Fixpoetry

Wir reden über Literatur
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triedere ausgabe 18
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triedere ausgabe 18
Kritik

Peter Bürger, übernehmen Sie!

poet nr. 21 - Literatur und Fortschritt
Hamburg

Nicht nur auf Fixpoetry, aber hier auch nicht ganz zuletzt, wogte
jüngst eine einigermaßen emotional gefärbte Diskussion über David Krauses Lyrikdebüt. Was immer man sonst über Krauses Buch sagen mag, man wird zustimmen müssen: "Die Umschreibung des Flusses" hatte es offenbar in sich, die stets schwelende Konkurrenz mehrerer weitverbreiteter Begriffe davon, was bei Gedichten Qualität wäre, einmal mehr sichtbar zum Aufflackern zu bringen. Im sonstigen Diskutieren-über-Lyrik können diese Begriffe ja oft genug koexistieren, entweder, weil man die Grundlagen der Rede des Gegenübers auch einfach ignorieren und angeregt aneinander vorbeiplappern kann, oder, weil ein bestimmter Text verschiedenen Kriterien zugleich gerecht wird.

Diese Konkurrenz der Begriffe ("Authentizität", "Originalität", "Stringenz" etc.) hat mit der Veränderung ihrer Bedeutungen im Laufe der Zeit zu tun – wir können, falls wir die Welt so sehen, da auch von einem "Fortschritt" reden und uns dann auf eine umfangreiche Diskursgeschichte beziehen. Wenn es nun in der 2016er Herbstausgabe von "poet", mithin der hauseigenen Literaturzeitschrift des poetenladens, wo auch Krauses Buch erschienen ist, um just diese Frage nach "literarischem Fortschritt" geht, dann ist das zwar sicherlich eine zufällige Fügung, passt aber gut zusammen. Ich würde sogar soweit gehen, den "Gespräche"-Teil dieser Ausgabe für mich persönlich als Glossar neben die "Krause-Debatte" (there, I called it) in ihrer Gesamtheit zu stellen …

… aber eins nach dem anderen. Denn zuerst gibt es in Nummer 21 von poet die Erzählprosa, dann die Lyrik allgemein, dann speziell die Lyrik aus dem Schwerpunktland Venezuela, dann einen Abschnitt mit der Überschrift "Gedichte, kommentiert" und erst am Ende kommen die besagten "Gespräche".

Zur Prosa: Bemerkenswert vor allem die beiden Übersetzungen von Prosen angolanischer Autor_innen, die beide auf unterschiedliche Art utopische Gesten explizieren und mich auch über diesen Umstand hinaus herausfordern (wobei ich vermute, dass es sich bei diesen Herausforderungen nicht ausschließlich, aber zum Teil um Fälle produktiven Missverstehens zwischen den Lesekulturen handelt). Sie sind bemerkenswert auch und gerade im Kontrast zu den deutschsprachigen Darreichungen dieses Abschnitts, die zwar untereinander viel unterschiedlicher sind, als es das Klischee vom aktuellen instituts-realistischen Einheitsbrei nahelegen würde, aber die mir alle ein wenig zu interesselos über den Dingen schweben, zu sehr daran interessiert, ihr jeweiliges "Ding" zu machen. Diese "Dinger" lassen sich dann als ein Spektrum abbilden, mit P. Suhms surrealistischem Ansatz (oder war's bloß ein unzuverlässig-zugedröhnter Erzähler?) an einem Ende und Annemarie Rennerts nahe am Essay gebauten, reflektiert-reflektierendem Text am anderen, und dazwischen allerhand Spielarten von, doch doch, gekonnt optimierten Erzählsprachen.

Zur Lyrik: Dieser Abschnitt beginnt in poet nr. 21 mit ein paar Gedichten von Keith Waldrop neben den dazugehörigen Übersetzungen von Jan Kuhlbrodt und Peggy Neidel. Dafür, dass Waldrops Kombination aus strenger Form, american-songbook-Klang und scheinbar ungezwungener Alltagssprache offensichtlich nicht ganz adäquat einzufangen ist (wie war das mit der Prozentzahl an Reimwörtern im Englischen verglichen zum Deutschen?), kommt Neidel bemerkenswert weit mit ihrer Nachdichtung. Später im Kapitel gibt es ein langes Gedicht im engen Sinn dieser Bezeichnung von Uwe Hübner 1, das eine exemplarische Biographie im Deutschland der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Gegenstand hat, zu lesen als Bänkelsang oder als investigative poetry, jedenfalls geil. Ansonsten und mit Verlaub: Lauter Texte, die mir eigentlich gefallen würden (insbesondere die von Barbara Kloos),  die es aber dann durchaus drauf anlegen, mir mit Metaphysik zu kommen (also: nicht alle Texte, aber alle drei Verfasser_innen); die mir gleichsam die bittere Pille vormodernen Denkens vermittels eines reichhaltigen Menüs formal interessanter, welthaltiger, anspielungsreicher Gedichte einflößen zu wollen scheinen; ich kann darüber hinwegsehen und Campbell, Schwarz und Kloos gerne lesen (tue es auch, natürlich), aber erwähnen muss ich's trotzdem. Weil: Es wirft mir die Frage vor die Füße: Wo das herkommt, dass "Gott" in seinen diversen Emanationen und Serviervarianten seit Neuestem wieder ganz unhinterfragt mit dazugehört zur Inneneinrichtung der lyrisch aneigenbaren Welt – und zwar eben nicht als Erscheinung barbarischer Vorzeiten oder als sympathisch-falsche Hypothese diverser abzubildender Personen, sondern als Wirklichkeit neben Bäumen, Autos, Wolken … ? Über die Lyrikübersetzungen aus dem venezolanischen Spanisch kann ich mangels Ahnung von spanischsprachiger oder lateinamerikanischer Lyrik nichts Einordnendes sagen; die Übersetzungen lesen sich apart, aber was weiß schon ich?

