helden der Kindheit
aus Comic, Film und Fernsehen
Rüdiger Quass von Deyen (Gestalter, Nachwort); Felix Scheinberger (Nachwort); Studierende des FB Design der FH Münster (Illustrator)
edition Büchergilde
2013 · 224 Seiten · 22,95 Euro

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