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Kritik

Poet Nr. 19 – Literaturmagazin

Literatur und Glauben
Hamburg

Seit 2006 erscheint zweimal im Jahr das Magazin des Poetenladens als gelungene Mischung von Lyrik, Prosa, Essay und Autorengespräch. Auch der Mischung von jungen und älteren Autoren, bekannten und noch zu entdeckenden Stimmen, ist das von Andreas Heidtmann in Leipzig herausgegebene Magazin bis heute treu geblieben.

Neben Gedichten, Gedichtkommentaren von Michael Buselmeier und Michael Braun, Prosa von vorwiegend jungen Autoren und einem Einblick in die „neue Generation“ von Lyrikern, die in der Anthologie Lyrik von Jetzt 3. babelsprech vertreten sind, ist der Gesprächsteil Literatur und Glauben für mich der gehaltvollste, aufregendste und anregendste Teil dieses Magazins.

Die Frage nach dem Glauben scheint eine sehr aktuelle Frage zu sein, in diesem Jahr an dessen Anfang der Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo stand, und das sich mit einem weiteren, noch mehr Tote fordernden Anschlag in Paris zum Ende neigt. Während in der Zwischenzeit Pegida seinen ersten Jahrestag feierte, und die Kanzlerin behauptet: Wir schaffen das. Ein Jahr, in dem die Radikalisierung zwischen zwei Glaubensrichtungen, nämlich dem Hass, der sich vom „Das Boot ist voll“ Gedanken ernährt und der anpackenden, eher humanitär als kalkulierend argumentierenden Solidarität, in einem erschreckenden Tempo voranschreitet.

Wobei die Auseinandersetzung mit Religion im aktuellen Poet Magazin naturgemäß einen weiteren Aspekt beleuchtet, die Frage nämlich, wie sich die Literatur zur Religion verhält und somit immer implizit mitgedacht die Frage, wie sich der Dichter zur Zeitgeschichte verhält.

Ist Glaube auf die Literatur bezogen so etwas wie ein „utopischer Überschuss“ (Ulla Lenze), als Vertrauen in die Relevanz des eigenen Schreibens, ohne den der Akt des Formulierens, des Anfangens und Beendens nicht möglich wäre?

Keiner der befragten Autoren bestreitet, dass der Glaube unentbehrlich für das Schreiben ist, die Meinungen gehen höchstens in dem Punkt auseinander, ob es der Text oder man selbst ist, an den geglaubt werden muss, der diesen unbedingten (vielleicht auch sturen) Glauben braucht, um überhaupt entstehen und wachsen zu können.

Kann Dichtung als Glaubensbekenntnis verstanden werden, wie es Les Murray in seinem Gedicht „Dichtung und Religion“ ausdrückt?

Bedrückend ist die Erkenntnis, die Marica Bodrozic in acht Jahren Recherche für ihr Buch „Mein weißer Frieden“ gemacht hat. Während vieler Gespräche und Nachforschungen ist sie zu der Überzeugung gekommen, dass Mütter in einem nicht unwesentlichen Ausmaß dazu beitragen, dass sich junge Männer immer schon und immer wieder als Helden instrumentalisieren lassen. Überhaupt ist das Gespräch zwischen ihr und Ewart Reder voller kluger, gerade angesichts der aktuellen politischen Geschehnisse, treffender und weitreichender Erkenntnisse.

Ihren Glauben an die Wirkmächtigkeit der Poesie bringt Bodrozic folgendermaßen zum Ausdruck: „[...] denn poetische Zündungen bringen nicht nur Gedichte hervor, sondern auch anders denkende, anders atmende Menschen. [...] aus dem Unerklärbaren kommt auch alle Poesie. Wir brauchen eine Poesie des Lebens, eine Poesie des Lichts, die uns Forscher unseres Selbst werden lassen [...]“

Nahezu alle Autoren berichten im Gespräch darüber, dass Schreiben auf eine unerklärliche Weise geschieht, wenn es gelingt. Dem Prozess des Schreibens haftet insofern etwas Heiliges an. Eine Art unerklärliche Gewissheit, die bei Ulla Lenze körperlich abläuft und das Gefühl entstehen lässt; „das wird ein Buch.“

Levin Westermann vertritt die These, dass immer dann, wenn das Selbstverständnis, das Selbstverständliche der Dinge und Handlungen verloren geht, das dringende Bedürfnis nach Sinn auftaucht. Für ihn ist Schreiben ein eher meditativer denn religiöser Akt. Den Aspekt des Religiösen betrachtet er in erster Linie als Gegensatz zur Planbarkeit. Auch er spricht vom notwendigen Vertrauen in die Relevanz des eigenen Schreibens:

„[...] ich glaube an die gelingende Kommunikation, daran, dass meine Texte bei einer Handvoll von Menschen die Reaktion auslösen: Das hier geht mich unmittelbar an. [...] Im Idealfall ist es ein Dialog zwischen dem Lesenden und dem Gedicht.“

Alexander Graeff thematisiert im Gespräch das Metaphysische oder Okkulte, von dem er annimmt, dass es nie wirklich aus der Literatur verschwunden ist.

Karla Reimert war schon mit elf Jahren überzeugt davon, gläubig zu sein und Dichterin werden zu wollen. Eine gläubige Dichterin von Kindesbeinen an. Sie selbst spricht vom „Talent zur Gläubigkeit“. Im Laufe ihres Lebens hat Reimert unterschiedliche Religionen ausprobiert. Als prägende Begegnungen mit der Mystik nennt sie Rumi und Mechthild von Magdeburg: „Nichten das Icht – das ist im Prinzip noch heute die Zusammenfassung jeder spirituellen Lehre. Und ich wusste, genau so wollte ich einmal schreiben.“ Während Reimert viele unterschiedliche Religionen kennen lernte, wartete sie sehnsüchtig auf einem „Ruf“, auf eine Klarheit, die ihr sagte, wohin sie gehört, bis sie schließlich einsah: „Die Lösung ist, zwischen allen Stühlen zu sitzen.“ Diese Suche ist übrigens auch in ihrem wunderbaren Gedichtband „Picknick mit schwarzen Bienen“ abgebildet. Reimert spricht vom Zugewinn einer „religiösen Alphabetisierung“. Zur Bedeutung ihres Glaubens für das Schreiben sagt sie, dass sie in erster Linie die humanistische Sichtweise interessiere: „Was folgt aus meinem Glauben für die anderen Menschen? Und wie kann meine Sprache das ausdrücken?“ Gott dann schließlich doch wieder aus ihren Gedichten zu streichen, betrachtet Reimer als „ganz eigene Form des Gebotes „Du sollst den Namen Deines Herrn nicht missbrauchen.“ Sie betont Liebe und Toleranz als Eckpfeiler jeder Religion: „Wenn ich Einheit annehme, liegt gerade in der Vielzahl ein Schlüssel, und jeder andere bedeutet etwas, was unendlich wichtig ist für mich.“ Ein Gedanke den sie dem Konkurrenzdenken und Ausschließlichkeitsgebaren der Religionen untereinander entgegensetzt.

Yevgeniy Breyger behauptet abschließend nur an die „Poeisis des Gedichts“ zu glauben. Auch er spricht vom spirituellen Moment beim Schreiben und von seinem Beharren an dem Hohen und Magischen im Gedicht festzuhalten. Im Übrigen bezeichnet Breyger sich als Atheist, zum Verhältnis von Religion und Literatur äußert er:

„Literatur könnte niemals Religionsersatz sein, denn natürlich schafft sie nicht diese naive Sicherheit, die Religion bieten kann. Ich würde Literatur in puncto Sicherheit fast schon als das Gegenteil von einer Religion beschreiben.“

Auch bei ihm bezeichnet das Mystische den beim Schreiben wirksamen Wunsch, näher an das Unsagbare heran zu kommen, es immer enger zu umkreisen.

Festzuhalten bleibt, dass Religion in allen Gesprächen als etwas gesehen, gedacht oder zumindest gewünscht wird, das tolerant ist, das die Vielfalt (der Zugänge zum Glauben, zum Heiligen) würdigt. Ein fragwürdiger Glaube steht hier im Mittelpunkt, ein Glaube, der die Fragen würdigt, der zur Suche ermuntert, statt Wahrheiten ein für alle Mal fest zu schreiben. Und insofern ist, mit Les Murray zu sprechen „Religionen Gedichte.“

„[...] Es ist derselbe Spiegel:
beweglich, aufblitzend nennen wir es Dichtung,

um eine Mitte verankert nenne wir es eine Religion,
und Gott ist die Dichtung, die in jeder Religion gefangen wird,
gefangen, nicht eingesperrt. [...]“

         Dichtung und Religion – Les Murray

 

 

 

 

 

Andreas Heidtmann (Hg.) · Katharina Bendixen (Hg.)
Poet Nr. 19
Gesprächsthema: Literatur u. Glauben
poetenladen
2015 · 9,80 Euro

Fixpoetry 2015
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