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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
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Kritik

Ein gebürtiger Grenzgänger

Hamburg

Anlässlich des 100. Geburtstages von Czesław Miłosz ist ein Sammelband entstanden, der Einblicke in das gewaltige Werk eines ostmitteleuropäischen Poeten und Zeitgenossen freigibt.

Als der in den USA im Exil lebende polnische Schriftsteller Czesław Miłosz(1911-2004) im Jahr 1980 den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, herrschte allseits Verlegenheit. Während seine Texte in Polen lediglich im Untergrund erscheinen durften, war Miłosz im Westen ein nahezu Unbekannter. Lange schon war „Verführtes Denken“, seine Abrechnung mit dem Kommunismus aus dem Jahr 1953, in Vergessenheit geraten. Dabei ist gerade diese Schrift bis heute geeignet, den tückischen Sog zwischen revolutionärer Veränderung und ideologischer Anpassung zu schildern.

Der vorliegende Band war im Rahmen eines internationalen Symposium zu Ehren des 100. Geburtstages von Czesław Miłosz entstanden, welches vom Willy Brandt Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Wrocław/Breslau und des Nordost-Instituts Lüneburg veranstaltet wurde.

Es sei vorweg angemerkt, daß mit diesem Sammelband ein Meilenstein in der Miłosz-Forschung entstanden ist und zugleich ein außergewöhnliches Werk vorliegt.

Fünfzehn renommierte Wissenschaftler tragen aufschlußreiche wie kundige Zugänge zu einer derart komplexen Persönlichkeit, wie Czesław Miłosz sie verkörpert hatte, bei. Als außerordentlich klug erwies sich dabei, die Dichtheit von Leben und Werk Miłosz‘ in vier großen Blöcken aufzuteilen.

Der erste Block, „ARS POETICA“, ermöglicht Einblicke in die literarische Entwicklung des Lyrikers und Essayisten Czesław Miłosz, durchaus im Abgleich mit verwandten wie auch gegensätzlichen literarischen Persönlichkeiten. Dem jungen Miłosz wird im Beitrag von Magdalena Marszałek „Warschau als Akropolis und Vorstadt. Czesław Miłosz‘ „Prolog“ im Kontext seiner Kriegslyrik“ besondere Aufmerksamkeit gewidmet und zugleich führt der Blick über den unmittelbaren zeitgeschichtlichen Kontext hinaus. Daher erweist sich Gerhard Bauers Untersuchung mit dem Titel „Czesław Miłosz' litauisch-polnische, alteuropäischen und kosmopolitische Ars poetica“ als gelungene Hinführung in die Denkwelt von Czesław Miłosz.

Unter dem Schlagwort „RAUMPROJEKTIONEN“ wird der geopolitische Hintergrund in der biographischen Verortung von Czesław Miłosz ausgeleuchtet. In Beiträgen wie „Czesław Miłosz‘ Blick nach Osten und nach Westen. Zu seinem Russland- und Deutschlandbild“ von Alois Woldan und auch „Über das Imperium. Czesław Miłosz und sein Russlandbild im Kontext der polnischen Kultur“ von Alfred Gall geraten politisch ausgerichtete Erkundungen in das Blickfeld. Niemals hatte Miłosz eine Antipathie gegenüber Russland und seiner Kultur gehegt, sehr wohl hingegen das sowjetische System eines verordneten Zynismus verachtet.

Der Exilant Miłosz war im wahrsten Sinne ein gebürtiger Grenzgänger. Er wurde im polnischen Szetejnie geboren, das damals zum Russischen Kaiserreich gehörte. Heute liegt Šeteniai in Litauen. Über Jahrhunderte hinweg waren diese Regionen von Eroberungen und Teilungen gekennzeichnet. Miłosz hatte seiner Herkunft ein trotziges Gedicht entgegen gehalten: „Ich wurde nicht in Polen geboren, / ich wuchs nicht in Polen auf, / ich wohne nicht in Polen, / aber ich schreibe auf Polnisch“.

Herkunft und Prägung derartig kultureller Traditionen entwickeln spezifische Befindlichkeiten. In besonders kenntnisreicher Weise ist Hans-Christian Trepte mit seinem Beitrag „`Krajowość´ versus `polskość´. Miłosz‘ Identitätssuche“ mentalen Spuren nachgegangen. Weder huldigte Miłosz einem banalen Folklorismus, noch unterwarf er sich einem rabiaten völkischen Gestus. Trepte zeigt dies umsichtig auf: „Aufgabe und Ziel seines literarischen Schaffens sah Miłosz darin, sich eingehender mit der Geschichte und Kultur jenes ihm ans Herz gewachsenen Landstreifens zu beschäftigen, dem er selbst entstammte. Auf diese Art und Weise glaubte er einen bescheidenen Beitrag zum Verständnis der verhängnisvollen historischen und gesellschaftlichen Verwicklungen zu leisten, damit Polen, Litauen, Belarus und die Ukraine wieder gute nachbarschaftlichen Beziehungen würden pflegen können“. 

