Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Raumforderung

Hamburg

Im letzten Herbst ist in der parasitenpresse ein neues Lyrikheft erschienen. Es trägt den Titel die außenwelt der innnenwelt der außenwelt. Es ist wohl das experimentellste Heft (in diesem Fall noch etwas anderes) der Reihe. Denn Andreas Bülhoff, der auch als Ko-Herausgeber der Literatur-/ Fotografiezeitschriften Der Greif und randnummer agiert, offeriert ein Textexperiment, das in den Raum greift. Zunächst ist der typische Umschlag zu sehen/ erfühlen, als Leerrahmen gestaltet, ohne alles, seiner Erwartungsevokation beraubt und statt getackert, wie sonst allseits bekannt, finden sich zwei Silberklammern als mobile Fixierung einer losen Blattsammlung, die es mit einer beigegebenen Knick- und Faltanleitung nebst Schnittmustern in verschiedene Formen, Würfel des vorgefundenen Ausgangszustands zu schneiden und umzufalten gilt. Das ist an sich nicht unbedingt eine neue Herangehensweise, aber es funktioniert perfekt in genau diesem Rahmen der Hefte. Es fällt völlig raus in der Parasitenpresse, dekonstruiert die Parasitenregeln und baut einen neuen, räumlichen Textfluss beziehungsweise eine radikale Leserichtung auf. Ein Textvoxel entsteht, um einen Titelstein des vorhergehenden Bülhoff-Bandes Voxel Poem zu nehmen, denn ein Voxel ist ein dreidimensionaler Pixel; hier noch weitergetrieben. Man kann so etwas sicherlich nur einmal machen, in einem jeweils zuvor strikt eingehaltenen Regelrahmen, es wäre aber hervorragend denkbar (und auch notwendig) in diesem unserem weltweiten Publikationssystem einer an sich durch Konservatismus zum Wiedererkennungswert oder zur unique position strebenden Veröffentlichungsstrategie besonders die starrsten Verlagsregeln in dieser Art aufzubrechen (Ich spreche nicht von Notizbüchern, Kalendern in Form und Gestalt von Suhrkamps Jahrhundertedition). Sondern tatsächlich von Akten einer raumgreifenden Erfahrung, einer Bezugsherstellung von Text und Raum ganz privat, keiner Kunstaustellung zugehörig – in jenem Zusammenhang ist dies ein allseits bekanntes artefact – reproduzierbar stattdessen für jeden und auch auslegbar. Denn am Ende steht der Würfel, und die arbiträre Selektion der Lyrikentstehung, deren Begriff hier, auch im Rahmen der Visuellen Poesie an ihre Grenze getrieben wird. In diesem Sinne ist Bülhoffs protestierender Interventionsband vielleicht eine Initialzündung. Zur Erinnerung: Auch die neueste Ausgabe der randnummer bezieht mit ihrem Grenzen sprengenden Layout den (Lese-) Raum ihrer Texte explizit mit ein.

Bülhoffs Titel in Spiegelung einer bald 50 Jahre alten Peter Handke Publikation, Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt also hier zu die außenwelt der innnenwelt der außenwelt konvertiert, die ihrerseits eine grenzversetzende Initialzündung gewesen ist, und der inhaltlich beschreibend völlig Sinn macht, ist vielleicht trotzdem noch nicht das, worauf es eigentlich hinausläuft, denn das Konzeptheft oder man kann sagen das Konzept Bülhoffs in diesem Heft, schafft völlig neue Referenzen, die eigentlich deutlich weiter gehen, als dass sie eine titelgebende quotation der Literaturgeschichte und damit ein leichtes Wegducken vor ihr nötig hätten. Es geht um das Modell, um die Struktur innerhalb derer ein Textangebot gemacht wird. Es ist eine Radikalisierung im Schreiben, die mit dem Steuern ihrer Autorschaft zu tun hat, wie damals der sogenannte Strukturalismus der späten 50er realisiert hat, und der in den räumlichen Wissenschaften/ Künsten wie der Architektur enormen Erfolg auch im Sinne einer wirklichen Weiterentwicklung des räumlichen Denkens und seiner Zugänge und Ansprachen verzeichnete. Darunter fallen auch Schreibexperimente der Zeit wie die kybernetischen Texte eines Max Bense oder von John Cage, welcher wiederum aus dem Bereich der frühesten mechanisch-(quasi-) autorlosen Produktion von Kunst, der Seriellen Musik entstammt. Was Bülhoff hier unternimmt, ist im Prinzip ähnlich gelagert: eine Textmaschine in einem zuvor festgelegten Rahmen. Sozusagen mit einer Bewaffnung aus Vokabular. Die Patronen stehen zur Reise bereit, eine sorgsame Auswahl Textmaterial, hier im Sinne eines Autors kuratiert, und danach: ready for arbitrary production and reading! Die Frage, an wen sich das ganze richtet, ist hier im Sinne einer klassischen Lyrikleseerfahrung zurecht ad absurdum geführt. Es geht um die MacLuhansche Massage, und es ist verdammt richtig, damit radikal zu werden. Die Konzeptwelt, die sich auf die maschinellen Produktionswelten bezieht und mit ihr einhergeht, ist unendlich und einer steten Veränderung unterlaufen. Insofern hin dort. Andreas Bülhoff gebührt höchstes Lob für seinen Ansatz und die Konsequenz der Umsetzung. Sein Textangebot erinnert stark an einen Bereich der Musik wiederum, der zwischen Serieller Musik und Improvisation steht, und dessen hervorragender Vertreter John Zorn ist. Seit den späten 70ern entstehen bei einem seiner vielen Kompositionsansätze sogenannte game pieces, d.h. file-card compositions, die auf ein zuvor festgelegten tonalen Rahmen und Aktionsradius des Ensembles referieren, wie Bülhoffs Textfläche vor ihrem Anschnitt und dann in einem zweiten Schritt nach ihrem Anschnitt in Form eines spielerischen Würfels/ Voxels. Die Komposition Zorns entsteht wiederum spontan durch Hochhalten der Spielanweisungskarten, sodass letztlich die Autorschaft auf eine gesteuerte Dualform zwischen Kompositionsgrenze, System-Offenheit und Ensemble/ Direktor hinausläuft. Bülhoffs Textfläche besteht zur Hauptsache aus ein- oder zweisilbigen Worten, Wortfetzen aus mindesten vier Sprachen (Deutsch, Englisch, Latein und Französisch etc.) und es ist eigentlich hier die interessante Frage zu stellen, was war das Auswahlkriterium dieses Fundus? Wieso dies und was soll passieren? Es obliegt der Oberseite des Würfels, oder eben der unendlichen Kombinatorik des Lesens bzw. des Lesers. Ob das reicht, ob das jenseits seines Mediums eine Aussage hat und ihr zu trauen wäre, ist an dieser Stelle die falsche Frage. Es reicht weit und hat sein Potential noch nicht ausgeschöpft.

Andreas Bülhoff
die außenwelt der innnenwelt der außenwelt
parasitenpresse
2016 · 14 Seiten · 9,00 Euro

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge