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Kritik

Gedämpft melancholisch

Hamburg

Ist der Titel eine überaus subtile Provokation oder doch vielmehr ein positives Zeichen für wiedergewonnene Möglichkeiten und einen endlich unvoreingenommenen Zugang zu den poetischen Quellen? „Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so“ — das ist ohne Ironie oder modernistische Camouflage gemeint und dennoch wunderbar zweideutig. Naturverbunden sind diese Gedichte, schlicht wie Lieder, auch ergreifend hell in ihrer Klarheit, ungeachtet aller Düsternis darin, idyllisch verklärt aber allemal nicht. Andreas Altmann bewegt sich mit seinem neuen Gedichtband auf vertrautem Gelände und verläßt sich auf die bewährten Bilder, das erprobte Vokabular, so daß ihm hier eine konsequente Fortschreibung seines bisherigen Werks gelungen ist. Das Parlando steht zwar im Gegensatz zur Schwere des Inhalts, darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Lyrik komprimiert und sehr ausgefeilt ist.

Altmann beherrscht einen der schönsten Kunstgriffe der Poesie, er kann aus einfachen Beobachtungen flirrende, melancholisch samtene Bilder machen. Es sind dies hingetupfte Impressionen, von denen einzelne Sätze oft einprägsam hervorstechen, sich jedoch ohne weiteres in den additiven Fluß des Gedichts einfügen. Synästhesien rufen eine solche Wirkung hervor („die geräusche in der landschaft / sind blind“), mehr noch aber die Verschränkung der Metaphernglieder, die Altmann dem Surrealismus entliehen hat, ohne ihn irgendwie zu imitieren. Die Perspektiven verkehren sich dadurch, ungewohntes Leben entsteht: „vögel haben den sommer leer geflogen“. Doch geht die Wahrnehmung bzw. deren Aufzeichnung nie soweit, daß eine absurde oder überwirkliche Welt entstünde; Altmann ermöglicht bloß eine Erweiterung unserer Wahrnehmung, er gibt den Dingen eine geheimnisvolle Frische, und das hat zuletzt etwas beinahe Schamanenhaftes.

Die Orte des Melancholischen sind nicht die überfüllten Städte, sondern die verlassenen Landschaften im geisterhaften Bereich der Ruinen, wo die Zeichen menschlicher Anwesenheit sich allmählich tilgen; an Schienen, Kanälen geht es entlang, an die Meeresränder, über die einsamen Wege, und bei ihnen gilt: „die fäden sind sehr dünn, an denen sich die wege durchs gelände ziehen.“ Altmanns bevorzugte Jahreszeit bleibt nach wie vor der Winter. Schnee: die wiederkehrende Metapher: doch nicht allein Metapher, auch reale Gegebenheit, die genau ausgelotet wird. Diese Orte sind vertikal durchdrungen von Zeit, von Geschichte. Unter anderem zu verlassenen Kasernen, Grenzen, Grenzgebieten führen Altmanns Gedichte, die immer in Bewegung sind: „aus kopfhohen einschusslöchern im felsen / hängen die eiszapfen. männer haben hier / männer getötet.“ Nur der Schnee bewahrt die Dinge für einen Moment: Stillstand in der dauernden Veränderung der Landschaften.

Trotz aller Intimität verschwindet das wahrnehmende, schreibende Ich zuweilen, entzieht sich dem biographischen Zugriff des Bekenntnishaften. Hier nimmt sich der Wahrnehmende mit einer gewissen Distanz selbst wahr, stellt sich auch infrage, zweifelt. In den menschenleeren Landschaften ist der, der auf diese Weise beobachtet, eingebettet in das, was er beobachtet, wird ein Teil davon, ohne vollends absorbiert zu sein. Aus diesem Schwebezustand erwachen die Erinnerungen, von denen man sich erst entfernen muß, um sie klar zu sehen.

Der gleichbleibend ruhige Ton, die Melancholie sotto voce, sie setzen keine grellen Schlaglichter im breiten poetischen Strom, aus diesem Grund besteht bei unausgesetzter Lektüre dort die Gefahr einer gewissen leichten Redundanz und Ermüdung, wo die Gedichte nach thematischer Verwandtschaft geordnet sind. Doch ist dies letztlich kein Makel, denn der Leser, der jedes Gedicht einzeln und sorgfältig goutiert, wird mit wunderbaren Bildern belohnt, die ihn in eine Nebenwelt entführen, die doch in allem die einzig wahre ist.

Andreas Altmann
Die lichten Lieder der Bäume liegen im Gras und scheinen nur so
poetenladen
2014 · 104 Seiten · 17,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-52-1

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