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Kritik

Zum Innehalten und Staunen locken diese Gedichte

Wenn wir wissen, wer wir waren …
Substanz statt Wortgewerkel – Andreas Reimann resümiert

Als ich diesen sorgsam und schlicht gestalteten Band in der Hand hielt – man beachte die ungewöhnliche typografische Gestaltung der Seitenangaben! – wirbelten plötzlich viele Gedankenbruchstücke durch meinen Kopf. Sie haben wohl vor allem mit der Bemerkung Karl Corinos zu tun, der zu Reimanns Liebesgedichten trefflich bemerkte, diese stammen aus der Feder „des bedeutendsten aber unbekanntesten Dichters der Sächsischen Dichterschule“. Als 1999 ein Band Reimanns mit den Texten seiner Lieder, Balladen und Chansons plus einer feinen CD im Leipziger Forum-Verlag erschien, lud dieser zu einer Fahrt mit einem Kahn auf dem Karl-Heine-Kanal ein, um die Neuerscheinung zu feiern. Was freute ich mich drüber, hatten mich doch die Lieder der Gruppe Lift, von Stefan Krawczyk oder Hubertus Schmidt durch meine Jugend begleitet. In der Annahme, der Kahn würde brechend voll werden, bestellte ich Wochen vorher Tickets. Ja, und dann trudelten wir zu fünft – zwei Gäste, der Autor, Hubertus Schmidt und der Verleger – durchs Wasser, das trübe … In einem Liebeslied für die Gruppe Lift schrieb Reimann vor vielen Jahren: „Wenn wir wissen, wer wir waren, wissen wir, was uns erträgt“.

Der Titel der vorliegenden Sammlung verrät, dass ein Zustand zwischen Vergangenem und Heutigen hintersinnig und teilweise ironisch resümiert wird. Und das von einem Dichter, der sich nie an die Rockschöße der Macht gehängt hat, von einem, der auch heute kein goldenes Löffelchen auf der Zunge trägt, um Originelles oder Gefälliges zu flüstern. Zwei Jahre war er weggesperrt wegen „staatsfeindlicher Hetze“, auch später war das Land Liliput der Ansicht, es könne einen Dichter zum Schweigen bringen, in dem er nicht gedruckt wurde.

Doch Erinnern befällt einen wie Reimann täglich neu. „Wir saßen beisammen inmitten der zeit, / aber am rande. Vor ratlosigkeit / schweigend / Und rauchend / (…) Und spielten noch immer: ich sehe was, / was du nicht siehst!“ Jüngere verwursten heute im Literaturbertrieb Erfahrungen, die sie nie gemacht haben, einige von ihnen kopieren sogar gnadenlos. Und werden gefeiert dafür. „Geht deine angst nicht vorüber?“ fragt Reimann, und treibt sein lyrisches Ich sofort weiter: „Dunkelwald-wanderer, sing! Gräber und gräber. Und drüber, alter mann, spring!“

Besonders im Kapitel „Nach dem Wetterbericht“ artikuliert der Dichter sein Unbehagen über die Jetztzeit, die oberflächliche Nettigkeit der Kollegen, die eilig vorbeihuschen, nicht aber ohne sich einer Zugehörigkeit zu versichern. „Na ja, das fressen war halt angericht, / und grausam das gedrängel an den trögen! – (…) Sie sind in eile – Und ich lächle milde: Ei, wie verschämt es sich doch schämt. das pack …“

Oh nein, der Eindruck mag trügen, der Dichter sei voller Wut, dazu ist er zu weise und dem Leben trotz allem voller Zärtlichkeit zugetan. Genau und schnörkellos wird Beobachtetes notiert und zusammengefügt, mit eben jener Form von Pathos, die den Dingen und Zusammenhängen jene Bedeutung verleiht, die sie verdienen. Es ist ein großer Genuss (für den, der ihn sich erlaubt!) solche Zeilen zu lesen: „Wo ausgesamt ragen die rispen, / spreizen hernach sich silberne spangen. / Und hat widerstanden lange die aster / in braunvioletter verweigerung / der allgemeinen entfärbung: jetzt blitzt die brosche aus laub-dünnem blech / und blatt-ader-zartem gebogenem draht / an ihrer stelle.“

Zum Innehalten und Staunen locken diese Gedichte, sie verführen und beschwören nicht, sondern sie heben den Mantel der Oberflächlichkeit vom Wesen der Dinge. Das ist viel in Zeiten von Beliebigkeit und Eitelkeiten. Das verlangt Aufmerksamkeit, Respekt und die Mühe der Zuwendung – einem Dichter gegenüber, der sie wirklich verdient.

Andreas Reimann
Gräber und drüber
Connewitzer
2010 · 144 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-937799469

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