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Kritik

Programmiersprachen

Hamburg

Seit vielen Jahren schreibt der britische Lyriker Andrew Duncan, in Leeds 1956 geboren, nicht nur Gedichte, sondern übersetzt sie auch, u.a. Thomas Kling und Bert Papenfuß aus dem Deutschen, gibt britische Poesiequerschnitte aus 50 Jahren heraus (The Failure of Conservatism in Modern British Poetry) ebenso wie die Zeitschrift Angel Exhaust. Neben diesen dichterischen Tätigkeiten arbeitet Duncan laut Nachwort in einigermaßen witzigen Berufen wie "Projektplaner für Telekommunikationsunternehmen" und "Computerprogrammierer". Zuvor war er lange als Hilfsarbeiter in England und Deutschland tätig. Aus diesen Hintergrundinformationen und offensichtlichen Interessen scheint sich das thematische Spektrum von Andrew Duncans Lyrikband Radio Vortex zu speisen. Er ist im Herbst 2016 in der Brueterich Press erschienen, übersetzt von Konstantin Ames, Thomas Kling, Jan Kuhlbrodt, Norbert Lange, Ulf Stolterfoht, Barbara F. Tax und Hans Thill und herausgegeben von Norbert Lange.

Duncan selbst scheint außerhalb Britanniens lange Zeit ein Art Phantom gewesen zu sein, ist erst über ein Treffen mit Thomas Kling und einigen darauffolgenden Übersetzungen in den deutschsprachigen Raum gelangt (Manuskripte und Schreibkraft) am Anfang der Zweitausender Jahre. Nun gibt es hiermit erstmalig eine Werkauswahl Andrew Duncans als zweisprachige Ausgabe zu lesen, u.a. aus den Originalbänden In a German Hotel, Skeleton looking at Chinese Pictures, Anxiety before entering a Room oder The Imaginary in Geometry zusammengestellt. Duncans Lyrik beschäftigt sich in der Tat mit komplexen Dingen. Vieles dreht sich um Historisches wie entfernte Sagen, Ethnographien, Völker und ihr Tun, das in seinen Gedichten zu einer epischen Form einer Programmiersprache verarbeitet wird, die sich zudem aus Terminologien aus nicht-anthropomorphen Techniken und Hilfsmitteln nährt bzw. sich ihnen widmet, wie Spektren, Fotografien, Zahlen, Metalle. In einem seiner Gedichte heißt es, "Ethno-keltisches Fälschungsgedicht mit technophilen Katarakten", das trifft es haargenau. Diese Kombination, oft von Soziografien über Personen, Daten, Revolution (Pessoa, Trotzki oder Les Paul) durchwoben, erschafft bis auf wenige kurze Ausnahmen, lange deklamatorische Verse, die durch ihre eigenartige Formlosigkeit auffallen. Duncan reiht Satz an Satz. Lediglich Hauptsätze, in einem immer gleichen Rhythmus, der eben den Befehlsstrukturen/ Aussagen einer Programmiersprache gleicht. Es scheint sich dabei aber, durch eine Häufung von Inkonsequenzen und Konzeptbrüchen, bei Duncans poetischem Stil nicht um Gestaltungswillen im Sinne einer visuellen Dimension zu handeln, sondern um eine klare Priorisierung des Inhaltlichen. Die Rhythmik seiner Verse strebt gegen Null bzw. es hat sie nie gegeben oder verweigert sich einfach gegen jene Erwartungshaltung. Das macht seine Gedichte schwierig lesbar; man fliegt raus aus dem Strom, so man je drin war, denn es gibt keine Lenkung, es gibt nur Aussagen. Kein Spiel, niemals Spiel, nur ein offensichtliches Fortgetragenwerden von Duncans Drang sich mitzuteilen. Innerhalb der Mikrowelten der jeweiligen Aussagen gelingt Duncan auf jeden Fall Erstaunliches: Viele seiner Bilder sind aufregend, dicht gesetzt und teilweise von einer verblüffenden Direktheit, beinahe martialischen Detailschilderung wie aus Zeiten der epischen Verklärung von Licht, Donner und Skythen. Wie Miniatur-Epen mit Subkapiteln wendet sich Duncan sibirischen ausgestorbenen Völkern zu oder legt ein wildes Bestiarium aus Wölfen und Schafen in das strenge So-ist's seines Programmiersprachesprechens vor. Nicht alles geht auf. Einiges bleibt fade und aus der Zeit gefallen, nicht einzuordnen in der Verweigerung jeglicher Form und was soll all das Sprechen über völkerkundemuseale, bildungsbürgerliche Streifzüge, wenn doch Gefühle keinen Menschen je verlassen? Schwer zu sagen. Dazu kommt ein Ton in den "sozialkritisch angehauchten Gedichten", der kaum passen mag zum Rest und eher ein später Mitschwinger von wesentlich früherer großer britischer Lyrik von z.B. eines Louis MacNeice scheint, ohne Entscheidendes hinzufügen zu können. Duncans Sprache ist exzentrisch und verwendet ausgefallenstes Begriffsinventar, aber es will nicht recht zusammen gehen, und das große Ganze ist immer nur eine Auswahl von z.T. sogar brillanten Einzelideen, die alle, wie gegen ihren Willen mitgenommen, Duncans Aussagesatzfischzug folgen müssen. Einige Zyklen wie Anglo-Saxon Gems... oder Light oder Precipice of Niches sind auf jeden Fall Highlights und packen, aber seine Verbeugungen an die Ferne oder vermeintliche Charmeentdeckungen wie Lusitanian Angel, In the Ethnographical Museum oder Vertical Features made out wirken wie ein wartendes Absitzen des falschen Fernsehprogramms. Die Übersetzungen sind desgleichen ziemlich uneinheitlich und während einige Duncan sehr gut repräsentieren und lesbar machen, insbesondere tatsächlich Thomas Kling, auch Konstantin Ames, bleiben andere in einer Art Gleichgültigkeit stecken, die Duncans angesprochene Formlosigkeit noch stärker hervortreten lassen, indem sie eine im Original nicht-existente visuelle Strenge hinzuerfinden.

Radio Vortex wirkt insgesamt durchwachsen und weniger attraktiv-geschlossen als Brueterichs Bände aus dem 2016-Programm wie Das Eine oder Brief under Water. Er ist sehr komplex und reich in der Masse an angeschnittenen Wissensbereichen und kann solcherart sicherlich gänzlich polare Meinungen je Gedicht hervorrufen, doch leidet das Buch an seiner Uneinheitlichkeit (die zwar einer Werkübersicht gewissermaßen zusteht, mit der man aber auch durch ehrliches Kenntlichmachen, Zäsuren, Einteilungen etc. gut leben könnte). So bleibt ein bloßes Abwälzen auf den Leser eines in Stil und Sujets äußerst fordernden Dichters. Andrew Duncan ist gewiss eine bedeutende Stimme der britischen Gegenwartslyrik, aber vermutlich sind Lektüren seiner selbstkomponierten Einzelbände der leichtere Einstieg.

 "RIECHT SCHWER NACH LUXUS – IN WIRKLICHKEIT IST ES DIE PEST

[...]
Er bittet um Alufolie als hautenge Arbeitskleidung.
Er bittet um Türpfosten, sobald er einen sieht.
Er schnappt sich mehr als er übrig lässt.
Er fordert ein Ohr für sein enormes Wissen.
[...]"

"GEDICHTE, UNGESCHRIEBEN IN DER LEISEN ERSCHÖPFUNG EINER SONNTAGNACHT
[...]
Gedicht, hochmodische Ideen darlegend
Gedicht, High-Street-Ideen darlegend
Gedicht, Ideen des Inneren Kreis darlegend, erkennbar für den äußeren Kreis
Gedicht, angesiedelt in Loughborough

Gedicht mit Beigabe einer sexy Schauspielerin
Gedicht mit Beigabe von zwei sexy Schauspielerinnen
Gedicht mit Beigabe eines depressiven Priesters und eines Call-Center Typen
Gedicht mit Beigabe eines Dichters

Klassisches Clubgedicht
Tanztheater mit Solostellen für Sieben Skorpione
Gedicht ohne auflistende Struktur
Gedicht in zeitgemäßem Stil

Gedicht, erstellt von der EDV
Psychedelisches Gedicht
Gedicht mit Regierungsmodernisierungsprogramm
Gedicht, in dem die Wörter abwechseln."

"ANGELSÄCHSISCHE GEMMEN:
EINE NIELLO-SPANGE, 9. JAHRHUNDERT, DER FÜNF SINNE

[...]
Geschmack
Wie eine nisse gelegt in unabgefallene blüte
Vom herzen des apfels
Borgt sich die made ihren eigenen geburtskanal, kernhaus zur schale:
On chafts durch apfelfleisch, auf hügeln durch die luft dann:
Seine flügel surren in der luft, sein rachen weich auf weißer kugel.
Das war die redekunst der schlange, ihr scharfes maul –
Gärung geht dazwischen,
Die Versuchung verschlungen im luxus des fleischs –
Wurm, apfel, impuls, alles ist eins.

Smell: the wolf.
In the thicket of all essences the Earth exhales
The grey head lifts into the wind.
The muzzle is primed with scent-sparks.
The owner-of-many-sheep snuffs the laden air –
Freighted stream, dilator of time, dew of reek.
Husk of the divine real! Auspices!

Des nachts sendet er, sie einzulullen, wachenden schäfern träume
Und träume sind die fährten ihm.
Bilder, krämpfe,
Zittern überfährt seine lungen und muskulatur
Wie winde, die spuren auf bewachsenen höhenrücken peitschen.
Seine vier glieder denken in meilen
(Witterung: von nüster-regung zu zeit und plänen
Von hauchen zu benehmen und suchmustern.)
Sein rachen knackt abgedrehte fleisch-piktogramme,
Sein reißzahn schmerzt ihn: fell und fett.
Sein braunes herz seht sich, kleinere herzen aufzuessen.

In His head the shadow of each limb is stronger
Than in the lofty head of Man.
Thought pours in His head thick as blood-marrow.
The sheep, cavorting! the silly sheep
Gushing round his bones likes becks round rocks!
The mutton bellowing strides to his tendons!
Smells make reeks to pour from his own pelt.
The wind hitting his hides spatters the image of a wolf
By droplets across the landscape, nosescape.
Heavy as Burgundy, high as six-day-pheasant,
Those two saps, scent and thought, roll in two gullets.
[...]"

 

Andrew Duncan · Norbert Lange (Hg.)
Radio Vortex
englisch/deutsch
Brueterich Press
2016 · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-945229-11-8

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