Zu den "Gedichte[n], kommentiert": Dieser Abschnitt bietet das, was draufsteht, ist kenntnisreich und unterhaltsam zu lesen, und funktioniert zugleich auch als sozusagen Trailer für die von den Herren Braun und Buselmeier herausgegebene und durchkommentierte Lyrikanthologie "Der gelbe Akrobat" und ihre Fortsetzung.

Aber das Interessanteste an dieser Ausgabe; das, was sie vor anderen poet-Nummern deutlich abhebt und das, wo es richtig an die Substanz geht, ist wie Eingangs angedeutet der letzte Abschnitt – "Gespräche" – und innerhalb dieses letzten Abschnitts wiederum vor allem der letzte Beitrag: Nämlich ein Brief von niemand Geringerem als Peter Bürger an die poet-Herausgeber über das selbstgestellte Thema dieser "Gespräche": "Literatur und Fortschritt". Bürger fasst darin seine Kritik aus "Theorie der Avantgarde" an Adornos Begriff vom "avancierten Material" für die Zwecke der konkreten Fragestellung zusammen. Wir können das, wie ebenfalls Eingangs angedeutet, im Nachhinein (und ohne dahingehende Planung annehmen zu dürfen) als hellseherische Vorwärts-Verteidigung von Krauses erwähntem Gedichtband auf der Metaebene lesen – zusammengefasst: Der Rückgriff auf anscheinend/scheinbar veraltetes Sprachmaterial könne künstlerisch komplett up-to-date sein; eher als mit der Interpretation von intrinsischem Zeug gelte es, sich mit den konkreten Beziehungen zwischen jeweiligem Verfasser, Werk und Institutionen zu beschäftigen.

Ebensosehr im Nachhinein, nämlich von diesem Brief Bürgers her, können wir dann die Gespräche lesen, die die poet-Belegschaft mit Sascha Macht, Sabine Scholl, Jo Lendle, Jürgen Ploog und Ann Cotten zum besagten Fortschrittsthema geführt hat. Es liegen da theoretische Äußerungen, Selbstreflexionen und tendenziell Anekdotisches von unterschiedlich am Betrieb (s.o.) Beteiligten neben- und ineinander – eine Menge an Textsorten also, die man (die ich) gewohnt ist (bin), oft genug als etwas zu konsumieren, das im luftleeren Raum über den "eigentlichen Texten" schwebt. Die  nachträgliche Verankerung an Krause by way of Bürger verhindert solches Entschweben und erdet das ganze Unterfangen, sich über "Literatur und Fortschritt" Klarheit zu verschaffen – egal, welche Art von "skin in the game" wir haben, und selbst noch egal, ob wir diese Klarheit für überhaupt erzielbar halten. 

 

Anmerkungen: Herausgegeben von Andreas Heidtmann | Redaktion: Katharina Bendixen, Michael Braun, Michael Buselmeier, Geraldine Gutiérrez-Wienken, Jan Kuhlbrodt, Ineke Phaf-Rheinberger, Martina Weber | Text- und Gesprächsbeiträge von Harry Almela, Matthias Amann, Friedrich Ani, Luis Enrique Belmonte, David Blum, Michael Braun, Jürgen Brôcan, Sonja vom Brocke, Michael Buselmeier, Peter Bürger, Carolin Callies, Paul-Henri Campbell,  Ann Cotten, Elke Erb, Jacqueline Goldberg, Geraldine Gutiérrez-Wienken, Sónja Gomes, Adalber Salas Hernández, Bettina Hesse, Uwe Hübner, Barbara Maria Kloos, Uwe Kolbe, Susan Kreller, Astrid Lander, Jo Lendle, Jessica Lind, Sascha Macht, José Luís Mendoca, Yolanda Pantin, Theresa Pleitner, Jürgen Ploog, Eleonora Requena, Annemarie Rennert, Gabriela Rosas, Sabine Scholl, Andra Schwarz, Patrick Suhm, Carmen Verde Arocha, Keith Waldrop | Übersetzungen von Geraldine Gutiérrez-Wienken, Jan Kuhlbrodt, Peggy Neidel, Manuela Sambo, Martina Weber

  • 1. … und erinnert uns, warum der übergeordnete Abschnitt in dieser Zeitschrift nicht "Lyrik" heißt, sondern "Gedichte" – denn dieses Ding ist ein Erzählgedicht, also im Sinn der Sekundarstufen-Gattungstrias Epik und keine Lyrik
Andreas Heidtmann (Hg.)
poet nr. 21
Gesprächsthema: Literatur & Fortschritt
Poetenladen Verlag
2016 · 256 Seiten · 9,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-80-4

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