In diesem Zusammenhang bildet Europa mit seinen Traditionen und Werten einen geradezu organischen Bestandteil in Miłosz‘ kulturellem Empfinden. Małgorzata Zemła belegt dies in ihrer Untersuchung: „Die Einheit Europas. Einige Bemerkungen zum Ost-West-Verhältnis in `Rodzinna Europa´“.

„Rodzinna Europa“(= „Familiäres Europa“) lautete der Titel von Miłosz‘ unvermindert lesenswerter autobiographischer Essaysammlung. Im Titel der deutschen Übersetzung „West- und Östliches Gelände“ ist zwar die umfassende Klammer des gesamten Europa im Denken von Czesław Miłosz erfasst, allerdings der entscheidende emotionale Aspekt leider verloren gegangen.

Die gemeinsame Herausforderung des europäischen Schicksals war gerade im 20. Jahrhundert Anfeindungen und Bedrohungen ausgesetzt, welche in den Beiträgen unter dem Sammelbegriff „ABGRÜNDE“ verhandelt werden. In besonderer Weise vermag Heinrich Olschowsky in seinem Beitrag „Czesław Miłosz: Poetische Strategie und die Versuchungen des 20. Jahrhunderts“ Zusammenhänge aufzuzeigen.

Im Hitler-Stalin-Pakt hatte die westliche Ignoranz gegenüber mittel- und osteuropäischen Befindlichkeiten einen unbarmherzigen Höhepunkt erreicht. Miłosz hatte sowohl den russischen Bolschewismus wie auch den deutschen Nationalsozialismus persönlich erlebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er ohne Enthusiasmus im kommunistischen Polen in den diplomatischen Dienst eingetreten. Die Mechanismen der neuen Machthaber kannte er gut genug, um sehr bald mit dem Experiment einer Schaffung „neuer Menschen“ in einem bislang nie dagewesenen System zu brechen. Er schätzte die Möglichkeit, als ordentlicher Professor für slawische Literatur im US-amerikanischen Berkeley zu unterrichten, ohne sich in seiner Kritik an der Geistlosigkeit und politischen Naivität des Westens zurückzuhalten. Nach 1989 hatte Miłosz das Glück gehabt, wieder in seine Heimat nach Polen zurückkehren zu können.

Historiker, Philosoph, Politiker, Prophet und Visionär - all dies wollte Miłosz zu keiner Zeit seines langen Lebens sein und dennoch vereinigen sich Momente all dieser Zugangsstrategien in seiner poetischen Welt. Auch insofern bietet der letzte Themenblock in dieser Sammlung – „ARS TRANSLATIONIS“ - grenzüberschreitende Einblick der besonderen Art. Neben unmittelbaren Herausforderung bei der Übersetzung des Werkes von Miłosz, wie sie etwa Christine Fischer unter dem Titel „Makro- und Mikrokosmos in der Lyrik Von Czesław Miłosz und in ihren deutschen Übersetzungen“ darlegt, richten Dorota Cygan und Przemysław Chojnowski ihr Augenmerk auf das Überschreitende im Denken von Czesław Miłosz. Sinnlichkeit und Verstand, Lebensfreude und Kritikfähigkeit - Miłosz bildet letztlich in seinem lyrischen Werk ein zeitloses Modell zur Bewältigung der menschlichen Existenz.

Daß ein Vierteljahrhundert nach der Implosion des „real existierenden Sozialismus“ im Kreml Machthaber unter dem Deckmantel des Patriotismus einem finsteren Obskurantismus anhängen, hatte Miłosz, der die russische Literatur außerordentlich schätzte, nicht mehr erleben müssen. Es wurde ihm erspart, Panzer durch die Ostukraine rollen zu sehen, denen Fahnen mit dem Porträt von Jesus Christus aufgepflanzt sind. Andererseits hatte Miłosz vor allem in seinen letzten Jahrzehnten eindringlich vor einer Verwahrlosung der Religiosität gewarnt. 

Andreas Lawaty (Hg.) · Marek Zybura (Hg.)
Czesław Miłosz im Jahrhundert der Extreme
fibre
2013 · 335 Seiten · 35,00 Euro
ISBN:
978-3-938400-85-2

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