Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Der Faden zwischen Wunder und Wirklichkeit

Hamburg

„Tee mit Onkel Mustafa“ erzählt mit Witz und erstaunlicher Leichtigkeit von komplexen Themen: von kindlicher Identität, die in Wandlung ist, wächst; vom Verorten eigener Gedanken und Gefühle in einem Wirrwarr unterschiedlicher Mentalitäten und Umgebungen. Von Wundern und von Gefahr. Es ist sowohl Märchen als auch moderne Selbstfindungsgeschichte.

Mina verbringt ihre Ferien zum ersten Mal im Haus der Großmutter im Libanon, der Heimat ihres Vaters. Es ist heiß, Mina von fremden Gerüchen und Geräuschen umzingelt („Die Straßen waren … voller Stimmen und Libanonkrach“), immerzu müssen Besuche bei unbekannten Verwandten absolviert werden.

Anders als während einer normalen Ferienreise „ins Blaue“, begegnet die Protagonistin in der Fremde eigenen Wurzeln. Minas Reise in den Libanon und wieder zurück ist exemplarisch für Millionen Kinder, die vor dem Hintergrund zweier Kulturen aufwachsen, vor deren unterschiedlichen Mimiken und Gesten, Ritualen, Gepflogenheiten und Traditionen. Mit der Figur des Onkel Mustafa schlägt Karimé einen Bogen zur mosaikengleichen, traditionellen Erzählkunst des Orients. Onkel Mustafa gibt einen Schelm und Geschichtenerzähler ganz im Geist Nasreddins ab. (alias Nasreddin Hodscha oder Mullah Nasrudin) Er kann zaubern und sich in Luft auflösen, fliegen, unter Wasser leben, Geschichten erzählen, die vielleicht wahr, vielleicht geträumt, erfunden oder halb erfunden sind. Mit seinem Leben im Baum, dem Dösen auf seinem zerschlissenen Teppich – der zu viel Abendrot gegessen hat und daher so leuchtet – und mit seinen Geschichten hebt Mustafa die strenge Geometrie der Wirklichkeit auf. Er rettet unkonventionell manch verklemmte Situation: “„Gib deinem Onkel die Hand!“, sagte Minas Vater. „Ach, was soll denn der Blödsinn. Lass sie doch ihre Hand behalten. Ich habe ja selber zwei davon“, ...“

Überzeugend auch die beiläufigen Beobachtungen des Alltags, in den Mina sukzessive eintaucht, als sie die Welt der Dächer entdeckt, ihrem Cousin zunächst zögerlich folgt, schließlich hüpfend, beinah schwebend die Himmelsnähe erobert.

Karimé skizziert mit Einsprengseln bekannter Märchenmotive, die Minas Libanonerleben durchdringen, das Wesen der Fremde. Die Verknüpfung des Genusses einer unbekannten Süßigkeit (Baklava, das Geschenk einer freundlichen Fremden) mit dem Verändern der Wahrnehmung spinnt einmal mehr den Faden zwischen Wunder und Wirklichkeit. Wege scheinen sich zu verschieben, Häuser verrücken, Fische tauchen auf. Unvertraut, lockend und verwirrend nimmt Mina die Umgebung wahr. Letztlich endet jedoch jede Verirrung mit der obligatorischen Geste der Gastfreundschaft: einer Einladung zum süßen Tee.

Für seltene, sprachlich fragwürdige Formulierungen wie: „ihr Herz rumpelte aufgeregt“, entschädigen Minas Beobachtungen wie diese: „Er zog seine dicken Augenbrauen hoch und runter. Als ob sie Flügel wären. Und die Nase der Vogel.“

Schön gezeichnet auch die Irritation Minas beim Frauenbadevergnügen unterm nächtlichen Firmament, ihre Verwirrung angesichts des heiteren Selbstverständnisses der Frauen und Mädchen beim Nacht Bad in voller Montur. „Die Großmutter ging sogar mit ihrem schwarzen Mantel ins Wasser! Wie ein Tintengeist.“

Karimé verzichtet auf Werturteile und Zeigefinger. Sie lässt die Menschen in Frieden. Der Libanon jedoch findet keinen Frieden. Die Bedrohung des Krieges schleicht sich in das Leben der Protagonisten. Auch ohne blutrünstige Schreckensbilder erlebt und spürt Mina die Beklemmung und Ratlosigkeit der Erwachsenen. Der Krieg vertreibt Mina und ihre Familie und der alte Mustafa soll im sicheren, aber unterkühlten Deutschland Fuß fassen. Ohne frische Feigen und Oliven. Ohne Schafe, ohne seinen Zauberturm. Ohne verschlungene Wege, Wärme, ohne Einladungen zum Tee.
Verloren sitzt er auf einem deutschen Bürgersteig auf seinem Teppich. Auch hier findet sich ein Ausweg, ein glückliches Ende, das weit entfernt von Heile-Welt-Prosa ist.

„Tee mit Onkel Mustafa“ ist ein Buch für Kinder (bis ca. 12 J.) über Heimat und Fremde, über Ängste und Mitgefühl. Es ist auch eine Ermutigung zum Fabulieren, zum Hegen von Phantasieblüten, die die Wirklichkeit umranken, verschönert, wider die Vernunft. Mustafa, der im Bus reihum betretenen deutschen Fahrgästen Knabbereien als Gastgeschenk anbietet, sagt: „Derjenige, dessen Leben aus Wundern besteht, hat für alle Menschen dieser Welt Baklava dabei.“

Andrea Karimé ist Autorin zahlreicher Kinderbücher und Hörspiele.
Die Illustrationen von Annette von Bodecker-Büttners in „Tee mit Onkel Mustafa“ spinnen den Erzählfaden träumerisch. Das Buch erhält am 09.Mai 2012 den Österreichischen Kinder und Jugendbuchpreis.
 

 

Andrea Karimé
Tee mit Onkel Mustafa
Picus
2011 · 133 Seiten · 13,90 Euro
ISBN:
978-3-854521570

Fixpoetry 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge